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Starr und bleich erhob sich Fallot de Sancé und streckte seinen Arm aus. Doch Masseneau schritt unwillig ein:

»Genug der Komödie! Ist dieses Instrument das gleiche, mit dem der Exorzismus vorgenommen wurde?«

»Es ist seine genaue Kopie. Das Original ist von ebendiesem Lehrling vor ungefähr drei Wochen in die Bastille gebracht und Becher übergeben worden. Der Lehrling kann es bezeugen.«

Im gleichen Augenblick betätigte der Junge arglistigerweise den Mechanismus, und die Nadel schoß unter der Nase Masseneaus hervor, so daß dieser zurückfuhr.

»Als Präsident des Gerichtshofs lehne ich diesen in letzter Stunde herangeholten Zeugen ab, der auf der Liste des Gerichtsschreibers nicht figuriert. Überdies handelt es sich um ein Kind. Seine Aussage ist ohnehin von fragwürdigem Wert. Endlich ist es zweifellos eine beeinflußte Aussage. Wieviel hat man dir gegeben, damit du hierherkommst?«

»Noch nichts, aber man hat mir das Doppelte dessen versprochen, was mir der Mönch bereits gegeben hatte, nämlich zwanzig Livres.«

Masseneau wandte sich zornig an den Advokaten.

»Ich mache Euch darauf aufmerksam, daß ich, falls Ihr auf der Protokollierung einer solchen Zeugenaussage besteht, gezwungen sein werde, die Vernehmung Eurer übrigen Entlastungszeugen abzulehnen.«

Desgray neigte den Kopf als Zeichen der Unterwerfung, und der Junge machte sich durch die kleine Kanzleitür davon, als sei ihm der Teufel auf den Fersen.

»Laßt die übrigen Zeugen herein«, befahl der Präsident trocken.

Ein Lärm erhob sich, wie ihn ein Trupp Möbeltransporteure zu verursachen pflegt. Von zwei Polizisten angeführt, erschien ein sonderbarer Aufzug. Zuerst schleppten mehrere schwitzende, zerlumpte Auslader von den Markthallen unförmige Pakete herein, aus denen Eisenrohre, Blasebälge und andere seltsame Gegenstände ragten. Dann folgten zwei kleine Savoyarden, die Körbe mit Holzkohlen und Steinguttöpfe mit merkwürdigen, gemalten Aufschriften brachten.

Schließlich sah man hinter zwei Wachen einen mißgestalten Gnom auftauchen, der den riesigen Schwarzen Kouassi-Ba vor sich herzuschieben schien. Der Mohr war über dem Gürtel nackt und hatte sich mit weißem Koalin ein Streifenmuster auf die Brust gemalt. Angélique erinnerte sich, daß er dergleichen an Feiertagen auch in Toulouse getan hatte, aber sein Erscheinen in diesem ohnehin schon wunderlichen Zuge erfüllte die Versammlung mit ängstlichem Staunen. Angélique hingegen seufzte erleichtert auf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Oh, die tapferen Leute«, dachte sie, während sie Fritz Hauer und Kouassi-Ba betrachtete. »Obwohl sie doch wissen, was sie aufs Spiel setzen, wenn sie ihrem Herrn zu Hilfe kommen.«

Sobald die Träger ihre Pakete abgelegt hatten, verschwanden sie wieder. Der alte Sachse und der Mohr machten sich ans Auspacken und Aufstellen des tragbaren Schmelzofens und der Blasebälge. Dann band der Sachse zwei Säcke auf, aus denen er mühsam einen schweren, schwarzen Fladen von schlacken-artigem Aussehen und einen offensichtlich aus Blei bestehenden Barren hervorholte.

Die Stimme von Desgray ließ sich vernehmen:

»In Erfüllung des vom Gerichtshof einmütig geäußerten Wunsches, alles zu sehen und zu hören, was die Anklage wegen Transmutation von unedlen in edle Metalle mit Hilfe der Schwarzen Kunst betrifft, erscheinen hier die Zeugen und >Komplicen< des angeblich magischen Vorgangs. Ich möchte ausdrücklich feststellen, daß sie vollkommen freiwillig erschienen und ihre Namen nicht etwa meinem Mandanten, dem Grafen Peyrac, durch die Folter entrissen worden sind. Herr Präsident, wollt Ihr jetzt dem Angeklagten verstatten, vor Euch und mit seinen üblichen Gehilfen das Experiment vorzuführen, das die Anklageschrift als >magisches Hexenwerk< bezeichnet, während er behauptet, daß es sich dabei um die Extraktion unsichtbaren Goldes auf wissenschaftlicher Grundlage handelt.«

Maître Gallemand flüsterte seinem Nachbarn zu: »Die Herren schwanken zwischen der Neugier, der Lockung der verbotenen Frucht, und den strengen Anweisungen, die von sehr hoher Steile kommen. Wären sie wirklich bösartig, würden sie es strikt ablehnen, sich beeinflussen zu lassen.«

Angélique erschauerte bei dem Gedanken, der sichtbare Beweis der Schuldlosigkeit ihres Gatten könne im letzten Augenblick unterbunden werden, doch die Neugier oder vielleicht sogar der Gerechtigkeitssinn trug den Sieg davon. Joffrey de Peyrac wurde von Masseneau aufgefordert, die Demonstration zu leiten und alle sich ergebenden Fragen zu beantworten.

»Könnt Ihr uns zuvor schwören, Graf, daß bei dieser Goldgeschichte weder der Justizpalast noch die darin befindlichen Menschen in Gefahr geraten?«

Joffrey versicherte, nicht das geringste sei zu befürchten.

Darauf beantragte der Richter Bourié, man möge den Pater Becher zurückkommen lassen, um ihn während des sogenannten Experiments mit dem Angeklagten konfrontieren zu können und auf diese Weise jeden Betrug auszuschließen.

Masseneau neigte gemessen seine Perücke, und Angélique konnte das nervöse Zittern nicht unterdrücken, das sie jedesmal beim Anblick dieses Mönchs befiel, der nicht nur der böse Geist dieses Prozesses war, sondern auch der Erfinder der Folternadel und vermutlich der Anstifter der Carmencita-Komödie. Er verkörperte alles, was Joffrey de Peyrac bekämpft hatte, den Zerfall, den Bodensatz einer verklungenen Welt, einer dunklen Epoche, die sich wie ein gewaltiger Ozean über Europa gebreitet hatte und während ihres Rückzugs im neuen Jahrhundert nur den nutzlosen Schaum der Sophistik und Dialektik zurückließ.

Die Hände in den weiten Ärmeln seiner Kutte verborgen, mit gerecktem Hals und starrem Blick, verfolgte der Mönch die Vorbereitungen des Sachsen und Kouassi-Bas, die das Feuer anzufachen begannen.

Hinter Angélique wisperte ein Priester vernehmlich mit einem seiner Kollegen:

»Die zarten Seelen der abergläubischen Laien dürften durch ein solches Gespann menschlicher Unholde, vor allem durch diesen wie zu einer Zauberzeremonie bemalten Mohren kaum beruhigt werden. Glücklicherweise vermag der Allmächtige die Seinen stets zu erkennen. Ich habe mir sagen lassen, ein auf Veranlassung der Diözese von Paris heimlich, aber nach den Regeln angestellter Exorzismus habe ergeben, daß die Anklage der Hexerei, die man gegen diesen Edelmann erhoben hat, völlig gegenstandslos sei. Möglicherweise wird man ihn nur wegen mangelnder Gottesfurcht bestrafen ...«

Verzweiflung und Zuversicht stritten sich in Angéliques Herzen. Sicher hatte der Geistliche recht. Warum nur mußte der gute Fritz Hauer einen Buckel und dieses bläuliche Gesicht haben, warum mußte Kouassi-Ba so furchterregend aussehen? Und als Joffrey de Peyrac mühsam seinen langen, geräderten Körper aufrichtete, um sich hinkend dem rotglühenden Schmelzofen zu nähern, vervollständigte er nur das grausige Bild.

Der Angeklagte forderte einen der Wächter auf, den porös und schwarz wirkenden Schlackebrocken aufzuheben und ihn zuerst dem Präsidenten, dann allen andern Mitgliedern des Gerichts zu zeigen. Ein anderer Wächter reichte ihnen ein starkes Vergrößerungsglas, damit sie den Stein genau unter-suchen konnten.

»Dies, Ihr Herren, ist der geschmolzene >Rohstein<, goldhaltiger Eisenkies, der im Bergwerk von Salsigne gewonnen wurde«, erklärte Peyrac.

»Es ist genau die gleiche schwarze Materie«, bestätigte Becher, »die ich zerstoßen und gewaschen habe, ohne eine Spur Gold zu finden.«