»Ich danke dir, Gott!« flüsterte Angélique. War ihre Leidenszeit nun endlich vorüber? »Wir werden doch gewinnen, nicht wahr?«
Er machte eine zweifelnde Geste.
»Ich habe diesen Fritz Hauer gesprochen, den Ihr rufen ließt«, fuhr er nach einer Pause fort. »Er ist mit all seinen Kasserollen und Retorten angekommen. Höchst eindrucksvoll, dieser gute Mann! Schade. Nun ja! Ich verberge ihn im Kloster der Kartäuser in der Vorstadt Saint-Jacques. Der Unterstützung des Mohren, mit dem ich in Verbindung treten konnte, indem ich mich in der Maske eines Essighändlers in die Tuilerien schlich, sind wir ebenfalls sicher. Sprecht vor allem zu niemand von meinem Plan. Vielleicht steht dabei das Leben dieser armen Leute auf dem Spiel. Und das Gelingen hängt von den paar Demonstrationen ab.«
Die Ermahnung kam der unglücklichen Angélique absolut überflüssig vor.
»Ich bringe Euch nach Hause«, sagte der Advokat. »Paris ist allzu gefährlich für Euch. Verlaßt den Temple-Bezirk vor dem Morgen des Prozesses nicht mehr. Eine Nonne wird Euch Kleider bringen und Euch zum Justizpalast begleiten. Ich möchte Euch darauf vorbereiten, daß diese ehrwürdige Dame sich nicht durch Liebenswürdigkeit auszeichnet. Sie ist meine älteste Schwester. Sie hat mich aufgezogen und ist ins Kloster eingetreten, als sie sah, daß ihre kräftigen jüngferlichen Rutenschläge mich nicht daran gehindert hatten, vom rechten Wege abzuweichen. Sie betet für die Vergebung meiner Sünden. Kurz, sie würde alles für mich tun. Ihr könnt volles Vertrauen zu ihr haben.«
Auf der Straße nahm Desgray Angéliques Arm. Sie ließ es geschehen und war glücklich über diese Stütze.
Als sie am Ende der Brücke anlangten, blieb Sorbonne plötzlich stehen und spitzte die Ohren. Ein paar Schritte entfernt lehnte ein großer, zerlumpter Bursche in herausfordernder Haltung und schien sie zu erwarten. Unter dem verblichenen, mit einer
Feder besteckten Hut erkannte man nur undeutlich sein Gesicht, das durch eine violette Geschwulst gezeichnet war. Das eine Auge wurde von einer schwarzen Binde verdeckt. Der Mann lächelte.
Sorbonne stürzte auf ihn los. Der Bettler sprang mit akrobatischer Gelenkigkeit zur Seite und schlüpfte unter den Bogen eines der Häuser des Petit-Pont. Der Hund hetzte hinter ihm her. Gleich darauf war ein klatschendes Geräusch zu vernehmen.
»Verdammter Calembredaine«, knurrte Desgray. »Er ist trotz des Treibeises in die Seine gesprungen, und ich wette, er ist in diesem Augenblick im Begriff, sich im Pfahlwerk zu verkrümeln. Er hat richtige Rattenlöcher unter allen Brücken von Paris. Er ist einer der verwegensten Banditen der Stadt.«
Sorbonne kehrte mit hängenden Ohren zurück.
Angélique versuchte ihr Entsetzen zu beherrschen, aber sie konnte sich einer beklemmenden Ahnung nicht erwehren. Es wollte ihr scheinen, als sei dieser Halunke, der sich ihr da in den Weg gestellt hatte, das Symbol einer grauenvollen Zukunft.
Es begann eben zu tagen, als Angélique in Begleitung der Nonne den Pont-au-Change überschritt und die Cité-Insel betrat.
Es war bitterkalt. Die Seine führte dicke Eisbrocken mit sich, die an den Pfeilern der alten Holzbrücken zerbarsten. Der Schnee bedeckte die Dächer, säumte die Gesimse der Häuser und schmückte wie ein Frühlingszweig die Turmspitze der Sainte-Chapelle, die inmitten der kompakten Masse des Justizpalastes aufragte.
Von der großen Uhr des Eckturms schlug es siebenmal. Ihr kostbares Zifferblatt auf blauem Grund war zur Zeit Heinrichs III. eine verblüffende Neuerung gewesen. Die Turmuhr war das Juwel des Palastes. Ihre Figuren aus buntem Ton, die Taube, die den Heiligen Geist darstellt und mit ihren Flügeln Frömmigkeit und Gerechtigkeit beschützte, leuchteten im grauen Morgen in all ihrer Farbenpracht.
Aber wie trüb und düster war alles andere in diesem Bezirk! Angélique betrachtete mit Grausen die mächtigen Türme, deren Helme mit den rostigen Wetterfahnen sich dunkelleuchtend vom verhangenen Himmel abhoben. Am Fuß der Mauern klebten die Buden der Wechsler, der Schreiber, der Papier-und Federkielhändler wie eine Muschelkolonie an einer Klippe.
Dem Pont-Neuf benachbart, war der Palast mit ihm durch ein Dreieck hoher Gebäude aus rotem Backstein verbunden, die die Place Dauphine einrahmten. Heinrich IV. hatte sie für gutsituierte Kläger und Beamte errichten lassen.
Der ganze Komplex war nicht nur die Hochburg der Rechtsprechung, er war auch der Tempel der Buch- und Neuigkeitenhändler. Vom Palast und seinen Geheimdruckereien ging so manches Pamphlet, so manches Spottlied aus, das das Volk von Paris dem König und seinen Fürsten in die Ohren schrie. In der Galerie des Palastes wurde das anspruchsvolle Buch verkauft, die Blüte des französischen Geistes. Auf dem Pont-Neuf die Schurkerei und die Beleidigung.
In den Palast kamen die hübschen Herrchen, die man »Maiglöckchen« nannte, und die schönen Damen, die »Preziösen«. Mit zierlichen Schritten bewegten sie sich durch die berühmte Galerie, in der sich die Rufe der Spitzen- und Fächerverkäuferinnen mit dem Geschrei der Kanzlisten und den Unterhaltungen der Advokaten mischten.
Nachdem Angélique und ihre Begleiterin den großen Hof überquert hatten und eine lange Treppe hinaufgestiegen waren, wurden sie von einem Beamten angesprochen, in dem Angélique verblüfft den Advokaten Desgray erkannte. Sie fühlte sich eingeschüchtert angesichts einer weiten, schwarzen Robe, seines makellosen Kragens, seiner Perücke mit den weißen Rollen unter der viereckigen Mütze. Er hielt einen nagelneuen Prozeßsack in der Hand, der mit Akten vollgestopft zu sein schien. Sehr ernst berichtete er, er habe soeben den Häftling im Gefängnis des Justizpalastes besucht.
»Weiß er, daß ich im Saal sein werde?« fragte Angélique.
»Nein! Es würde ihn zu sehr erregen. Und Ihr ...? Ihr versprecht mir, ruhiges Blut zu bewahren?«
»Ich verspreche es Euch.«
»Er ist ... er ist sehr mitgenommen«, sagte Desgray in schmerzlichem Ton. »Man hat ihn grauenhaft gefoltert, was vielleicht dazu führt, daß so offenbare Übergriffe der dunklen Hintermänner dieses Prozesses doch die Richter beeindrucken. Ihr werdet stark sein, was auch geschehen mag?«
Angélique nickte beklommenen Herzens.
Am Eingang des Saales verlangen Leibgardisten des Königs die unterschriebenen Einlaßkarten zu sehen.
Angélique war kaum überrascht, als die Nonne eine solche vorzeigte, wobei sie murmelte: »Dienst Seiner Eminenz des Kardinals Mazarin!«
Ein Gerichtsdiener nahm sich daraufhin ihrer an und führte sie in den Saal zu etwas abseits gelegenen Plätzen, von denen aus man jedoch alles sehen und hören konnte, und Angélique stellte überrascht fest, daß sie sich in Gesellschaft zahlreicher Nonnen der verschiedensten Orden befand, die ein hoher Geistlicher insgeheim zu überwachen schien. Angélique fragte sich, was diese Nonnen in einem Prozeß zu schaffen haben mochten, bei dem es um Alchimie und Hexerei ging.
Der Saal, der zu einem der ältesten Teile des Justizpalastes zu gehören schien, zeichnete sich durch hohe Spitzbogengewölbe aus, von denen reichgeschnitzter Deckenzierat herabhing. Infolge der Butzenscheibenfenster herrschte ein trübes Halbdunkel, und ein paar Leuchter trugen zu der unheimlichen Stimmung noch das Ihrige bei. Zwei oder drei mächtige Kachelöfen verbreiteten ein wenig Wärme.
Angélique bedauerte, den Advokaten nicht gefragt zu haben, ob es ihm gelungen sei, Kouassi-Ba und den alten sächsischen Bergmann zu verständigen.
Vergeblich hielt sie in der Menge nach bekannten Gesichtern Ausschau. Noch waren weder der Advokat noch der Gefangene oder die Geschworenen anwesend. Gleichwohl war der Saal besetzt, und viele Leute drängten sich trotz der frühen Stunde in den Gängen. Es ließ sich erkennen, daß manche wie zu einer Theatervorstellung gekommen waren oder vielmehr zu einer Art öffentlichen juristischen Kollegs, denn der größte Teil der Zuschauer bestand aus angehenden Richtern.