»Nun, Pater«, sagte der Angeklagte in einem ehrerbietigen Ton, den Angélique bewunderte, »Ihr werdet aufs neue Eure Goldwäschertalente unter Beweis stellen. Kouassi-Ba, reiche einen Mörser.«
Der Mönch krempelte seine weiten Ärmel hoch und machte sich mit Eifer daran, das schwarze Gestein zu zerstoßen, das sich ohne sonderliche Mühe in Pulverform verwandeln ließ.
»Herr Präsident, wollet jetzt die Güte haben, einen großen Zuber mit gewöhnlichem Wasser und ein gründlich gereinigtes Zinnbecken bringen zu lassen.«
Während zwei Wachen hinausgingen, um das Nötige zu holen, ließ der Gefangene den Richtern auf die gleiche Weise einen Metallbarren vorlegen. »Das ist das Blei, wie man es für Kugeln oder für Wasserrohre benützt, vom Fachmann >armes Blei< genannt, denn es enthält praktisch weder Gold noch Silber.«
»Wie können wir dessen sicher sein?« wollte der Protestant Delmas wissen.
»Ich kann es Euch durch die Kupellenprobe beweisen.«
Der Sachse reichte seinem einstigen Herrn eine dicke Unschlittkerze und zwei kleine, weiße Würfel. Mit einem Federmesser schürfte Joffrey an der Seite eines der Würfel eine kleine Höhlung aus.
»Was ist das für eine weiße Masse? Ist es Porzellanerde?« erkundigte sich Masseneau.
»Das ist eine Kupelle aus Knochenasche, jener Asche, die Euch bereits zu Beginn dieser Verhandlung so sehr beeindruckt hat. Nun, Ihr werdet sehen, daß diese weiße Masse ganz einfach dazu dient, das Blei zu absorbieren, nachdem man es durch die Flamme dieser Unschlittkerze erhitzt hat .«
Die Kerze wurde angezündet, und Fritz Hauer brachte ein kleines, rechtwinklig gebogenes Rohr, mit dessen Hilfe der Graf die Kerzenflamme auf das in der Kupelle liegende Stück Blei blies.
Man sah die Flamme sich seitwärts krümmen und das Blei berühren, das zu schmelzen und fahlblaue Dämpfe zu entwickeln begann.
Conan Becher hob schulmeisterlich den Finger.
»Die echten Gelehrten nennen das >den Stein der Weisen anblasen<«, erklärte er in verbissenem Ton.
Der Graf unterbrach sein Experiment für einen Augenblick.
»Ginge es nach diesem Toren, hätte jeder aus einem Kamin steigende Rauch für Teufelsodem zu gelten.«
Der Mönch setzte die Miene eines Märtyrers auf, und der Präsident rief den Angeklagten zur Ordnung.
Joffrey de Peyrac blies von neuem. Im abendlichen Dämmerlicht, das den Saal zu erfüllen begann, sah man, wie das Blei rötlich brodelte, sich dann beruhigte und, nachdem der Graf das Rohr abgesetzt hatte, eine dunkle Färbung annahm. Plötzlich löste sich die kleine, beißende Rauchwolke auf, und man stellte fest, daß das geschmolzene Blei vollständig verschwunden war.
»Das ist nichts anderes als ein Trick, der absolut nichts beweist«, bemerkte Masseneau.
»Er zeigt, daß die Knochenasche das gesamte oxydierte arme Blei absorbiert oder, wenn Ihr wollt, getrunken hat, und das beweist, daß dieses Blei der edlen Metalle bar ist, was ich Euch durch dieses Verfahren demonstrieren wollte. Nun bitte ich Pater Becher, mit dem Waschen jenes von mir als goldhaltig bezeichne-ten schwarzen Pulvers zu beginnen, und wir werden alsdann zur Extraktion des Goldes schreiten.«
Die beiden Gardisten waren mit einem Wasserkübel und einem Becken zurückgekehrt.
Nachdem der Mönch das von ihm im Mörser hergestellte Pulver durch kreisende Bewegungen gewaschen hatte, zeigte er dem Gericht mit triumphierender Miene die kümmerlichen Rückstände der schweren Materie, die sich auf dem Grund der Schüssel niedergeschlagen hatten.
»Genau das, was ich behauptet habe: auch nicht die geringste Spur von Gold. Man vermag es nur mit zauberischen Mitteln herauszuziehen.«
»Das Gold ist unsichtbar«, wiederholte Joffrey. »Aus diesem zerstampften Gestein werden meine Gehilfen es mittels Blei und Feuer extrahieren. Ich will mich dabei nicht beteiligen. So werdet Ihr die Gewähr haben, daß ich kein neues Element hinzubringe und mich keiner kabalistischen Formeln bediene, sondern daß es sich hier um einen handwerksmäßigen Vorgang handelt, der von Arbeitern durchgeführt wird, die ebensowenig Hexenmeister sind wie jeder beliebige Schmied.«
Maître Gallemand flüsterte:
»Er redet zu schlicht und zu gut. Gleich werden sie ihm vorwerfen, er behexe das Gericht und den ganzen Saal.«
Von neuem machten sich Kouassi-Ba und Fritz Hauer geschäftig ans Werk. Sichtlich mißtrauisch, aber erfüllt von seiner »Mission« und der beherrschenden Rolle, die ihm in diesem Prozeß ganz allmählich zuwuchs, verfolgte Becher das Füllen des Schmelzofens mit Holzkohle.
Der Sachse ergriff einen großen Schmelztiegel aus Ton, tat das Blei und danach das schwärzliche Pulver der zerstoßenen Schlacke hinein und bedeckte alles mit einem weißen Salz - Borax, wie Angélique annahm. Schließlich wurde Holzkohle darübergelegt, und Kouassi-Ba begann die beiden Blasebälge mit dem Fuß zu betätigen.
Angélique bewunderte die Geduld, mit der ihr Gatte, der kurz zuvor noch so stolz und arrogant gewesen war, sich in diese Komödie schickte.
Absichtlich stand er ziemlich weit vom Schmelzofen entfernt, neben dem Angeklagtenbänkchen, doch der Feuerschein erhellte eben noch sein hageres, von üppigem Haar umrahmtes Gesicht. Etwas Düsteres und Bedrückendes ging von dieser seltsamen Szene aus.
Inzwischen schmolz im intensiven Feuer die Masse des Bleis und der Schlacke. Die Luft füllte sich mit Rauch und einem scharfen schwefligen Geruch. In den ersten Reihen begannen einige der Zuschauer sich zu räuspern und zu husten, und zeitweilig verschwand sogar der ganze Gerichtshof hinter den dunkel aufsteigenden Dämpfen.
Angélique fand es nun doch recht verdienstvoll von den Richtern, sich solcherweise wenn auch nicht Hexereien, so immerhin reichlich unangenehmen Experimenten auszusetzen.
Der Richter Bourié erhob sich und bat um die Erlaubnis, näher treten zu dürfen, die ihm von Masseneau auch erteilt wurde. Doch Bourié, von dem der Advokat behauptet hatte, der König habe ihm für den Fall, daß der Prozeß den gewünschten ungünstigen Ausgang nehme, große Versprechungen gemacht, blieb nur zwischen dem Schmelzofen, dem er den Rücken zuwandte, und dem Angeklagten stehen, den er unausgesetzt beobachtete. Der Richter Fallot aber schien selbst förmlich wie auf glühenden Kohlen zu sitzen. Er wich den Blicken seiner Kollegen aus und rutschte unruhig auf seinem großen roten Polstersessel herum.
»Armer Gaston!« dachte Angélique. Doch dann verlor sie jedes Interesse an ihm.
Schon wurde der Schmelztiegel unter der Einwirkung des Feuers, das ein Gardist ständig mit Holzkohle nährte, rot und darauf fast weiß.
»Halt!« befahl der sächsische Bergmann, der, mit Ruß, Schweiß und Knochenasche bedeckt, immer mehr einem der Hölle entstiegenen Ungeheuer glich.
Einem der mitgebrachten Säcke entnahm er eine schwere Zange, faßte mit ihr den in den Flammen stehenden Schmelztiegel, stützte sich fest auf seine kurzen Beine und hob ihn ohne sichtbare Mühe an. Kouassi-Ba schob ihm eine Sandform zu. Ein silbern glänzender Strahl ergoß sich funkensprühend in die Gießflasche.
Joffrey erwachte aus seinem Versunkensein und erklärte mit müder Stimme:
»Dies war der Strom des Bleis, der die edlen Metalle des goldhaltigen Rohgesteins festhält. Wir werden die Form zerbrechen und dieses Blei sofort auf einer unten im Ofen befindlichen Aschen->Sohle< kupellieren.«
Fritz Hauer zeigte diese »Sohle«, die aus einer dicken weißen, mit einer Höhlung versehenen Feuerplatte bestand, und stellte sie über die Flammen. Um den Barren vom Schmelztiegel zu lösen, mußte er sich eines Ambosses bedienen, so daß der ehrwürdige Justizpalast eine Weile von dröhnenden Hammerschlägen widerhallte. Dann wurde das Blei vorsichtig in die Höhlung gelegt und das Feuer angefacht. Als Sohle und Blei zu glühen begannen, ließ Fritz die Blasebälge ruhen, und Kouassi-Ba räumte die noch im Ofen befindliche Holzkohle aus.
In ihm blieb nur, eingefangen in der Höhlung der rot leuchtenden »Sohle«, das weißglühend brodelnde geschmolzene Blei, das allmählich klarer wurde.