»Armes kleines Jesuskind«, dachte sie und küßte Cantors Stirn, während sie das Templetor durchschritt.
Als sie sich dem Hause Mutter Cordeaus näherte, hörte sie ein Kind weinen. Ihr Herz klopfte, denn sie ahnte, daß es Florimond war. Gleich darauf sah sie eine kleine dunkle Gestalt durch den Schnee stolpern, von Gassenjungen verfolgt, die sie mit Schneebällen bewarfen.
»Hexenmeister! He, kleiner Hexenmeister! Zeig uns deine Hörner!«
Mit einem Schrei lief sie auf das Kind zu, fing es auf und drückte es an sich. Dann trat sie in die Küche, wo die alte Frau am Herd saß und Zwiebeln schälte.
»Wie könnt Ihr zulassen, daß diese Taugenichtse ihn quälen!« rief sie.
Mutter Cordeau fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, in die die Zwiebeln Tränen getrieben hatten.
»Sachte, sachte, mein Kind, schreit nicht so! Ich hab’ mich Eures Kleinen sehr wohl angenommen, während Ihr fort wart, wenn ich auch nicht allzu sicher war, ob ich Euch eines Tages wiedersehen würde. Aber ich kann ihn ja schließlich nicht den ganzen Tag auf dem Rücken haben. Ich hab’ ihn rausgetan, damit er frische Luft bekommt. Was kann ich denn dazu, wenn die Buben ihn >Hexenmeister< nennen? Es stimmt ja schließlich, daß sein Vater auf der Place de Grève verbrannt worden ist - oder nicht? Na also. Er muß sich eben dran gewöhnen. Mein Junge war nicht viel größer als er, als sie anfingen, ihm Steine nachzuwerfen und ihn >Corde-au-cou< zu nennen. Oh, das herzige Schätzchen!«
Die Alte hatte Cantor auf ihrem Arm entdeckt, legte das Messer beiseite und trat mit verzückter Miene näher, um Cantor zu bewundern.
In dem ärmlichen Zimmer oben im ersten Stock, das sie mit einem Gefühl des Geborgenseins wieder in Besitz nahm, legte Angélique ihre beiden Kinder aufs Bett und beeilte sich, Feuer zu machen.
»Jetzt bin ich froh«, sagte Florimond und sah sie aus seinen leuchtenden, schwarzen Augen an. »Du gehst nicht mehr fort, Mama?«
»Nein, mein Liebling. Schau doch das hübsche Kindchen an, das ich dir mitgebracht habe.«
»Ich mag es nicht«, erklärte Florimond sofort und schmiegte sich eifersüchtig an sie.
Indessen wickelte Angélique Cantor aus und brachte ihn ans Feuer. Er streckte seine kleinen Glieder und gähnte.
Mein Gott! Durch welches Wunder hatte sie in all den grausigen Martern ein so gesundes, kräftiges Kind zur Welt bringen können? Cantor war das lebendige Zeugnis dessen, was künftige Jahrhunderte den Verteidigungsreflex der Natur nennen würden.
Ein paar Wochen lang lebte Angélique einigermaßen friedlich im Temple-Bezirk. Sie hatte ein wenig Geld und hoffte auf Raymonds Rückkehr. Doch eines Nachmittags ließ der Bailli sie zu sich rufen.
»Mein Kind«, erklärte er ohne Umschweife, »ich muß Euch im Auftrag des Herrn Großpriors mitteilen, daß Ihr diesen Bezirk zu verlassen habt. Ihr wißt, daß er nur diejenigen unter seinen Schutz nimmt, deren Ruf in keiner Hinsicht dem Ansehen seines kleinen Staatswesens schaden kann. Ihr müßt also gehen.«
Angélique öffnete den Mund, um zu fragen, was man ihr vorwerfe. Dann dachte sie daran, sich dem Herzog von Vendôme, dem Großprior, zu Füßen zu werfen. Schließlich erinnerte sie sich der Worte des Königs: »Ich möchte nicht mehr von Euch reden hören!«
Man wußte also, wer sie war. Fürchtete man sie etwa noch? Sie begriff, daß es nutzlos war, die Jesuiten um Unterstützung zu bitten. Sie hatten ihr bereitwillig geholfen, als es etwas zu verteidigen gab, aber es war ja alles entschieden. Man würde ein Auge auf diejenigen haben, die sich, wie ihr Bruder Raymond, in dieser peinlichen Angelegenheit kompromittiert hatten.
»Gut«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen, »ich werde den Bezirk heute abend verlassen.«
Nach Hause zurückgekehrt, tat sie, was ihr geblieben war, in einen kleinen Lederkoffer, packte die beiden Kinder warm ein und lud alles auf den Schubkarren, den sie schon bei ihrem ersten Umzug benützt hatte.
Mutter Cordeau war in der Markthalle, und Angélique ließ etwas Geld auf dem Tisch zurück.
»Wenn ich reicher bin, werde ich meine Schuld abtragen«, nahm sie sich vor.
»Gehn wir spazieren, Mama?« fragte Florimond.
»Wir kehren zu Tante Hortense zurück.«
»Sehe ich dann Baba?«
Es war der Name, den er Barbe einmal gegeben hatte.
»Ja.«
Er klatschte in die Hände und schaute entzückt umher.
Während sie ihren Schubkarren durch die Straßen fuhr, in denen der Schlamm sich mit geschmolzenem Schnee vermischte, betrachtete Angélique die kleinen Gesichter ihrer Kinder, die eng aneinandergepreßt unter der Decke lagen. Das Schicksal dieser zarten Wesen lastete bleischwer auf ihr.
Über den Dächern war der Himmel klar, von Wolken reingefegt. Gleichwohl würde es in dieser Nacht keinen Frost geben, denn seit ein paar Tagen war das Wetter milder geworden, und die Armen schöpften an ihren leergebrannten Kaminen neue Hoffnung.
In der Rue Saint-Landry stieß Barbe einen freudigen Schrei aus, als sie Florimond erkannte. Das Kind streckte ihr die Arme entgegen und küßte sie stür-misch.
»Du bist es, mein Engelchen!« stammelte die Magd.
Ihre Lippen bebten, ihre großen gutmütigen Augen füllten sich mit Tränen. Sie starrte Angélique wie ein aus dem Grabe auferstandenes Gespenst an. Verglich sie die Frau mit dem harten abgemagerten Gesicht, die dürftiger gekleidet war als sie selbst, mit jener, die ein paar Monate zuvor an ebendiese Tür geklopft hatte?
Angélique fragte sich, ob Barbe wohl von ihrer Mansarde aus das Feuer auf der Place de Grève hatte brennen sehen, als von der Treppe her ein unterdrückter Ausruf erscholl und sie veranlaßte, sich umzuwenden.
Hortense, einen Leuchter in der Hand, war bei ihrem Anblick vor Entsetzen erstarrt. Hinter ihr erschien Maître Fallot de Sancé auf dem Treppenabsatz: ohne Perücke, in Schlafrock und gestickter Mütze. Entgeistert starrte er seine Schwägerin an.
Nach einer schier endlosen Stille gelang es Hortense, steif und zitternd einen Arm zu heben.
»Hinaus!« sagte sie mit hohler Stimme. »Mein Dach hat schon allzu lange eine verfluchte Familie beherbergt.«
»Sei doch still, du unverbesserliche Törin!« erwiderte Angélique achselzuckend.
Sie näherte sich der Treppe. »Ich selber gehe ja. Aber ich bitte dich, diese unschuldigen Kleinen aufzunehmen, die dir in keiner Hinsicht schaden können?«
»Hinaus!« wiederholte Hortense.
Angélique wandte sich zu Barbe, die Florimond und Cantor an sich drückte. »Ich vertraue sie dir an, Barbe, du Gute! Hier hast du alles Geld, das mir geblieben ist, um Milch für sie zu kaufen. Cantor braucht keine Amme. Er hat sich an Ziegenmilch gewöhnt .«
»Hinaus! Hinaus! Hinaus!« schrie Hortense in gellendem Crescendo und begann, mit den Füßen zu stampfen.
Der letzte Blick, den Angélique zurückwarf, galt nicht ihren Kindern, sondern ihrer Schwester.
Die Kerze, die Hortense in der Hand hielt, schwankte und zeichnete grausige Schatten in ihr verzerrtes Gesicht.
»Und dennoch«, sagte sich Angélique, »haben wir sie nicht gemeinsam gesehen, die kleine Edelfrau von Monteloup? Jenes Gespenst mit den vorgestreckten Armen, das durch unsere Zimmer ging .? Und wir schmiegten uns vor Entsetzen aneinander im großen Bett .«
Sie trat auf die Gasse hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick blieb sie stehen und sah gedankenlos einem Schreiber zu, der auf einem Schemel stand und die große Laterne vor der Kanzlei des Monsieur Fallot de Sancé anzündete.
Dann wandte sie sich ab und tauchte in Paris unter.
Ein Raunen geht in dieser Nacht des Tauwetters durch die Straßen von Paris. Das Schneewasser tropft von den Dachrändern und Traufrinnen. Der gelbe, feuchte Mond trocknet sich an den vorbeiziehenden Wolken.