Das Gesicht des Richters erstarrte.
»Es steht Euch nicht zu, Monsieur, uns von göttlichen Verpflichtungen zu reden. Doch weiter ...
Weshalb habt Ihr Euch mit ausschweifenden und auch absonderlichen Menschen umgeben, die aus dem Ausland kamen und, ohne der Spionage gegen unser Land überführt zu sein, immerhin keine ausgesprochenen Freunde Frankreichs oder auch nur Roms sind, wie ich höre?«
»Die nach Eurer Ansicht absonderlichen Menschen sind zumeist ausländische Gelehrte - Schweizer, Italiener oder Deutsche -, deren Arbeiten ich mit den meinigen vergleiche. Diskussionen über die Schwerkraft der Erde sind ein harmloser Zeitvertreib. Was die Ausschweifungen betrifft, die man mir vorwirft, so haben sich in meinem Palais kaum skandalösere Dinge zugetragen als in der Zeit, da die höfische Liebe nach den Worten der Gelehrten selbst >die Gesellschaft verfeinerte<, und gewiß weniger, als heutzutage und allabendlich am Hof und in allen Schenken der Hauptstadt geschehen.«
Angesichts dieser gewagten Äußerung runzelten einige der Richter die Stirn. Doch Joffrey de Peyrac hob die Hand und rief:
»Meine Herren Beamten und Juristen, die Ihr zum großen Teil diese Versammlung ausmacht, ich weiß sehr wohl, daß Ihr dank Eurer Sittenstrenge und vernünftigen Lebensführung eines der gesündesten Elemente der Gesellschaft darstellt. Laßt Euch nicht durch eine Äußerung verstimmen, die von anderen Vorstellungen ausgeht als von den Eurigen, und durch Worte, die Ihr oft selbst in Eurem Herzen geflüstert habt.«
Diese geschickte, in aufrichtigem Ton geäußerte Bemerkung brachte Richter und Kanzlisten, die sich insgeheim durch die Anerkennung ihrer ehrsamen und wenig vergnüglichen Existenz geschmeichelt fühlten, ein wenig aus der Fassung.
Delmas hüstelte und blätterte angelegentlich in seinen Akten.
»Man sagt, daß Ihr acht Sprachen beherrscht.«
»Pico della Mirandola im vergangenen Jahrhundert beherrschte deren achtzehn, und niemand hat ihm damals unterstellt, es sei der Teufel in Person gewesen, der sich die Mühe gemacht habe, sie ihm beizubringen.«
»Außerdem ist erwiesen, daß Ihr die Frauen behext habt. Ich möchte ein von Unglück und Mißgeschick ohnehin genug verfolgtes Menschenwesen nicht unnötig demütigen, aber wenn man Euch anschaut, kann man sich schwerlich vorstellen, daß es Euer Äußeres war, das die Frauen in solchem Maße anzog, daß sie sich allein bei Eurem Anblick umbrachten oder in einen Trancezustand versetzt wurden.«
»Man sollte nichts übertreiben«, sagte der Graf lächelnd. »Nur diejenigen haben sich behexen lassen, wie Ihr es nennt, die dazu willens waren; daß es überspannte Mädchen gibt, wissen wir alle. Das Kloster oder besser noch das Spital ist der ihnen gemäße Aufenthaltsort, und man soll die Frauen nicht nach ein paar Närrinnen beurteilen.«
Delmas setzte eine noch feierlichere Miene auf.
»Es ist allgemein bekannt, und zahlreiche Berichte bestätigen es, daß Ihr bei Euren >Minnehöfen< - einer an sich schon gottlosen Einrichtung, denn Gott hat gesagt: >Du sollst lieben, um dich fortzupflanzen<
- öffentlich die körperliche Liebe verherrlicht.«
»Der Herr hat nie gesagt: >Du sollst dich wie ein Hund oder eine Hündin fortpflanzen<, und ich sehe nicht ein, weshalb das Lehren der Liebeskunst etwas Teuflisches sein soll.«
»Eure Hexenkünste sind es!«
»Wenn ich in der Hexenkunst wirklich so bewandert wäre, würde ich gewiß nicht hier sein.«
Eine weitere Stunde verging, in deren Verlauf verschiedene Richter dem Angeklagten überaus törichte Fragen stellten, etwa die, mit wie vielen Frauen er zu gleicher Zeit geschlechtlich verkehren könne.
Graf Peyrac reagierte auf solche Albernheiten entweder mit Verachtung oder einem ironischen Lächeln. Offensichtlich glaubte ihm niemand, als er versicherte, daß er immer nur eine Frau liebe.
Bourié, den die anderen Richter diese delikate Debatte allein führen ließen, bemerkte höhnisch:
»Eure amouröse Potenz ist so berühmt, daß wir nicht überrascht waren zu erfahren, daß Ihr Euch so schändlichen Vergnügungen hingabt.«
»Wäre Eure Erfahrung ebenso groß wie meine amouröse Potenz«, erwiderte Graf Peyrac mit bissigem Lächeln, »dann wüßtet Ihr, daß das Verlangen nach solchen Vergnügungen eher die Folge einer Impotenz ist, die die erwünschte Erregung in anomalen Freuden sucht. Was mich betrifft, meine Herren, so gestehe ich, daß mir das Zusammensein mit einer einzigen Frau zu verschwiegener nächtlicher Stunde genügt, um meine Begierde zu stillen. Ich möchte noch dieses hinzufügen«, sagte er in ernsterem Ton: »Ich fordere die Gerüchtemacher der Stadt Toulouse und des Languedoc heraus zu beweisen, daß ich, wie sie behaupten, seit meiner Hochzeit der Liebhaber einer anderen Frau als der meinigen gewesen bin.«
»Die Voruntersuchung erkennt diesen Einzelumstand tatsächlich an«, stimmte der Richter Delmas zu.
»Ein sehr nebensächlicher Umstand!« sagte Joffrey ironisch.
Der Gerichtshof geriet in verlegene Unruhe. Masseneau bedeutete Bourié, darüber hinwegzugehen, doch dieser, der die systematische Verwerfung der von ihm so sorgfältig gefälschten Akten nicht verwinden konnte, gab sich noch nicht geschlagen.
»Ihr habt Euch noch nicht zu der gegen Euch erhobenen Beschuldigung geäußert, erregende Drogen in die Getränke Eurer Gäste geschüttet zu haben, die sie dazu verleiteten, sich gegen das sechste Gebot zu versündigen.«
»Ich weiß, daß es zu diesem Zweck bestimmte Drogen gibt, das Kantharidium beispielsweise. Aber es war nie meine Art, durch künstliche Mittel zu erzwingen, was nur die natürlichen Eingebungen des Verlangens gewähren können.«
»Gleichwohl hat man uns berichtet, daß Ihr mit großer Sorgfalt die Speisen und Getränke ausgewählt habt, die Ihr Euren Gästen vorsetztet.«
»War das nicht selbstverständlich? Tut das nicht jeder, der darauf bedacht ist, seine Gäste zu erfreuen?«
»Ihr habt behauptet, wenn man die Absicht habe, einen Menschen für sich zu gewinnen, sei es von großer Bedeutung, was man ihm zu essen und zu trinken vorsetze. Ihr habt Zauberformeln gelehrt .«
»Keineswegs. Ich habe gelehrt, daß man die Gaben genießen soll, die die Erde uns beschert, daß man aber in allen Dingen die Hilfsmittel beherrschen muß, die zu dem ersehnten Ziele führen.«
»Nennt uns einige Eurer Lehren.«
Joffrey blickte um sich, und Angélique sah das flüchtige Aufleuchten eines Lächelns.
»Ich stelle fest, daß Ihr Euch für diese Dinge ebenso brennend zu interessieren scheint, meine Herren Richter, wie weniger bejahrte Jünglinge auch. Ob Student oder Beamter - träumt man nicht immer davon, sein Liebchen zu erringen? Ach, meine Herren, ich fürchte sehr, Euch zu enttäuschen! Genausowenig wie für das Gold besitze ich hierfür eine Zauberformel. Meine Lehre ist von der menschlichen Vernunft inspiriert. Als Ihr als angehender Richter diesen ehrwürdigen Bezirk betratet, Herr Präsident, bedeutete es da für Euch nicht eine Selbstverständlichkeit, Euch all das Wissen anzueignen, das Euch dazu befähigen würde, eines Tages das Amt zu erlangen, das Ihr heute bekleidet? Ihr hättet es als unsinnig empfunden, die Tribüne zu besteigen und das Wort zu ergreifen, ohne Euch vorher mit dem Prozeß genau vertraut gemacht zu haben. Lange Jahre hindurch habt Ihr Euer Augenmerk darauf gerichtet, den Fallstricken auszuweichen, die man auf Euren Weg legte. Warum sollten wir nicht die gleiche Sorgfalt auf die Dinge der Liebe verwenden? Auf allen Gebieten ist Unwissenheit schädlich, um nicht zu sagen strafbar. Meine Lehre hatte nichts Okkultes. Und da Monsieur Bourié von mir gern Einzelheiten wissen möchte, würde ich ihm beispielsweise empfehlen, nicht in die Schenke zum >Schwarzen Kopf< einzukehren und dort einen Krug hellen Biers nach dem andern zu trinken, wenn er sich in froher Stimmung und zu Zärtlichkeiten geneigt schon auf dem Nachhausewege befindet. Er würde sich bald darauf recht betrübt zwischen seinen Federbetten wiederfinden, während seine enttäuschte Gattin am nächsten Tage der Versuchung nicht widerstehen könnte, die zärtlichen Blicke schmucker Kavaliere nicht weniger zärtlich zu erwidern .«