»Tut das nicht!« rief Desgray verzweifelt. »Wartet noch mit dem Urteilsspruch. Ich werde Zeugen beibringen. Pater Kircher ist ermordet worden.«
»Von Euch!« warf Bourié ein.
»Maître, beruhigt Euch«, sagte Masseneau. »Habt Vertrauen zur Entscheidung der Richter.«
Dauerte die Beratung ein paar Minuten oder länger?
Es kam Angélique vor, als hätten sich die Richter nie von der Stelle gerührt, als seien sie immer dagewesen mit ihren viereckigen Baretten, ihren roten und schwarzen Roben, als würden sie immer dort bleiben, festgebannt an ihre Plätze, vor denen sie nun standen. Die Lippen des Präsidenten de Masseneau bewegten sich. Mit zitternder Stimme verlas er:
»Im Namen des Königs verkünde ich, daß Joffrey de Peyrac de Morens der Verführung, der Gottlosigkeit, der Magie, der Hexerei und anderer in diesem Prozeß zur Sprache gekommener Verbrechen für schuldig befunden wurde, zu deren Sühnung er den Händen des Scharfrichters übergeben und von allen zum Vorplatz von Notre-Dame geleitet werden soll, um dort barhäuptig und mit bloßen Füßen, den Strick um den Hals und eine Kerze in der Hand, die Vergebung seiner Sünden zu erbitten.
Alsdann soll er zur Place de Grève gebracht und dort lebendigen Leibes auf einem zu diesem Zweck zu errichtenden Scheiterhaufen verbrannt werden, bis daß sein Fleisch und seine Knochen zu Asche zerfallen, welch selbige man in alle Winde verstreuen wird.
Und jedes seiner Güter soll erfaßt und zugunsten des Königs eingezogen werden.
Und bevor er hingerichtet wird, soll er der peinlichen und hochnotpeinlichen Befragung unterworfen werden.
Weiterhin verkünde ich, daß der Sachse Fritz Hauer zum Mitschuldigen erklärt wurde und zur Sühne an einem auf der Place de Grève zu errichtenden Galgen gehenkt und gewürgt werden soll, bis daß der Tod eingetreten ist. Und ich verkünde, daß der Mohr Kouassi-Ba zum Mitschuldigen erklärt und zur Sühne zu lebenslänglicher Galeere verurteilt wurde.«
Neben dem Sünderbänkchen schwankte, auf zwei Stöcke gestützt, die hohe Gestalt Joffrey de Peyracs. Er erhob sein fahles Gesicht zum Tribunal.
»Ich bin unschuldig!«
Sein Schrei verklang in Totenstille.
Dann fuhr er mit ruhiger, dumpfer Stimme fort:
»Baron de Masseneau de Pouillac, ich weiß, daß jetzt nicht mehr Zeit ist, meine Unschuld zu beteuern. Ich werde also schweigen. Doch bevor ich von hier weggeführt werde, möchte ich Euch öffentlich für das Bemühen um Rechtlichkeit Dank sagen, das Ihr in diesem Prozeß gezeigt habt, dessen Vorsitz und Abschluß Euch aufgezwungen wurden. Empfangt von einem Edelmann aus altem Geschlecht die Versicherung, daß Ihr würdiger seid, das Adelswappen zu führen als diejenigen, die Euch regieren.«
Im roten Gesicht des toulousanischen Parlamen-tariers zuckte es. Einen Moment hob er die Hand vor die Augen, dann rief er in jener langue d’oc, die nur Angélique und der Angeklagte verstanden:
»Adieu! Adieu, >Bruder meines Landes<!«
Draußen in der tiefen Nacht, die sich bereits der Morgendämmerung näherte, schneite es, und der Wind trieb große Flocken vor sich her. Im dicken, weißen Teppich stolpernd, verließen die Leute den Justizpalast. Laternen schaukelten an den Wagenschlägen.
Eine halbnärrische Frau, Carmencita de Mérecourt, klammerte sich an die Roben der nach Hause eilenden Richter. Schreiend bezichtigte sie sich, ihre einzige Liebe gemordet zu haben.
Angélique schritt im Gewühl der vor Übermüdung trunkenen Zuschauer dahin, die wie von Entsetzen gelähmt schwiegen. Sie erkannte in der zerzausten, trotz der eisigen Kälte halbentblößten Frau, deren Stimme das Heulen des Schneesturms übertönte, Carmencita nicht wieder.
»Nehmt mich doch fest ... Er ist unschuldig! Ich habe ihn verleumdet! Ich wollte mich rächen, weil er sie liebte! Er liebte sie, die >andere<, und er hat mich nicht mehr geliebt .«
Zehn Leuten gelang es nur mit Mühe, die Rasende loszureißen, die sich an die Rockschöße des Präsidenten de Masseneau geklammert hatte.
Die >andere< wanderte einsam durch die finsteren, verschneiten Straßen von Paris. Beim Verlassen des Justizpalasts hatte Angélique die Nonne im Gedränge verloren. Nun strebte sie mechanisch dem Temple-Bezirk zu. Sie dachte an nichts; sie hatte nur ein einziges Bedürfnis: ihr kleines Zimmer aufzusuchen und sich über Florimonds Bettchen zu beugen.
Als sie sich der Festungsmauer des Temple näherte, fiel ihr ein, daß die Tore geschlossen sein würden. Aber sie hörte die gedämpften Töne der Turmuhr von Notre-Dame de Nazareth und zählte fünf Schläge. In einer Stunde würde der Bailli aufschließen lassen. So überschritt sie die Zugbrücke und kauerte sich unter das Gewölbe des Torturms. Geschmolzene Schneeflocken rannen über ihr Gesicht. Glücklicherweise hatten sie das Nonnenkleid mit seinen mehrfachen Röcken, die weite Haube und der Kapuzenmantel gut geschützt. Nur ihre Füße waren eiskalt.
Das Kind regte sich in ihr. Sie legte die Hände auf ihren Leib und preßte ihn in plötzlich aufflammendem Zorn. Warum wollte dieses Kind leben, da Joffrey sterben mußte .?
In diesem Augenblick zerriß der Schneevorhang, und etwas Dunkles sprang keuchend unter das Gewölbe. Angélique erkannte den Hund Sorbonne. Er näherte sich ihr, legte die Pfoten auf ihre Schultern und leckte mit seiner rauhen Zunge ihr Gesicht.
Angélique streichelte ihn und spähte forschend in die von Flocken durchwirbelte Finsternis: Sorbonne, das war Desgray. Desgray würde kommen, und mit ihm die Hoffnung. Sicher hatte er einen Gedanken. Er würde ihr sagen, was man jetzt noch tun konnte, um Joffrey zu retten.
Schon hörte sie den Schritt des jungen Mannes auf der Holzbrücke. Er näherte sich vorsichtig.
»Seid Ihr da?« flüsterte er.
»Ja.«
Er kam näher. In der Dunkelheit unter dem Gewölbe sah sie ihn nicht, aber er neigte sich beim Sprechen so dicht zu ihr, daß der Tabakgeruch seines Atems sie schmerzlich an Joffreys Küsse erinnerte.
»Sie haben versucht, mich beim Verlassen des Justizpalastes festzunehmen. Sorbonne hat einen der Polizisten erwürgt. Ich konnte entkommen. Der Hund ist Eurer Spur gefolgt und hat mich hierhergeführt. Ihr müßt nun verschwinden. Habt Ihr verstanden? Keinen Namen, keine Versuche, nichts mehr. Andernfalls findet Ihr Euch eines Morgens in der Seine - wie der Pater Kircher -, und Euer Sohn wird Doppelwaise sein. Was mich betrifft, so habe ich den Ausgang des Prozesses vorausgesehen. Ein Pferd erwartet mich an der Porte Saint-Martin. In ein paar Stunden bin ich weit fort.«
Angélique klammerte sich an das durchnäßte Wams des Advokaten. Ihre Zähne klapperten.
»Ihr werdet doch nicht fliehen? Ihr könnt mich nicht im Stich lassen!«
Er ergriff die zarten Handgelenke der jungen Frau und löste die verkrampften Finger.
»Ich habe für Euch alles aufs Spiel gesetzt und alles verloren, außer meiner Haut.«
»So sagt mir doch ... sagt mir, was ich für meinen Gatten tun kann!«
»Alles, was Ihr für ihn tun könnt .«
Er zögerte, dann fuhr er überstürzt fort:
»Sucht den Scharfrichter auf und gebt ihm dreißig Silberstücke, damit er ihn erdrosselt - ja, vor dem Feuer. So wird er wenigstens nicht leiden. Da, hier habt Ihr dreißig Silberstücke.«
Sie spürte, daß er ihr eine Börse in die Hand schob. Ohne ein weiteres Wort ging er davon. Der Hund zögerte, seinem Herrn zu folgen, kehrte zu Angélique zurück und schaute sie aus warmen Augen an. Desgray pfiff. Der Hund spitzte die Ohren und verschwand in der Nacht.
Meister Aubin, der Scharfrichter, wohnte an der Place du Pilori, bei der Fischhalle. Hier mußte er wohnen und nirgendwo sonst. Die Bestallungsurkunde der Scharfrichter von Paris bestimmte das seit undenklichen Zeiten. Alle Läden und Verkaufsstände des Platzes gehörten ihm, und er vermietete sie an kleine Krämer. Überdies stand ihm das Recht zu, sich von jedem der Marktstände eine gute Handvoll Gemüse oder Korn zu nehmen, einen Süßwasserfisch, einen Seefisch und ein Bündel Heu. Wenn die Hökerinnen die Königinnen der Markthallen waren, so war der Scharfrichter ihr heimlicher und verlästerter Herr.