Kouassi-Ba ergriff einen kleinen Handblasebalg und richtete ihn auf das Blei. Statt sie zu löschen, belebte die kalte Luft die Weißglut, und das Bad strahlte hell auf.
»Seht das Hexenwerk!« kreischte Becher. »Ohne Kohle beginnt das Höllenfeuer das Große Werk! Seht! Die drei Farben erscheinen.«
Der Mohr und der Sachse bliesen abwechselnd auf das geschmolzene Bad, in dem es wie Irrlichter zuckte und tanzte. Ein feuriges Ei zeichnete sich in seiner wogenden Masse ab. Als der Schwarze schließlich mit seinem Blasebalg zurücktrat, richtete das Ei sich auf, drehte sich wie ein Kreisel, verlor an Glanz und wurde immer dunkler.
Doch plötzlich erhellte es sich von neuem, strahlte weiß auf, hüpfte, sprang aus der Höhlung und rollte über den Boden bis zu den Füßen des Grafen.
»Das Ei des Teufels kehrt zu dem zurück, der es geschaffen hat«, schrie Becher. »Das ist der Blitz! Das Knallgold! Es wird vor uns zerplatzen!«
Der Saal schrie auf.
Im Halbdunkel, in das man plötzlich getaucht war, rief Masseneau nach Leuchtern. Als endlich einige hereingebracht wurden, legte sich der Tumult ein wenig.
Der Graf, der sich nicht gerührt hatte, berührte den Metallbrocken mit dem Ende seiner Krücke.
»Heb den Barren auf, Kouassi-Ba, und bring ihn dem Richter.«
Ohne zu zögern, sprang der Schwarze herzu, nahm das metallische Ei auf und bot es auf seiner schwarzen Handfläche dar.
»Das ist Gold!« keuchte der Richter Bourié. Er wollte gierig nach ihm greifen, aber kaum hatte er es berührt, als er einen fürchterlichen Schrei ausstieß und seine Hand verbrannt zurückzog.
»Das Höllenfeuer!«
»Wie kommt es, Graf«, fragte Masseneau, indem er seiner Stimme Festigkeit zu geben versuchte, »daß die Hitze dieses Goldes Euren schwarzen Diener nicht versengt?«
»Jedermann weiß, daß Mohren Glut in der Hand zu halten vermögen - genau wie die auvergnatischen Köhler.«
Ohne dazu aufgefordert zu sein, leerte Becher mit hervorquellenden Augen ein Fläschchen Weihwasser über dem bewußten Metallbrocken.
»Ihr Herren des Gerichtshofs, Ihr habt gesehen, wie vor Euch und im Widerspruch zu allen rituellen Exorzismen Teufelsgold gemacht worden ist. Nun urteilt selbst, ob Zauberkraft wirkte!«
»Glaubt Ihr, daß dieses Gold echt ist?« fragte Masseneau.
Der Mönch grinste und holte aus seiner unergründlichen Tasche ein weiteres Fläschchen hervor, das er vorsichtig entkorkte.
»Dies ist Scheidewasser, das nicht nur Messing und Bronze angreift, sondern auch die Gold-SilberLegierung. Aber ich bin im voraus überzeugt, daß es sich um Purum Aurum handelt.«
»Dieses in Eurer Gegenwart aus dem Gestein ausgeschiedene Gold ist keineswegs vollkommen rein«, mischte sich der Graf ein. »Sonst hätte sich am Ende des Kupellierungsprozesses nicht das Phänomen des Blitzes gezeigt, der jenes andere Phänomen erzeugte, das den Barren von allein springen ließ. Vulpius ist der erste Gelehrte, der diese merkwürdige Wirkung beschrieb.« Die verdrießliche Stimme des Richters Bourié fragte:
»Ist dieser Vulpius wenigstens römisch-katholisch?«
»Zweifellos«, erwiderte Peyrac sanft, »denn er war ein Schwede, der vor zwei Jahrhunderten lebte.«
Bourié lachte sarkastisch.
»Der Gerichtshof wird eine so weit zurückliegende Zeugenschaft gebührend zu würdigen wissen.«
Es trat nun ein Augenblick der Unschlüssigkeit ein, währenddessen die Richter sich zueinander beugten und sich schlüssig zu werden versuchten, ob man die Verhandlung fortsetzen oder bis zum nächsten Morgen vertagen solle.
Es war spät geworden. Die Leute wirkten zugleich erschöpft und überreizt. Eigentlich wollte niemand gehen.
Angélique verspürte keine Müdigkeit. Sie war wie von sich selbst losgelöst. Mehr oder weniger bewußt, stellten ihre Gedanken fieberhafte Überlegungen an. Es war doch nicht möglich, daß die Demonstration der Goldausscheidung eine für den Angeklagten ungünstige Auslegung fand ...? Hatte der Unfug des Mönchs Becher den Richtern nicht sichtlich mißfallen? Dieser Masseneau mochte seine Unparteilichkeit noch so sehr betonen, es schien offenkundig, daß er im Grunde seinem gaskognischen Landsmann wohlgesinnt war. Aber setzte sich sonst dieses ganze Gericht nicht aus harten, unduldsamen Leuten des Nordens zusammen? Und im Publikum gab es nur diesen verwegenen Maître Gallemand, der den Mut hatte, sich gegen die offenkundige Lenkung dieses Prozesses durch den König zu äußern. Was die Nonne betraf, die Angélique begleitete, so war sie hilfreich, soweit sie es vermochte, doch etwa in der Art eines Eiswürfels, den man auf die heiße Stirn eines Kranken legt.
Ach, wenn die Sache doch in Toulouse vonstatten gegangen wäre ...!
Und dieser Advokat, auch er ein Pariser Kind, unbekannt, arm obendrein - wann würde man ihn zu Wort kommen lassen? Würde man ihm zuhören? Warum schaltete er sich nicht mehr ein? Und wo blieb der Pater Kircher? Vergeblich versuchte Angélique, unter den Zuschauern der ersten Reihe das schlaue Bauerngesicht des Großexorzisten von Frankreich zu entdecken .
Der Präsident Masseneau räusperte sich.
»Meine Herren, die Verhandlung wird fortgesetzt. Angeklagter, habt Ihr dem, was wir gesehen und gehört haben, etwas hinzuzufügen?«
Der Große Hinkefuß des Languedoc richtete sich auf seinen Stöcken auf, und seine Stimme erhob sich voll und geprägt von einem Akzent der Wahrhaftigkeit, der das Publikum erschauern ließ:
»Ich schwöre vor Gott und auf die gesegneten Häupter meines Weibes und meines Kindes, daß ich weder den Teufel noch seine Zauberkünste kenne, daß ich niemals eine Goldtransmutation vorgenommen noch nach teuflischen Anweisungen Leben gezeugt noch versucht habe, meinen Mitmenschen durch Zauberei oder Behexung Schaden zuzufügen.«
Zum erstenmal in dieser endlosen Sitzung stellte Angélique eine Bewegung der Sympathie zugunsten des Angeklagten fest. Eine helle Stimme erhob sich inmitten der Menge und rief:
»Wir glauben dir.«
Doch schon sprang der Richter Bourié auf und fuchtelte mit den Armen. »Seht Euch vor! Das ist die Wirkung eines Zaubers, von dem hier noch nicht genügend gesprochen wurde. Vergeßt nicht: Die Goldene Stimme des Königreichs! Die gefürchtete Stimme, die die Frauen verführte!«
Dasselbe kindliche Organ rief:
»Er soll singen! Er soll singen!«
Diesmal stieg dem Präsidenten das südliche Blut ins Gesicht; er schlug mit der Faust auf sein Pult.
»Ruhe! Ich lasse den Saal räumen! Wachen, schafft die Störenfriede hinaus! Monsieur Bourié, setzt Euch! Schluß mit den Zwischenrufen. Kommen wir zum Ende! Maître Desgray, wo seid Ihr?«
»Hier bin ich, Herr Präsident«, erwiderte der Advokat.
Masseneau kam wieder zu Atem und faßte sich mühsam. In ruhigerem Tone fuhr er fort:
»Meine Herren, obwohl dieser Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet, wollte der König in seiner Großherzigkeit den Angeklagten nicht aller Verteidigungsmittel berauben. Dieserhalb und um Licht in die magischen Verfahren zu bringen, die anzuwenden der Angeklagte beschuldigt wird, glaubte ich jede, selbst gefährliche Demonstration gestatten zu müssen. Schließlich hat der Monarch in seiner Milde dem Angeklagten den Beistand eines Verteidigers gewährt, dem ich hiermit das Wort erteile.«
Desgray erhob sich, grüßte das Gericht, dankte dem König im Namen seines Mandanten und bestieg sodann eine zwei Stufen hohe Tribüne, von der aus er sprechen sollte.
Als sie ihn sehr gerade und sehr ernst sich aufrichten sah, hatte Angélique größte Mühe, sich vorzustellen, daß dieser schwarzgekleidete, würdige Mann derselbe langaufgeschossene Bursche mit der ewig witternden Spürnase war, der, seinem Hund pfeifend, mit rundem Rücken unter dem schäbigen Mantel durch die Straßen von Paris zu schlendern pflegte.