Der gestrenge Denis Talon musterte den jungen Advokaten von oben bis unten und sagte mit mitleidiger Herablassung:
»Junger Maître, ich sehe, daß Ihr Euch nicht genügend informiert habt. Wißt, daß es zuerst der Präsident de Mesmon und nicht Monsieur de Masseneau war, der vom König damit beauftragt wurde, diesen Prozeß zu leiten .«
»Die Vorschrift hätte verlangt, daß der Herr Präsident Mesmon selbst seine Anklageschrift verliest!«
»Ihr wißt offenbar nicht, daß der Präsident de Mesmon gestern plötzlich gestorben ist. Indessen hat er noch die Zeit gehabt, diese Anklageschrift abzufassen, die gewissermaßen sein Testament darstellt. Ihr mögt darin, meine Herren, ein schönes Beispiel für das Pflichtgefühl eines großen Beamten des Königreichs erblicken!«
Alle Anwesenden erhoben sich zu ehrendem Gedenken Mesmons. Doch hörte man einige Rufe in der Menge:
»Ein Teufelsstreich, dieser plötzliche Tod!«
»Giftmord!«
»Das fängt gut an!«
Abermals schritten die Wachen ein. Masseneau ergriff das Wort und brachte in Erinnerung, daß die Öffentlichkeit ausgeschlossen sei. Bei der geringsten Störung werde er alle nicht unmittelbar am Prozeß Beteiligten hinausweisen lassen.
Der Saal beruhigte sich.
Maître Desgray seinerseits begnügte sich mit der Erklärung, die man ihm geliefert hatte und die einen Fall von höherer Gewalt darstellte. Er fügte hinzu, er erkenne den Wortlaut dieser Anklageschrift an, unter der Voraussetzung, daß gegen seinen Mandanten unter strenger Einhaltung dieser Grundlage verhandelt werde.
Nach einigen mit Flüsterstimme gewechselten Worten fand diese Ausgangsposition des Prozesses allgemeine Billigung. Denis Talon stellte Masseneau als Präsidenten des Gerichtshofes vor und verließ feierlich den Saal.
Angélique suchte ängstlich das runde Gesicht des Parlamentsmitglieds von Toulouse zu erforschen. Im Lichtbündel, das es vom Fenster her traf, wirkte es genauso rot wie damals unter der heißen Sonne des Languedoc.
Während er nun den Vorsitz bei diesem Verfahren übernahm, erinnerte er sich gewiß des arroganten Edelmanns, der ihn von seinem Pferd herab zugerufen hatte: »Zurück, Monsieur Masseneau! Laßt das Vermögen vorbei!«
Zweifellos würde er ein sehr rachsüchtiger Richter sein. Deshalb hatte man ihn gewählt. Und welche Haltung würde Maître Fallot einnehmen, der sich bedenkenlos zum Richter über ein Mitglied seiner Familie erhob?
Wer hätte gedacht, daß dieser galante, offenherzige König es so glänzend verstehen würde, sich die Zwistigkeiten seiner Untertanen zunutze zu machen? War dieser Prozeß nur die Frucht seiner Eifersucht und seiner gekränkten Eitelkeit, oder glaubte er wirklich an die Gefährlichkeit des großen, allzu reichen Vasallen?
Aber Angélique wollte hoffen. Alles war nur ein furchtbares Mißverständnis. Außerdem hatte Joffrey einen Anwalt. Entgegen ihren Erwartungen und Befürchtungen zeigte sich ihr Gatte versöhnlich und sogar ehrerbietig. Das würde eine günstige Wirkung auf das Gericht haben.
Schließlich und vor allem beschränkte sich die Anklage strikt auf Hexerei. Das war sehr günstig, und Angélique begriff das Vorgehen des jungen Advokaten, der diesen einzigen Anklagepunkt als alleinige Verhandlungsbasis bestätigt hatte. Denn es war verhältnismäßig einfach, die Unsinnigkeit dieser Beschuldigung darzulegen. Die praktische Demonstration, die Joffrey mit Hilfe des alten Fritz Hauer und Kouassi-Bas bewerkstelligen würde, konnte ihren Eindruck auf Richter nicht verfehlen, die alle recht gebildet waren.
Und zuallerletzt würde der Großexorzist von Frankreich, Pater Kircher, mit seinen eigenen Worten das Zeugnis der Kirche bekräftigen und erklären, daß es sich hier keineswegs um einen Fall von Hexerei handle. Ein solches Zeugnis mußte an das schließlich doch empfindliche Gewissen der Richter rühren.
Angélique fühlte sich ruhiger. Mit Kaltblütigkeit folgte sie dem Gang der Verhandlung.
Der Präsident begann mit dem Verhör.
»Gebt Ihr die Fälle von Hexerei und Zauberei zu, die Euch zur Last gelegt werden?«
»Ich leugne sie in ihrer Gesamtheit.«
»Das steht Euch nicht zu. Ihr habt auf jede einzelne Frage zu antworten, die die Anklageschrift enthält. Überdies liegt es in Eurem eigenen Interesse, denn einige von ihnen lassen sich einfach nicht abstreiten, und es ist besser, wenn Ihr Euch zu ihnen bekennt, denn Ihr habt ja geschworen, die volle Wahrheit zu sagen. Also: Gebt Ihr zu, Gift hergestellt zu haben?«
»Ich gebe zu, zuweilen chemische Produkte hergestellt zu haben, von denen einige schädlich sein könnten, wenn sie verzehrt würden. Aber ich habe sie weder zum Verzehr bestimmt noch verkauft, noch habe ich mich ihrer bedient, um jemand zu vergiften.«
»Ihr gebt also zu, Gifte wie das grüne und das römische Vitriol verwandt und hergestellt zu haben?«
»Durchaus. Aber um daraus ein Verbrechen abzuleiten, müßte man beweisen, daß ich tatsächlich jemand vergiftet habe.«
»Für den Augenblick genügt uns die Feststellung, daß Ihr nicht leugnet, giftige Produkte unter Zuhilfenahme der Alchimie hergestellt zu haben. Wir werden uns damit später noch genauer befassen.«
Masseneau beugte sich über den vor ihm liegenden dicken Aktenstoß und begann in ihm zu blättern. Angélique zitterte vor Angst, es könnte nun eine Anklage wegen Vergiftung folgen. Sie erinnerte sich, daß Desgray ihr von einem gewissen Bourié gesprochen hatte, der für diesen Prozeß zum Richter bestimmt worden war, weil er als geschickter Fälscher galt und gewissermaßen den Auftrag hatte, bei den Akten nach Bedarf betrügerische Manipulationen vorzunehmen.
Während Angélique unter den Richtern diesen Bourié zu entdecken suchte, blätterte Masseneau noch immer. Endlich hüstelte er und schien all seinen Mut zu sammeln.
Zuerst murmelte er in seinen Bart, dann sprach er allmählich lauter und verkündete zum Schluß einigermaßen deutlich:
». um darzutun, wenn das überhaupt nötig ist, wie gerecht und unparteiisch die Rechtsprechung des Königs ist, und bevor ich mit der Aufzählung der Anklagepunkte fortfahre, die jeder der Richter vor sich liegen hat, muß ich kund und zu wissen tun, wie schwierig und behindert unsere Voruntersuchung gewesen ist.«
»Und wie reich an Interventionen zugunsten eines vornehmen und hochmögenden Angeklagten!« ließ sich eine spöttische Stimme inmitten der Versammlung vernehmen.
Angélique erwartete, daß die Gerichtsdiener sich sofort des Störenfrieds bemächtigen würden, aber zu ihrer großen Überraschung bemerkte sie, wie einer von ihnen, der in nächster Nähe postiert war, einem Polizeioffizier einen Wink gab.
»Die Polizei muß bezahlte Leute im Saal haben, um gegen Joffrey gerichtete Zwischenfälle zu provozieren«, dachte sie.
Der Präsident fuhr fort, als habe er nichts gehört. ». um also allen zu beweisen, daß die Rechtsprechung des Königs nicht nur unparteiisch, sondern auch großzügig ist, gebe ich hiermit bekannt, daß ich von den zahllosen Beweisstücken nach reiflicher Überlegung und Zwiesprache mit mir selbst eine ganze Reihe fallenlassen mußte.«
Er hielt inne, schien Atem zu schöpfen und schloß mit dumpfer Stimme:
»Genau vierunddreißig solcher Beweisstücke habe ich ausgeschieden, weil sie zweifelhaft und offensichtlich gefälscht waren, vermutlich in der Absicht, sich an dem Angeklagten zu rächen.«
Die Erklärung löste nicht nur in den Zuschauerreihen, sondern auch bei den Geschworenen, die solchen Mut und solche Milde von seiten des Gerichtspräsidenten offenbar nicht erwartet hatten, Bewegung aus. Einer von ihnen, ein kleines Männchen mit verschlagenem Gesicht und einer Hakennase, konnte sich nicht beherrschen und rief: »Die Würde des Gerichts und mehr noch seine Ermessensfreiheit wird in Frage gestellt, wenn sein eigener Präsident sich für berechtigt hält, nach seinem Gutdünken Anklagepunkte fallenzulassen, die vielleicht die schwerwiegendsten Beschuldigungen darstellen .«