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Sie hörte ihm beklommenen Herzens zu, unfähig, neue Hoffnung zu schöpfen.

Der Geistliche nahm die junge Frau bei den Schultern, drückte sie an sich und küßte brüderlich ihre kalten Wangen.

»Hab Vertrauen, liebe Schwester«, wiederholte er.

Dann lauschte sie den vom Schnee gedämpften Hufschlägen zweier Pferde, die sich in Richtung des Torturms entfernten. Durch die Porte Saint-Antoine würden sie die Straße nach Lyon erreichen und mit verhängten Zügeln den Alpen, dann Italien zustreben.

Ein Schauer überlief Angélique. In dieser Nacht noch, während die Weihnachtsglocken läuteten und die Orgeln von Notre-Dame und der anderen Kirchen ihre fröhlich brausenden Fluten über die Pelze vermummter Fürstlichkeiten ergossen, würden drei Männer in das grausige Dunkel eines Verlieses schleichen, um dort den Teufel herauszufordern.

Stumm befestigte sie die Börse, die Raymond ihr zugeschoben hatte, an ihrem Gürtel, kehrte auf ihren Platz neben Madame Scarron zurück und versuchte zu beten.

Der Advokat Desgray bewohnte auf dem Petit-Pont, der die Cité mit dem Universitätsviertel verbindet, eines jener schmalen, alten Häuser mit spitzem Dach, deren Fundamente seit Jahrhunderten von der Seine bespült werden und die all den Überschwemmungen zum Trotz noch immer standhalten.

Da Angélique ihre Ungeduld nicht mehr beherrschen konnte, suchte sie ihn schließlich auf, obwohl er ihr geraten hatte, den Temple-Bezirk sowenig wie möglich zu verlassen. Sie hatte seine Adresse vom Wirt der »Drei Mohren« bekommen. Seit Raymonds Abreise hatte sie den jungen Mann nicht mehr gesehen und auch keine Nachricht von ihm erhalten. Die Jesuiten empfingen sie freundlich, aber auch sie wußten nichts oder wollten nichts sagen. Pater Kircher war unauffindbar, und man gab ihr zu verstehen, daß der Großexorzist nicht dauernd belästigt werden dürfe. So machte sie sich, nachdem sie eine Maske aufgesetzt und sich in ihren Umhang gehüllt hatte, endlich auf die Suche nach dem Advokaten.

An dem Ort angekommen, den man ihr bezeichnet hatte, zögerte sie einen Augenblick. Wirklich, dieses Haus paßte zu Desgray: ärmlich, verkommen und ein ganz klein wenig arrogant.

Der Schatten der Gefängnismauern des Kleinen Châtelet, in dem die randalierenden Studenten eingesperrt zu werden pflegten, fiel auf seine verwahrloste Fassade. Im Erdgeschoß beschützte eine von alten Skulpturen umgebene Statue des heiligen Nikolas den Laden eines Wachsziehers. Bei ihm kauften die Beter der nahe gelegenen Kathedrale von Notre-Dame ihre Weihkerzen ein.

Der Wachszieher gab der jungen Frau Auskunft: der »Unglückskanzlist« wohne im obersten Stockwerk. Das sei eben gut genug für ein übles Individuum, das sich mit dem Hinweis auf seinen blutdürstigen Hund weigere, Miete zu zahlen, und für einen verkommenen Trunkenbold, der in alles seine Nase stecke und die ehrlichen Leute nicht in Frieden lasse. Ganz bestimmt werde man ihn eines Tages in der Seine wiederfinden, und - beim heiligen Nikolaus! - alle Welt werde sich geradezu darum reißen, ihn dort hineinzuwerfen.

Nicht ganz unberührt durch diese Schmähungen kletterte Angélique die Wendeltreppe hinauf, deren morsches Holzgeländer mit seltsamen grinsenden Skulpturen verziert war. Im obersten Stockwerk gab es nur eine Tür. Da sie an der Schwelle den Hund Sorbonne schnuppern hörte, klopfte sie. Ein üppiges Frauenzimmer mit geschminktem Gesicht und einem Halstuch, das den ausladenden Busen nur mangelhaft verhüllte, öffnete ihr.

Angélique zuckte zurück. Auf dergleichen war sie nicht gefaßt gewesen.

»Was willst du?« fragte die andere.

»Wohnt hier Maître Desgray?«

Jemand rührte sich im Innern des Raums, und der Advokat erschien, einen Federkiel in der Hand.

»Tretet ein, Madame«, sagte er in ungezwungenem Ton.

Ohne viel Umstände schob er das Mädchen hinaus und schloß die Tür.

»Könnt Ihr Euch denn gar nicht gedulden?« brummte er vorwurfsvoll. »Müßt Ihr mich bis in meinen Bau verfolgen, auf die Gefahr hin, einen Kopf kürzer gemacht zu werden .?«

»Ich bin ohne Nachricht seit .«

»Seit sechs Tagen erst.«

»Was ist das Ergebnis des Exorzismus?«

»Setzt Euch dorthin«, sagte Desgray erbarmungslos, »und laßt mich fertigschreiben, was ich gerade unter der Feder habe. Hinterher können wir uns unterhalten.«

Sie ließ sich auf der Sitzgelegenheit nieder, die er ihr anwies und die nichts anderes war als ein vermutlich zur Aufbewahrung seiner Kleidung dienender Kasten. Angélique schaute sich um und stellte fest, daß sie noch nie ein so erbärmlich eingerichtetes Zimmer gesehen hatte. Das Tageslicht drang nur durch ein kleines Butzenscheibenfenster herein. Ein kümmerliches Kaminfeuer vermochte die vom Fluß heraufdringende Feuchtigkeit nicht zu vertreiben. In einem Winkel des Raums waren auf dem Fußboden Bücher aufgestapelt. Desgray besaß nicht einmal einen Tisch. Er hockte auf einem Schemel und benützte ein Brett, das er über seine Knie gelegt hatte, als Schreibunterlage. Sein Schreibzeug stand neben ihm auf der Erde.

Das einzige größere Möbelstück war das Bett, dessen Vorhänge aus blauem Köper ebenso wie die Decken völlig durchlöchert waren. Immerhin wies es weiße, saubere Bezüge auf. Unwillkürlich kehrte Angéliques Blick immer wieder zu diesem zerwühlten Bett zurück, dessen Unordnung eindeutig die Szene verriet, die sich wenige Augenblicke zuvor zwischen dem Advokaten und dem so hurtig verabschiedeten Mädchen abgespielt haben mußte. Die junge Frau fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Die vergangene, im Wechsel von Hoffen und Bangen verbrachte Zeit der Enthaltsamkeit, die ihre Nerven zermürbt hatte, machte sie empfänglich für derlei Vorstellungen.

Sie verspürte das heftige Bedürfnis, sich an eine männliche Schulter zu schmiegen und in einer fordernden, ein wenig brutalen Umarmung alles zu vergessen, einer Umarmung, wie sie vermutlich diesem Burschen zuzutrauen war, dessen krächzende Federzüge die Stille durchbrachen.

Sie betrachtete ihn. Absorbiert runzelte er die Stirn und bewegte seine schwarzen Augenbrauen in der Bemühung des Nachdenkens.

Sie schämte sich ein bißchen, und um ihre Verwirrung zu verbergen, streichelte sie mechanisch den großen Kopf der Dogge, den diese ergeben auf ihre Knie gelegt hatte.

»Uff!« stöhnte Desgray, indem er aufstand und sich reckte. »Nie in meinem Leben habe ich so viel von Gott und der Kirche geredet. Wißt Ihr, was diese Blätter darstellen, die da auf meinem Fußboden verstreut liegen?«

»Nein.«

»Die Verteidigungsrede des Advokaten Desgray, die er in dem Prozeß des der Hexerei angeklagten Seigneur de Peyrac halten wird, einem Prozeß, der im Justizpalast am 20. Januar 1661 zur Verhandlung kommt.«

»Das Datum ist festgesetzt?« rief Angélique erblassend aus. »Oh, ich muß unbedingt dabeisein! Verkleidet mich als Gerichtsbeamten oder als Mönch. Freilich, ich bin in andern Umständen«, meinte sie und schaute verdrießlich an sich herab, »aber es ist kaum zu sehen. Madame Cordeau versichert, ich würde ein Mädchen bekommen, weil ich das Kindchen sehr hoch trage. Nun, dann hält man mich eben für einen Kanzlisten, der gern gut ißt und trinkt .«

Desgray mußte lachen.

»Ich fürchte fast, der Betrug wird ein bißchen zu augenfällig sein. Aber ich weiß etwas Besseres. Es werden einige Nonnen als Zuhörerinnen zugelassen werden. Ihr könnt Euch mit Haube und Skapulier unkenntlich machen.«

»Tja, wird da nicht durch meine Leibesfülle der gute Ruf der Nonnen beeinträchtigt werden?«

»Pah! Unter einem weiten Ordenskleid und einem Umhang ist das nicht zu erkennen. Aber ich kann mich doch darauf verlassen, daß Ihr kaltes Blut bewahrt?«

»Ich verspreche Euch, daß ich die zurückhaltendste aller Zuhörerinnen sein werde.«

»Es wird nicht leicht sein«, meinte Desgray. »Ich kann absolut nicht voraussehen, welchen Verlauf die Dinge nehmen werden. Jedes Tribunal hat das eine Gute, daß es für eine sensationelle Zeugenaussage empfänglich ist, die vor ihm gemacht wird. Ich halte daher die praktische Demonstration der Goldgewinnung in Reserve, um die Anschuldigung der Alchimie ad absurdum zu führen, und vor allem das Protokoll des Paters Kircher, des einzigen von der Kirche beauftragten Exorzisten, der erklären wird, daß bei Eurem Gatten keine Anzeichen von Besessenheit zu erkennen sind.«