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»Meine Schwester«, sagte er, »ich möchte Euch wissen lassen, daß Euer Gatte als Christ gestorben ist. Er war gefaßt und ergeben. Er trennte sich schwer vom Leben, aber er fürchtete sich nicht vor dem Tod. Zu wiederholten Malen hat er mir gesagt, er freue sich darauf, vor den Herrn aller Dinge zu treten. Ich glaube, er hat viel Trost aus der Gewißheit geschöpft, daß er endlich erfahren würde .«

Zögernd und mit einer gewissen Verwunderung in der Stimme vollendete er: ». daß er endlich erfahren würde, ob die Erde sich dreht oder nicht.«

»Oh!« rief Angélique, die der Zorn plötzlich neu belebte. »Oh, das sieht Joffrey ähnlich! Die Männer sind doch alle gleich. Es war ihm ganz gleich, mich in Elend und Verzweiflung auf dieser Erde zurückzulassen, die sich dreht oder auch nicht!«

»Nein, meine Schwester! Er trug mir immer wieder auf: >Sagt ihr, daß ich sie liebe. Sie hat mich überglücklich gemacht. Ach, ich bin nur eine Etappe in ihrem Leben gewesen, aber ich habe Vertrauen, daß sie ihren Weg gehen wird.< Er äußerte außerdem den Wunsch, man möge das Kind Cantor nennen, wenn es ein Knabe, und Clémence, wenn es ein Mädchen ist.«

Cantor de Marmont, Troubadour des Languedoc, Clémence Isaure, Muse der Blumenspiele von Toulouse .

Wie weit all das zurücklag! Wie unwirklich es war angesichts der bösen Stunden, die Angélique durchlebte. Sie versuchte, sich in den Temple zurückzuschleppen, aber sie kam nur mühsam vorwärts. Für eine Weile erwachte ihr Groll gegen Joffrey und hielt sie aufrecht. Doch dann überschwemmte eine Tränenflut ihr Gesicht, und sie mußte sich an eine

Mauer stützen, um nicht zu fallen.

»O Joffrey, Liebster«, flüsterte sie, »nun weißt du endlich, ob die Erde sich dreht oder nicht! Sei glücklich in der Ewigkeit!«

Ihr körperlicher Schmerz wurde reißend und unerträglich, kehrte in betäubenden Wellen wieder, und sie begriff, daß sie niederkommen würde.

Sie war weit vom Temple entfernt. Auf ihrem unschlüssigen Gang hatte sie sich verirrt, und sie war vor der Notre-Dame-Brücke angelangt. Ein Karren kam vorüber. Angélique rief den Fahrer an.

»Ich bin krank. Könnt Ihr mich zum Spital fahren?«

»Dorthin will ich ohnedies«, erwiderte der Mann, »eine Ladung für den Friedhof abholen. Ich bin nämlich der, der die Leichen fährt. Steigt also auf.«

Angélique blieb nur vier Tage im Spital. Es war eine andere Angélique als die, die Joffrey gekannt hatte. Die einstige war mit ihm gestorben; mit dem kleinen Cantor - denn Joffreys Kind war ein Sohn - war eine neue geboren worden, in der sich nur noch wenige Spuren der Naivität und seltsamen Süße fanden, die ihr früher eigen gewesen waren. Hitzig und schroff war sie nun darauf aus, sich in diesem Milieu des Elends zu behaupten. Sie wehrte sich dagegen, daß man eine zweite Kranke zu ihr ins Bett legte, sie beanspruchte die besten Decken und verbat sich, daß die Pflegerin sie und ihr Kind mit ihren schmutzigen Fingern berührte. Eines Morgens riß sie einer Nonne die saubere Schürze ab, die diese sich eben umgebunden hatte, und ehe noch die arme Novize die Superiorin holen konnte, hatte sie aus dem Tuch Binden gemacht, um den Säugling zu wickeln und sich selbst zu verbinden.

Den Vorwürfen setzte sie verbissenes Schweigen entgegen und schoß verächtliche, haßerfüllte Blicke auf die, die mit ihr rechten wollten. Eine Zigeunerin, die im selben Saale lag, erklärte, nach ihrer Ansicht sei dieses Mädchen mit den grünen Augen eine Wahrsagerin.

Sie sprach nur ein einziges Mal, als einer der Verwalter des Spitals persönlich erschien und ihr, während er sich ein parfümiertes Taschentuch vor die Nase hielt, bekümmert Vorwürfe machte.

»Wie ich höre, mein Kind, widersetzt Ihr Euch, daß eine andere Kranke dieses Bett teilt, das die öffentliche Mildtätigkeit Euch gewährt hat. Findet Ihr solches Verhalten nicht bedauerlich? Das Spital fühlt sich verpflichtet, alle Kranken aufzunehmen, die ihm zugeführt werden, und wir haben nicht genügend Betten.«

»Dann tätet Ihr besser, die Kranken, die man Euch schickt, gleich in ihr Leichentuch einzunähen«, erwiderte die junge Frau brüsk. »In den Hospizen, die Monsieur Vincent gegründet hat, bekommt jeder Kranke sein Bett, das weiß ich. Aber Ihr wolltet gar nicht, daß man Eure unwürdigen Methoden verbessert, weil Ihr dann hättet Rechenschaft ablegen müssen. Was geschieht mit all den Stiftungen der öffentlichen Mildtätigkeit, von denen Ihr mir redet, und den Zuschüssen des Staats? Man könnte meinen, die Herzen seien wenig großmütig und der Staat sei sehr arm, wenn man nicht einmal in der Lage ist, genügend Stroh zu kaufen, um täglich die Unglücklichen frisch zu betten, die Ihr auf ihrem Unrat verkommen laßt. Wenn der Schatten Monsieur Vincents einmal durch dieses Spital wandern sollte, würde er vor Kummer weinen, so tot wie er ist.«

Hinter seinem Taschentuch wurden die Augen des verblüfften Verwalters immer größer. Gewiß, im Verlauf der fünfzehn Jahre, in denen ihm eine bestimmte Abteilung des Spitals unterstellt gewesen war, hatte er zuweilen mit anmaßenden Subjekten, mit zungenfertigen Marktweibern und ordinären Prostituierten zu tun gehabt. Doch nie war von diesen Lagerstätten eine so deutliche Antwort in so strafendem Ton an sein Ohr gedrungen.

»Frau«, sagte er, indem er sich mit seiner vollen Würde umgab, »ich entnehme Euren Worten, daß Ihr kräftig genug seid, um Euch nach Hause zu verfügen. Verlaßt also dieses Asyl, dessen Segnungen Ihr nicht anerkennen wollt.«

»Das will ich gern tun«, erwiderte Angélique bissig, »aber zuvor verlange ich, daß meine Kleider, die man mir bei meiner Ankunft hier wegnahm und die man zusammen mit den Lumpen der Pockenkranken, Syphilitiker und Pestkranken aufbewahrte, vor mir in reinem Wasser gewaschen werden. Andernfalls verlasse ich das Spital im Hemd und werde auf dem Platz vor Notre-Dame ausposaunen, daß die Spenden der Großen und die Zuschüsse des Staates in die Taschen der Spitalverwalter wandern. Ich werde mich auf Monsieur Vincent, das Gewissen des Königreichs, berufen. Ich werde so laut schreien, daß der König selbst verlangen wird, die Abrechnungen des Spitals zu prüfen.«

»Wenn Ihr das tut«, sagte er, während er sich mit einem grausamen Ausdruck über sie beugte, »werde ich Euch zu den Irren stecken lassen.«

Angélique zitterte, wandte aber das Gesicht nicht ab. Plötzlich fiel ihr ein, in welchen Ruf die Zigeunerin sie gebracht hatte.

»Und ich sage Euch, wenn Ihr diese neuerliche Infamie begeht, werden alle Eure Angehörigen im kommenden Jahr sterben.«

»Man riskiert ja nichts, wenn man ihnen so etwas erklärt«, überlegte sie, während sie sich wieder auf ihrem schmutzigen Strohsack ausstreckte. »Die Männer sind ja so dumm .!«

Die Luft der Straßen von Paris, die sie einmal so übelriechend gefunden hatte, kam ihr köstlich rein vor, als sie sich endlich frei, lebendig und in sauberer Kleidung vor dem abstoßenden Gebäude wiederfand.

Ihr Kind auf dem Arm, schritt sie geradezu munter einher. Ein einziger Umstand beunruhigte sie: sie hatte sehr wenig Milch, und Cantor, der bis dahin musterhaft artig gewesen war, begann sich zu beklagen. Gierig an der leeren Brust saugend, hatte er die ganze Nacht geweint.

»In den Temple kommen Ziegenherden. Ich werde ihn mit der Flasche aufziehen. Er wird den Verstand eines Zickleins bekommen, ich kann’s nicht ändern ...«, sagte sie sich.

Und Florimond, was war aus ihm geworden? Sicher hatte Mutter Cordeau ihn nicht im Stich gelassen, sie war eine brave Frau; aber es kam Angélique vor, als seine Jahre vergangen, seitdem sie ihren Erstgeborenen verlassen hatte.

Die Leute, die an ihr vorübergingen, trugen Kerzen in der Hand. Ein Duft nach heißen Krapfen drang aus den Häusern. Es muß der 2. Februar sein, der Tag der Darbringung des Jesuskindes im Tempel und Maria Reinigung. Man feierte ihn, indem man einander Kerzen schenkte, nach einem Brauch, der diesem Tag den Namen Lichtmeß eingetragen hatte.