Masseneau erhob sich.
»Meine Herren, wir treten nun in den heikelsten Teil des Prozesses ein. Vom König, dem Beschützer der Kirche Gottes, berufen, einen Hexenprozeß zu führen, mußten wir Zeugnisse beibringen, die gemäß dem römischen Ritual den schlagenden Beweis liefern sollten, daß der Sieur Peyrac mit dem Teufel im Bund steht. Vor allem bezüglich des dritten Punkts des Rituals, der besagt .«
Er beugte sich vor, um einen Text abzulesen.
». der besagt, daß die Person, die mit dem Teufel in Verbindung steht und die man gemeinhin >echte Besessene< nennt, übernatürliche Macht über den Geist und den Körper der andern< besitzt, liegt fol-gender Tatbestand vor .«
Der bitteren Kälte zum Trotz, die in dem großen Saal herrschte, wischte sich Masseneau diskret die Stirn, dann las er, ein wenig stockend, weiter.
». Es sind uns die Klagen der Äbtissin des Kloster der Jungfrauen des heiligen Leander in der Auvergne zu Ohren gekommen. Diese erklärte, eine vor kurzem in die Gemeinschaft aufgenommene Novize, die zunächst zu keinen Klagen Anlaß gegeben habe, bekunde neuerdings Zeichen eines Besessenseins, das sie dem Grafen Peyrac zur Last lege. Sie verhehle nicht, daß dieser sie früher zu sittenwidrigen Handlungen gezwungen und die Reue über diese Verfehlungen sie veranlaßt habe, sich ins Kloster zurückzuziehen. Aber sie finde dort nicht den Frieden, denn jener Mann fahre fort, sie aus der Ferne zu versuchen, und zweifellos habe er sie behext. Kurze Zeit darauf brachte sie dem Kapitel einen Rosenstrauß, der ihr, wie sie behauptete, über die Klostermauer von einem Unbekannten zugeworfen worden sei; der die Gestalt des Grafen Peyrac gehabt habe, der aber ein böser Geist gewesen sein müsse, denn es wurde nachgewiesen, daß der genannte Edelmann sich zu eben jener Zeit in Toulouse befunden hatte. Der besagte Strauß rief innerhalb der Gemeinschaft höchst seltsame Verwirrungen hervor. Andere Nonnen gerieten in merkwürdige und obszöne Verzückungszustände. Als sie wieder zur Besinnung kamen, sprachen sie von einem hinkenden Teufel, dessen Anblick sie mit übermenschlicher Wonne erfüllt und in ihrem Fleisch ein unauslöschliches Feuer entzündet habe. Begreiflicherweise verblieb die Novize infolge dieser Gemütswallungen in einem nahezu ununterbrochenen Trancezustand. Besorgt wandte sich die Äbtissin von Sankt Leander schließlich an ihre Vorgesetzten. Da zu jener Zeit gerade die Voruntersuchung im Prozeß des Sieur Peyrac begann, übersandte mir der Kardinalerzbischof von Paris die Akten. Und wir werden jetzt die Nonnen jenes Klosters vernehmen.«
Masseneau beugte sich über sein Pult und wandte sich respektvoll an eine der Haubenträgerinnen.
»Schwester Carmencita de Mérecourt, erkennt Ihr in jenem Manne denjenigen wieder, der Euch aus der Ferne verfolgt und behext hat?«
Eine pathetische Altstimme erklang:
»Ich erkenne meinen alleinigen und einzigen Gebieter.«
Mit Verblüffung entdeckte Angélique unter den strengen Schleiern das sinnliche Gesicht der schönen, heißblütigen Spanierin.
Masseneau räusperte sich und brachte mit sichtlicher Mühe heraus:
»Nun, Schwester, habt Ihr nicht das Ordenskleid angelegt, um Euch ausschließlich dem Herrn zu weihen?«
»Ich wollte dem Bilde des Mannes entrinnen, der mich behexte. Vergebens. Er verfolgt mich bis zum Meßamt.«
»Und Ihr, Schwester Louise de Rennefonds, erkennt Ihr denjenigen, der Euch während der Zwangsvorstellungen erschienen ist, deren Opfer Ihr wart?«
Eine junge und zitternde Stimme antwortete zaghaft:
»Ja, ich ... ich glaube. Aber derjenige, den ich sah, hatte Hörner .«
Eine Woge des Gelächters ging durch den Saal, und ein Kanzlist rief:
»Hoho! Schon möglich, daß ihm während seines Aufenthalts in der Bastille welche gewachsen sind.«
Angélique stieg zornige Röte ins Gesicht, und ihre Gefährtin griff nach ihrer Hand, um sie an ihr Versprechen zu erinnern, sich zu beherrschen.
Masseneau fuhr fort, indem er sich an die Äbtissin wandte:
»Madame, ich bin leider genötigt, Euch zu bitten, Eure Aussagen vor diesem Gericht zu bestätigen.«
Die betagte Nonne, die nicht bewegt, sondern nur unwillig zu sein schien, ließ sich nicht lange bitten und erklärte mit klarer Stimme:
»Was sich seit einigen Monaten in jenem Kloster zuträgt, dessen Äbtissin ich dreißig Jahre lang gewesen bin, ist eine wahre Schande. Man muß in den Klöstern leben, Ihr Herren, um zu wissen, zu welch grotesken Possen der Teufel fähig ist, wenn es ihm durch Vermittlung eines Hexenmeisters ermöglicht wird, sich zu offenbaren. Ich verhehle nicht, daß ich die mir heute zufallende Aufgabe als äußerst peinlich empfinde, denn ich bin gezwungen, vor einem weltlichen Gericht Geschehnisse auszubreiten, die eine Beleidigung der Kirche darstellen; doch hat mich Seine Eminenz der Kardinalerzbischof damit beauftragt. Indessen möchte ich bitten, unter Ausschluß der Öffentlichkeit vernommen zu werden.«
Der Präsident gab zur Befriedigung der Äbtissin und zur Enttäuschung der Zuhörerschaft dieser Bitte statt, und der Gerichtshof zog sich alsbald mit den Nonnen in einen Raum im Hintergrund zurück, der gewöhnlich als Kanzlei diente. Nur Carmencita blieb unter dem Schutz der vier Mönche, die sie hergebracht hatten, und zweier Gardisten im Saal.
Angélique betrachtete ihre einstige Rivalin. Die Spanierin hatte nichts von ihrer Schönheit eingebüßt
- im Gegenteil. Die klösterliche Zurückgezogenheit schien ihr Antlitz, in dem die großen schwarzen Augen einen überspannten Traum zu verfolgen schienen, geläutert und verfeinert zu haben.
Auch das Publikum weidete sich offenbar am Anblick der schönen Behexten. Angélique hörte Maître Gallemand spöttisch sagen:
»Verdammt noch eins, der Große Hinkefuß steigt in meiner Achtung!«
Ihr Gatte hatte, wie die junge Frau bemerkte, der letzten Szene keine Beachtung geschenkt. Jetzt, da der Gerichtshof hinausgegangen war, wollte er sich offenbar ein wenig ausruhen. Er versuchte, sich auf dem infamen Bänkchen niederzulassen, was ihm schließlich mit schmerzverzerrtem Gesicht gelang. Das lange Stehen mit seinen Krücken und vor allem die in der Bastille ertragene Tortur mit der Nadel hatten einen Märtyrer aus ihm gemacht. Eine Woge des Mitleids erfüllte fast schmerzhaft Angéliques Herz.
Schwester Carmencita tat plötzlich einige Schritte in die Richtung des Angeklagten, wurde jedoch von den Wachen zurückgetrieben. Jäh verwandelte sich das schöne Madonnengesicht. Es verzerrte sich, die Augen quollen hervor, und der Mund öffnete und schloß sich wie in einem schrecklichen Krampf. Dann führte sie blitzschnell die Hand an die Lippen. Ihre Zähne knirschten, weißer Schaum bildete sich vor dem Mund.
Desgray sprang auf.
»Seht! Da haben wir’s: das ist die große Szene der Seifenblasen.«
Bevor er weitersprechen konnte, wurde er gepackt und hinausgezerrt. Sein Ausruf löste bei der atemlosen Menge, die wie gebannt auf dieses Schauspiel starrte, kein Echo aus.
Ein konvulsivisches Zucken durchlief den ganzen Körper der Nonne. Sie tat ein paar schwankende Schritte auf den Angeklagten zu. Als die Mönche ihr erneut den Weg versperrten, blieb sie stehen, hob die Hände und begann ihre Haube mit ruckartigen Bewegungen herunterzureißen, wobei sie sich immer rascher um sich selbst drehte.
Die vier Ordensgeistlichen umdrängten sie und versuchten, sie zu überwältigen. Doch sei es, daß sie nicht wagten, allzu gewalttätig vorzugehen, sei es, daß sie tatsächlich nicht mit ihr fertig wurden - jedenfalls entglitt sie ihnen wie ein Aal, warf sich zu Boden und kroch mit schlangenartiger Gewandtheit zwischen die Beine und unter die Kutten der Mönche. Dort gab sie sich höchst anstößigen Bewegungen hin, versuchte die Kutten hochzuheben und gab ihre Träger dem Gelächter des Saales preis. Zwei- oder dreimal purzelten die armen Ordensbrüder in denkbar unerbaulicher Haltung übereinander.