Hier und dort klang Gelächter auf, und einzelne junge Leute applaudierten. »Freilich gebe ich zu«, fuhr Joffreys klangvolle Stimme fort, »daß solche Reden in meinem kläglichen Zustand nicht eben angebracht erscheinen. Aber da ich mich zu einer Beschuldigung äußern soll, möchte ich zum Schluß dieses wiederholen: Wenn man sich dem Dienst der Venus weihen will, gibt es, meine ich, kein besseres Reizmittel als ein schönes Mädchen, dessen gesunde Leibesbeschaffenheit dazu ermuntert, die sinnliche Liebe nicht zu verachten.«
»Angeklagter«, sagte Masseneau streng, »ich muß Euch abermals zum Anstand mahnen. Denkt daran, daß in diesem Saal heilige Frauen anwesend sind, die unter dem Nonnenkleid ihre Jungfräulichkeit Gott geweiht haben.«
»Herr Präsident, ich darf darauf hinweisen, daß nicht ich die ... Unterhaltung, wenn ich so sagen darf, auf dieses schlüpfrige ... und reizvolle Gebiet gelenkt habe.«
Wieder erklang vereinzeltes Gelächter. Delmas bemerkte, dieser Teil des Verhörs hätte in lateinischer Sprache geführt werden müssen, aber Fallot de Sancé, der zum erstenmal sprach, wandte treffend ein, jeder der sich ausJuristen, Priestern und Ordensangehörigen zusammensetzenden Zuhörerschaft verstehe Latein, und es lohne nicht, sich einzig der keuschen Ohren der Soldaten, Häscher und Hellebardiere wegen Zwang anzutun.
Mehrere Richter ergriffen alsdann das Wort, um gewisse Anschuldigungen kurz zusammenzufassen.
Angélique hatte den Eindruck, daß bei aller Wirrnis der Verhandlung die Anklage immer wieder auf den einzigen Punkt hinauslief: Hexerei, teuflische Bezauberung von Frauen und das »Echtmachen« des durch alchimistische und satanische Mittel gewonnenen Goldes.
Sie seufzte erleichtert auf: Klagte man ihren Gatten nur des Umgangs mit dem Teufel an, hatte er Aussicht, sich den Klauen der königlichen Justiz zu entwinden.
Der Verteidiger konnte die üble Prozedur des betrügerischen Exorzismus enthüllen, deren Opfer Joffrey geworden war, und schließlich würde die Demonstration des alten Sachsen Hauer zeigen, worin die »Vermehrung des Goldes« bestand. Vielleicht gelang es am Ende doch, die Richter zu überzeugen.
Angélique senkte den Blick und schloß die Augen für eine Weile.
Als sie sie wieder aufschlug, glaubte sie eine Vision zu haben: der Mönch Becher war auf der Tribüne erschienen.
Er legte den Eid auf das Kruzifix ab, das ihm ein anderer Mönch entgegenhielt. Dann begann er abgehackt und mit dumpfer Stimme zu erzählen, wie er von dem großen Magier Joffrey de Peyrac getäuscht worden sei, der vor ihm aus flüssigem Gestein unter Zuhilfenahme eines vermutlich aus dem Lande der kimmerischen Finsternis mitgebrachten Steins der Weisen echtes Gold gewonnen habe. Dieses Land habe ihm der Graf bereitwillig als ein ödes, eisiges Gestade geschildert, über dem Tag und Nacht Donner grolle, Sturm dem Hagel folge und ein Feuerberg ununterbrochen flüssige Lava ausspeie, die sich über das ewige Eis ergösse, ohne es zum Schmelzen bringen zu können.
»Diese letzte Behauptung ist die Erfindung eines Visionärs«, bemerkte Graf Peyrac.
»Unterbrecht den Zeugen nicht«, gebot der Präsident.
Der Mönch versicherte, der Graf habe in seiner Gegenwart einen über zwei Pfund schweren Barren reinen Goldes hergestellt, das später von Spezialisten geprüft und als tatsächlich echt bezeichnet worden sei.
»Ihr erwähnt nicht, daß ich es Seiner Eminenz von Toulouse für seine frommen Werke geschenkt habe«, mischte sich der Angeklagte abermals ein.
»Das stimmt«, bestätigte der Mönch. »Dieses Gold hat sogar dreiunddreißig Exorzismen widerstanden. Was nicht hindert, daß der Schwarzkünstler die Macht behält, es unter Donnergrollen verschwinden zu lassen, wann immer es ihm beliebt. Seine Eminenz war selbst Zeuge dieses grausigen Phänomens, das ihn sehr erregte. Der Zauberer rühmte sich dessen, indem er von >Knallgold< sprach. Er behauptet außerdem, Quecksilber auf die gleiche Weise verwandeln zu können. Alle diese Fakten sind im übrigen in einem Gutachten niedergelegt, das sich in Eurem Besitz befindet.«
Masseneau bemühte sich, einen scherzhaften Ton anzuschlagen.
»Euren Reden nach, Pater, hat der Angeklagte die Kraft, diesen großen Justizpalast zum Einsturz zu bringen, wie Samson die Säulen des Tempels zerbrach.«
Becher rollte die Augen und bekreuzigte sich.
»Oh, fordert den Zauberer nicht heraus! Er ist gewiß nicht weniger stark als Samson.«
Die ironische Stimme des Grafen erklang von neuem:
»Wäre ich mit so viel Macht gerüstet, wie dieser Foltermönch behauptet, hätte ich schleunigst eine Zauberformel zu Hilfe gerufen, um die größte Festung der Welt zu tilgen: die menschliche Dummheit und Leichtgläubigkeit. Descartes hatte unrecht, als er sag-te, das Unendliche sei mit menschlichen Begriffen nicht zu erfassen: die Beschränktheit des Menschen liefert ein sehr schönes Beispiel dafür.«
»Ich mache Euch darauf aufmerksam, Angeklagter, daß wir nicht hier sind, um philosophische Gespräche zu führen. Ihr gewinnt nichts, wenn Ihr Ausflüchte macht.«
»Hören wir also weiterhin diesem würdigen Vertreter des Aberglaubens zu«, sagte Peyrac.
Der Richter Bourié fragte:
»Pater Becher, Ihr habt diesen alchimistischen Prozeduren beigewohnt und seid ein anerkannter Gelehrter. Was für ein Ziel hat der Angeklagte nach Eurem Dafürhalten im Auge gehabt, als er sich dem Teufel überlieferte? Reichtum? Liebe?«
Becher reckte sich zu seiner ganzen mageren Größe auf, so daß er Angélique wie ein Höllengeist schien, der im Begriff ist, sich aufzuschwingen.
Becher schrie mit farbloser Stimme:
»Ich kenne sein Ziel. Reichtum und Liebe? Was liegt ihm schon daran!
Macht und Verschwörung gegen den Staat oder den König? Ebensowenig! Aber er will es Gott gleichtun. Ich bin überzeugt, daß er Leben zu erschaffen vermag, das heißt, daß er dem Schöpfer Schach zu bieten versucht.«
»Pater«, sagte der Protestant Delmas bescheiden, »habt Ihr Beweise für diese furchtbare Behauptung?«
»Ich habe mit meinen eigenen Augen Homunculi seinem Laboratorium entsteigen sehen, auch Gnome, Chimären, Drachen. Zahlreiche Bauern, mir namentlich bekannt, sahen sie in gewissen Gewitternächten umherirren und in jenem unheimlichen Laboratorium aus und ein gehen, das eines Tages durch die Explosion dessen, was der Graf als Knallgold bezeichnet, ich jedoch unbeständiges oder satanisches Gold nenne, fast völlig zerstört wurde.«
Die Zuhörerschaft hielt beklommen den Atem an. Eine Nonne sank in Ohnmacht und mußte hinausgetragen werden.
Der Präsident wandte sich an den Zeugen und redete ihm feierlich ins Gewissen, sich zu bedenken und seine Worte abzuwägen. Er fragte ihn als Mann der hermetischen Wissenschaften und Verfasser bekannter und von der Kirche ausdrücklich genehmigter Bücher, wie dergleichen möglich sein könne, und vor allem, ob er auf diesem Gebiet Präzedenzfälle kenne.
Becher warf sich in die Brust und schien abermals zu wachsen. Fast sah es so aus, als wolle er in seiner weiten, schwarzen Kutte wie ein Unheil verkündender Rabe davonfliegen.
In emphatischem Tone rief er aus: