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»Vielleicht kann Euch mein Gatte selbst Aufklärung geben?«

»Hoffen wir es«, seufzte der Advokat.

In seiner Schneeverbrämung wirkte der riesige Block der Bastille noch düsterer und trübseliger als sonst. Von den Plattformen der Wehrtürme stiegen winzige graue Rauchfahnen zum verhangenen Himmel auf. Wahrscheinlich hatte man beim Gouverneur und in der Wachstube eingeheizt, aber Angélique konnte sich unschwer die eisige Feuchtigkeit der Zellen vorstellen, in denen die >vergessenen< Gefangenen sich auf ihren schimmelnden Strohsäcken zusammenkauerten.

Desgray hatte sie in eine kleine Schenke der Vorstadt Saint-Antoine geführt, wo sie auf ihn warten sollte. Der Wirt und noch mehr dessen Tochter schienen ihm wohlbekannt zu sein.

Von ihrem Ausguck neben dem Fenster konnte Angélique alles beobachten, ohne bemerkt zu werden. Das Gefängnis ragte genau ihr gegenüber auf. Sie sah deutlich die Posten des Außenwerks, die in die Hände bliesen und durch Stampfen ihre Füße zu wärmen suchten. Zuweilen rief ihnen einer ihrer Kameraden von der Höhe der Zinnen ein Wort zu, und ihre hallenden Stimmen durchschnitten die eisige Luft.

Die Schenke lag an der morastigen Rue de la Contrescarpe, die am Zeughauskanal und den Gräben der Bastille entlangführte. Trotz der Kälte war die Luft durch den faden Geruch der fauligen Gewässer verpestet.

Reiter und Kaufleute, die die Stadtgrenze an der Porte Saint-Antoine erreichten, machten halt, um den Zoll zu entrichten. Eine Weile wurde Angélique durch die Ankunft eines Zigeunertrupps abgelenkt, auf dessen mageren Kleppern Frauen und Kinder mit dunklen, glühenden Augen saßen.

Die Männer, die mit arroganter Miene Rapiere und Federhüte trugen, stritten sich lange mit dem Zöllner. Schließlich ließen sie zwei Äffchen vor ihm tanzen, und da der Mann seinen Spaß daran hatte, brauchten sie nichts zu bezahlen.

Gleich darauf fuhr, von Läufern begleitet, eine Kutsche vorüber, und Angélique erkannte im Innern die Gesichter Madame Fouquets und ihrer Tochter. Es fiel ihr ein, daß der Oberintendant zur Zeit im Zeughaus wohnte, wo er glänzende Gesellschaften gab.

»Ich wünschte«, dachte Angélique, »ich wünschte von ganzem Herzen, dieser Mann würde eines Tags den Lohn für all seine Schurkereien ernten. Schließlich ist das Zeughaus nicht allzu weit von der Bastille entfernt.«

Endlich erkannte sie Desgray, der von der Zugbrücke her zwischen den Pfützen der Straße auf die Schenke zuschritt. Ihr Herz begann in unerklärlicher Beklommenheit zu klopfen.

Sein Verhalten und sein Gesichtsausdruck kamen ihr merkwürdig vor. Er bemühte sich zu lächeln, dann sprach er überstürzt und in einem Ton, der Angélique unecht erschien. Er sagte, es sei ihm ohne sonderliche Mühe gelungen, Monsieur de Peyrac zu sprechen, und der Gouverneur habe sie sogar eine Weile allein gelassen. Sie waren übereingekommen, daß Desgray die Verteidigung übernehmen sollte.

Zuerst hatte der Graf keinen Advokaten haben wollen und behauptete, wenn er darauf eingehe, bedeute das zugleich seine Zustimmung, vor ein gewöhnliches Gericht gestellt zu werden und nicht, wie er es verlange, vor den Gerichtshof des Parlaments. Er wolle sich selbst verteidigen. Aber nach kurzer Unterhaltung mit dem Advokaten hatte er dessen Mitwirkung zugestimmt.

»Ich wundere mich, daß ein so argwöhnischer Mensch wie er so rasch nachgegeben hat«, meinte Angélique. »Eigentlich hatte ich erwartet, Ihr würdet einen richtigen Kampf mit ihm ausfechten müssen.«

Der Advokat zog die Stirn in Falten, als litte er an heftigen Kopfschmerzen, und bat die Tochter des Wirts, ihm einen Schoppen Bier zu bringen.

Endlich sagte er in wunderlichem Ton:

»Euer Gatte hat allein beim Anblick Eurer Schriftzüge nachgegeben.«

»Er hat meinen Brief gelesen? Hat er sich über ihn gefreut?«

»Ich habe ihn ihm vorgelesen.«

»Warum hat er .«

Sie hielt inne und sagte dann mit tonloser Stimme:

»War er denn nicht fähig, selbst zu lesen? Weshalb? Ist er krank? Redet doch! Ich habe das Recht, es zu erfahren!«

Unbewußt hatte sie den jungen Mann beim Handgelenk gepackt und bohrte ihm die Nägel ins Fleisch.

Desgray wartete, bis das Mädchen, das ihm das Bier brachte, sich wieder entfernt hatte.

»Faßt Euch«, sagte er mit einem Mitgefühl, das nicht geheuchelt war, »es ist besser, Ihr erfahrt alles. Der Gouverneur der Bastille hat mir nicht verheimlicht, daß Graf Peyrac die Folter erlitten hat.«

Angélique wurde leichenblaß.

»Was hat man ihm angetan? Hat man ihm die abgezehrten Glieder gebrochen?«

»Nein, wohl haben ihn die Folterung mit den spanischen Stiefeln und das Stäupen sehr geschwächt, und seitdem kann er nur liegen. Aber das ist noch nicht das schlimmste. Er benutzte die Abwesenheit des Gouverneurs, um mir Einzelheiten über die Prüfung mitzuteilen, die der Mönch Becher mit ihm vorgenommen hat. Er versicherte, daß der Stift, dessen sich dieser dabei bediente, mit einer langen Nadel versehen war, die Becher ihm immer wieder tief ins Fleisch stieß. Von jähem Schmerz erfaßt, schrie er ein paarmal auf, was von den Zeugen ungünstig ausgelegt wurde. Was die besessene Nonne betrifft, so hat er sie nicht einwandfrei erkannt, da er halb ohnmächtig war.«

»Leidet er sehr? Ist er verzweifelt?«

»Er ist sehr gefaßt, obwohl er sich nach nahezu dreißig Verhören erschöpft fühlt.«

Nachdem er eine Weile nachdenklich vor sich hin gestarrt hatte, setzte Desgray hinzu:

»Darf ich es Euch gestehen? Im ersten Augenblick hat mich sein Anblick abgestoßen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Ihr die Frau dieses Mannes seid. Als wir aber einige Worte miteinander gewechselt hatten und ich seinen leuchtenden Augen begegne-te, erkannte ich die Seelenverwandtschaft ... Oh, ich vergaß! Graf Peyrac hat mir etwas für seinen Sohn Florimond aufgetragen. Er läßt ihm sagen, daß er ihm bei seiner Rückkehr zwei kleine Spinnen mitbringen wird, die er das Tanzen gelehrt hat.«

»Puh! Ich hoffe, Florimond wird sie nicht anrühren«, sagte Angélique, die sich mühsam beherrschte, um nicht in Tränen auszubrechen.

»Jetzt sehen wir klarer«, sagte der R. P de Sancé nach Anhören des Berichts, den ihm der Advokat über seine letzten Schritte erstattet hatte. »Nach Eurer Ansicht, Maître, wird sich die Anklage auf den Vorwurf der Hexerei beschränken und auf das von dem Mönch Becher verfaßte Protokoll stützen?«

»Ich bin fest davon überzeugt, denn gewisse Behauptungen, die den Grafen Peyrac des Verrats am König zu beschuldigen suchten, haben sich als haltlos erwiesen. Notgedrungen kehrt man zur ursprünglichen Anschuldigung zurück: ein Hexenmeister ist es, den das Zivilgericht abzuurteilen gedenkt.«

»Trefflich. Man muß also einerseits die Richter davon überzeugen, daß bei den wissenschaftlichen Arbeiten, denen sich mein Schwager widmete, nicht Übernatürliches im Spiele war, und zu diesem Zweck wollt Ihr veranlassen, daß die Arbeiter vernommen werden, die er beschäftigte. Andererseits muß man die Wertlosigkeit des Exorzismus dartun, auf dem sie zu fußen gedachten.«

»Wir hätten gewonnenes Spiel, wenn die Richter, die alle sehr religiös sind, überzeugt werden könnten, daß es sich hier um einen Scheinexorzismus handelt.«

»Wir werden Euch behilflich sein, das zu beweisen.«

Raymond de Sancé schlug mit der Handfläche auf den Tisch des Sprechraums und wandte sein edel geformtes, blasses Gesicht dem Advokaten zu. Diese Bewegung und die halbgeschlossenen Augen - das war mit einem Male der auferstandene Großvater de Ridouët. Und Angélique spürte beglückt, wie der schützende Schatten von Monteloup sich über ihr bedrohtes Heim breitete.

»Denn da gibt es etwas, was Ihr nicht wißt, Herr Advokat«, sagte der Jesuit in bestimmtem Ton, »ebensowenig wie viele Kirchenfürsten in Frankreich, deren Wissen auf religiösem Gebiet freilich oft sehr viel geringer als das eines kleinen Landpfarrers ist. So wißt denn, daß es in Frankreich nur einen einzigen Mann gibt, der vom Papst autorisiert worden ist, die Fälle von Besessenheit und Manifestationen des Satans zu prüfen. Dieser Mann gehört dem Jesuitenorden an. Nur dank seines besonnenen Lebenswandels, seiner tiefschürfenden Studien hat er von Seiner Heiligkeit das furchtbare Privileg empfangen, mit dem Höllenfürsten von Angesicht zu Angesicht Zwiesprache zu pflegen. Maître Desgray, ich glaube, Ihr werdet die Richter weitgehend entwaffnen, wenn Ihr ihnen erklärt, daß einzig ein vom R. P Kircher, dem Großexorzisten von Frankreich, unterzeichnetes diesbezügliches Protokoll in den Augen der Kirche Gültigkeit besitzt.«