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Die völlig entgeistert auf dieses tumultuarische Gewirr von Kutten und Rosenkränzen glotzenden Wachen wagten nicht einzugreifen.

Endlich gelang es der nach allen Richtungen sich drehenden und windenden Carmencita, ihr Skapulier herunterzureißen, darauf ihr Kleid und plötzlich im fahlen Licht des Gerichtssaals ihren wundervoll blühenden, nackten Körper aufzurecken.

Der Spektakel war unbeschreiblich. Die Zuschauer schrien wild durcheinander. Eine Anzahl wollte den Saal verlassen, andere wollten keine Sekunde dieses unerhörten Schauspiels verlieren.

Ein ehrbarer Beamter, der in der ersten Reihe saß, riß schließlich seine eigene Robe herunter und verhüllte mit ihr die schamlos Rasende.

Eilends setzten sich die Angélique benachbarten Nonnen unter Führung ihrer Superiorin in Bewegung. Man ließ sie vorbei, da man die Schwestern des Armenhospitals erkannt hatte. Sie umringten Carmencita, und mit Schnüren, die sie wer weiß wo aufgetrieben hatten, banden sie sie wie eine Wurst und schleppten ihre schäumende Beute fast wie in einer Prozession hinaus.

In diesem Augenblick stieg ein greller Ruf aus der entfesselten Menge auf:

»Seht, der Teufel lacht!«

Ausgestreckte Arme wiesen auf den Angeklagten.

Und tatsächlich - Joffrey de Peyrac, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Szene abgespielt hatte, ließ seiner Heiterkeit freien Lauf.

Eine Woge des Unwillens und des Abscheus riß die Zuschauermenge nach vorn. Ohne die Wachen, die hinzustürzten und martialisch ihre Hellebarden kreuzten, wäre der Angeklagte in Stücke gerissen worden.

»Kommt mit mir hinaus«, flüsterte Angéliques Gefährtin.

Und da die bestürzte junge Frau zögerte, sagte sie nachdrücklich:

»Aufjeden Fall wird der Saal geräumt werden. Wir müssen schauen, was aus Maître Desgray geworden ist. Von ihm werden wir erfahren, ob die Verhandlung heute nachmittag fortgesetzt wird.«

Sie fanden den Advokaten im Hof des Justizpalastes vor einem kleinen Ausschank, der vom Schwiegersohn und der Tochter des Scharfrichters betrieben wurde.

Der Advokat war sehr erregt.

»Habt Ihr gesehen, wie sie mich unter Ausnutzung der Abwesenheit des Gerichts hinausbeförderten? Verlaßt Euch drauf, wäre ich anwesend gewesen, hätte ich diese Verrückte schon dazu gebracht, das Stückchen Seife auszuspucken, das sie in den Mund genommen hatte! Aber laßt gut sein. Ich werde mir die Übertreibungen dieser beiden Zeugen in meinem Plädoyer zunutze machen .! Wenn nur Pater Kircher nicht so lange auf sich warten ließe, wäre mir wohler zumute. Kommt, setzt Euch an diesen Tisch neben das Feuer, meine Damen. Ich habe bei der kleinen Henkersmaid Eier und Fleischklößchen bestellt. Du hast doch nicht etwa Brühe von Totenköpfen dazu verwendet, meine Schöne?«

»Nein, Monsieur«, erwiderte diejunge Frau freundlich, »man nimmt sie nur zur Suppe der Armen.«

Angélique saß mit aufgestützten Armen am Tisch und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Desgray betrachtete sie verdutzt. Er war der Meinung gewesen, sie weine, merkte aber, daß sie von nervösem Lachen geschüttelt wurde.

»O diese Carmencita!« stammelte sie mit tränenglitzernden Augen. »Was für eine Komödiantin! Ich habe noch nie etwas so Komisches gesehen! Glaubt Ihr, sie hat es absichtlich getan?«

»Wer kennt sich bei den Frauen aus!« brummte der Advokat.

An einem Nachbartisch erzählte ein alter Jurist vor seinen Kollegen:

»Wenn sie Komödie gespielt hat, die Nonne, nun, dann war es gute Komödie. In meiner Jugend bin ich bei dem Prozeß des Abbé Grandin dabeigewesen, der verbrannt wurde, weil er die Nonnen von Loudun behext hatte. Nun, dabei passierte genau dasselbe. Es gab im Saal gar nicht Mäntel genug, um all die hübschen Mädchen zu bedecken, die, hast du nicht gesehen, sich entkleideten, sobald sie seiner ansichtig wurden. Das heute war noch gar nichts. Bei der Loudun-Verhandlung gab es welche, die sich splitterfasernackt auf den Boden legten und .«

Er beugte sich vor, um besonders anstößige Details zu flüstern.

Angélique faßte sich wieder.

»Vergebt mir, daß ich gelacht habe«, murmelte sie. »Ich bin am Ende mit meinen Nerven.«

»Nun, so lacht doch, Ärmste, lacht ruhig!« erwiderte Desgray düster. »Zum Weinen ist noch Zeit genug. Wenn nur Pater Kircher da wäre! Was zum Teufel mag mit ihm los sein?«

Da er die Rufe eines Tintenverkäufers hörte, der sich mit umgehängtem Fäßchen und einem Bündel Gänsekielen in der Hand im Hof herumtrieb, ließ er ihn kommen und kritzelte auf der Tischecke eine Botschaft, die er einem Gerichtsdiener mit dem Auftrag übergab, sie sofort dem Polizeipräfekten, Monsieur d’Aubrays, zu bringen.

»Dieser d’Aubrays ist ein Freund meines Vaters. Ich teile ihm mit, daß er, koste, was es wolle, alle seine Wachen aussenden soll, um mir den Pater Kircher freiwillig oder mit Gewalt in den Justizpalast zu bringen.«

»Habt Ihr ihn im Temple suchen lassen?«

»Zweimal schon hab’ ich den kleinen Corde-au-cou mit einem Briefchen losgeschickt, aber er ist unverrichteterdinge wiedergekommen. Die Jesuiten, die er aufgesucht hat, behaupten, der Pater habe sich heute früh in den Justizpalast begeben.«

»Was befürchtet Ihr?« fragte Angélique beunruhigt.

»Oh, nichts. Es wäre mir eben lieber, wenn er da wäre, das ist alles. Eigentlich sollte die wissenschaftliche Demonstration der Goldextraktion diese Richter überzeugen, auch wenn sie noch so borniert sind. Aber es genügt nicht, sie zu überzeugen, man muß sie auch verblüffen. Einzig die Stimme des Paters Kircher vermag sie zu bestimmen, sich über die königlichen Wünsche hinwegzusetzen. Kommt, die Verhandlung wird wiederaufgenommen, und Ihr wollt doch sicher nicht vor verschlossenen Türen stehen.«

Die Nachmittagssitzung begann mit einer Erklärung des Präsidenten de Masseneau und der Anklagerede des Generalstaatsanwalts Denis Talon, der abermals für die »Hexenmeister und Alchimisten« vorgese-hene Todesstrafe unter Anwendung der peinlichen und hochnotpeinlichen Befragung forderte. Dann kündigte der Präsident an, daß die Zeugen der Verteidigung vernommen würden. Desgray machte einer der Wachen ein Zeichen, und ein munterer Bursche betrat den Saal.

Er erklärte, Robert Davesne zu heißen und Schlosserlehrling beim Meister Dasron in der Rue de la Ferronnerie zu sein. Mit klarer Stimme schwor er unter Anrufung des heiligen Eligius, Schutzpatron der Zunft der Schlosser, die reine Wahrheit zu sagen.

Dann trat er zum Präsidenten Masseneau und übergab ihm einen kleinen Gegenstand, den dieser verwundert und mißtrauisch betrachtete.

»Was ist denn das?«

»Das ist eine Nadel mit Springfeder«, antwortete der Junge ungezwungen. »Da ich geschickte Finger habe, hat mich mein Meister beauftragt, ein solches Ding zu machen, das ein Mönch bei ihm bestellt hatte.«

»Was ist denn das wieder für eine Geschichte?« fragte der Richter, zu Desgray gewandt.

»Herr Präsident, die Anklage hat als belastendes Moment für meinen Mandanten dessen Reaktionen im Verlauf eines Exorzismus erwähnt, der in den Verliesen der Bastille unter Leitung von Conan Becher, dessen geistliche Titel auszusprechen ich mich aus Achtung vor der Kirche weigere, stattgefunden haben soll. Conan Becher hat erklärt, bei der Probe der >Teufelsflecken< habe der Angeklagte auf eine Weise reagiert, die über seinen Umgang mit dem Leibhaftigen keinen Zweifel zulasse. Bei Berührung jedes der im römischen Ritual bezeichneten neuralgischen Punkte soll der Angeklagte Schreie ausgestoßen haben, die sogar die Wärter erschauern ließen. Nun, ich möchte feststellen, daß die Nadel, mit der diese Probe durchgeführt wurde, nach ebendiesem Muster hergestellt worden ist, das Ihr in der Hand haltet. Meine Herren, dieser falsche >Exorzismus<, auf den der Gerichtshof sein Urteil zu stützen geneigt sein könnte, ist mit einem betrügerischen Instrument vorgenommen worden. Es enthielt eine lange Nadel mit Springfeder, die durch einen unmerklichen Druck mit dem Nagel ausgelöst und im gewünschten Augenblick ins Fleisch des Opfers getrieben werden konnte. Ich möchte wetten, daß auch der Beherzteste diese Probe nicht besteht, ohne wie ein Besessener aufzuschreien. Bringt einer von Euch, Ihr Herren Richter, den Mut auf, an sich selbst die Tortur vornehmen zu lassen, der mein Mandant unterworfen wurde und hinter der man sich verschanzt, um ihn des Besessenseins zu zeihen?«