Die Rue de la Vallée de Misère ist die Straße der Bratküchen. Zu dieser späten Stunde ist sie noch voller Leben, und die Geflügelspieße drehen sich brotzelnd im Hintergrunde jedes Ladens. Nur die letzte, die »Zum kecken Hahn« heißt, ist dunkel und ohne Gäste. Meisterin Bourgeaud, die Herrin des Lokals, ist heute abend an den Pocken gestorben, und Meister Bourgeaud weint an ihrem Totenbett droben in der großen Stube. Sein Neffe Louis Calhaillou, der aus Toulouse gekommen ist, betrachtet ihn ratlos von der anderen Seite des Tisches her, auf dem zwei Leuchter stehen und in einem Teller mit Weihwasser ein Buchsbaumzweig. Gehen wir ein Stück weiter, dorthin, wo es warm und lustig ist.
Die Kneipen und Bratküchen sind die Sterne des nächtlichen Paris, duftende, warme Höhlen. Da sind der »Tannenzapfen« in der Rue de la Licorne und die »Löwengrube« in der Rue de la Coiffure, die »Guten Kinder« in der Straße gleichen Namens und der »Reiche Landmann« in der Rue des Mauvais Garçons, die »Drei Mohren«, die »Schwarze Trüffel« und das »Grüne Gitter« in der Rue Hyacinthe, wo die Kapuziner, Coelestiner und Jakobiner zusammenkommen und wohin der Mönch Becher sich eben mit verstörter Miene geschlichen hat, um zu versuchen, beim Wein die Flammen eines Scheiterhaufens zu vergessen.
Angélique betrachtete durch das Fenster das Gesicht des Mönchs Becher. Unbekümmert um den geschmolzenen Schnee, der vom Dach auf ihre Schultern tropfte, blieb sie vor der Schenke »Zum grünen Gitter« stehen. Der Mönch saß vor einer Zinnkanne und trank starren Blicks.
Angélique konnte ihn trotz des dicken Fensterglases deutlich erkennen. Der Schankraum war kaum verräuchert. Die Mönche und Geistlichen, die den Hauptteil der Gäste bildeten, machten sich nichts aus der Pfeife. Sie kamen hierher, um zu trinken und vor allem des Dame- und Würfelspiels wegen.
»Schätzchen, solltest dich heut nacht nicht hier rumtreiben. Hast du keine Pinke, um was in den Topf zu schmeißen?«
Angélique wandte sich um und suchte zu erkennen, wer diese seltsamen Worte an sie richtete, aber sie sah niemand. Plötzlich kam der Mond zwischen zwei Wolken zum Vorschein, und sie entdeckte zu ihren Füßen die untersetzte Gestalt eines Zwergs, der zwei auf merkwürdige Weise gekreuzte Finger zu ihr emporhob. Sie erinnerte sich der Geste, die der Mohr Kouassi-Ba ihr einmal mit den Worten gezeigt hatte: »Du kreuzest die Finger so, und meine Freunde sagen: Es ist gut, du bist einer der Unsrigen.«
Mechanisch machte sie Kouassi-Bas Zeichen. Das Gesicht des Knirpses verzog sich zu einem breiten Grinsen.
»Du gehörst dazu, ich hab’ mir’s gedacht. Aber ich weiß dich nicht unterzubringen. Gehörst du zu Rodogone dem Ägypter, zu Johann dem Zahnlosen, zum Blauen Mathurin oder zum Raben?«
Ohne zu antworten, wandte sich Angélique ab und starrte abermals durch die Scheibe auf den Mönch Becher. Mit einem Satz sprang der Zwerg auf die Fensterbrüstung. Der aus der Schenke dringende Lichtschein beleuchtete sein derbes Gesicht, auf dem ein speckiger Hut saß. Er hatte rundliche, fleischige Hände und winzige Füße, die in Leinenschuhen steckten, wie die Kinder sie tragen.
»Wo ist er denn, dieser Gast, den du nicht aus den Augen läßt?«
»Der dort in der Ecke.«
»Glaubst du, der alte Knochensack, dessen eines Auge dem andern zuplinkt, gibt dir was für deine Mühe?«
Angélique holte tief Atem. Plötzlich begann das Leben wieder in ihr zu pulsieren: Sie wußte, was sie zu tun hatte.
»Diesen Mann dort muß ich umbringen«, sagte sie.
Behende tastete der Zwerg um ihre Taille.
»Du hast ja nicht mal dein Messer. Wie willst du’s machen?«
Zum erstenmal schaute die junge Frau das seltsame Wesen richtig an, das wie eine Ratte aus dem Pflaster aufgetaucht war, wie eines jener gemeinen Nachttiere, von denen Paris bedrängt wurde, je mehr die Dunkelheit zunahm.
Stundenlang war sie verstört durch diese Finsternis geirrt, schwankend wie eine Mondsüchtige. Welcher Haß-, welcher Jagdinstinkt hatte sie vor das »Grüne Gitter« geführt, hinter dessen Scheibe sie den Mönch Becher erkannt hatte?
»Komm mit mir, Marquise«, sagte der Zwerg unvermittelt, indem er auf die Erde sprang. »Wir gehen zu den Unschuldigen Kindern. Da wirst du jemand finden, der’s für dich besorgt.«
Sie folgte ihm, ohne zu zögern. Der Zwerg schritt ihr tänzelnd voraus.
»Ich heiße Barcarole«, erklärte er nach einer Weile. »Ist es nicht ein anmutiger Name, genau so anmutig wie ich? Huhu!«
Er stieß einen fröhlichen Juchzer aus, schlug einen Purzelbaum, dann formte er einen Schneeball und warf ihn in ein Fenster.
»Machen wir uns aus dem Staub, Teuerste«, fuhr er fort, »sonst kriegen wir den Inhalt des Nachttopfs dieser biederen Bürgersleute auf den Kopf, die wir aus dem Schlaf geweckt haben.«
Kaum hatte er ausgesprochen, knarrte oben auch schon ein Fensterflügel, und Angélique mußte zur Seite springen, um der prophezeiten Dusche zu entrinnen.
Der Zwerg war verschwunden. Angélique ging weiter. Ihre Füße versanken im Schlamm. Ihre Kleider waren feucht, aber sie empfand die Kälte nicht.
Ein leiser Pfiff lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Mündung einer Kloake, der der Zwerg Barcarole entstieg.
»Verzeiht, daß ich Euch im Stich ließ, Marquise, aber ich habe meinen Freund Janin Cul-de-Bois geholt.«
Hinter ihm zwängte sich ein zweiter Knirps aus der Kloake. Es war kein Zwerg, sondern ein beinloser Krüppel, dessen Oberkörper auf einem hölzernen Sockel befestigt war. In seinen knotigen Händen hielt er Holzgriffe, auf die er sich stützte, während er sich von Pflasterstein zu Pflasterstein schwang. Sein Gesicht strotzte von Finnen. Das spärliche Haar war sorgfältig über den glänzenden Schädel verteilt. Sein einziges Kleidungsstück bestand aus einer Art blauen Tuchrocks mit goldbestickten Aufschlägen, der einmal einem Offizier gehört haben mußte.
Er stülpte einen federgezierten Hut auf, nahm seine hölzernen Handgriffe und machte sich mit ihnen auf den Weg.
»Was will sie?« fragte er mit einem prüfenden Blick auf Angélique.
»Daß man ihr hilft, einen Kerl umzulegen.«
»Warum nicht? Zu wem gehört sie?«
»Weiß ich nicht.«
Je länger sie gingen, desto mehr Gestalten schlossen sich ihnen an. Zuerst waren Pfiffe zu hören, die aus dunklen Winkeln, von Uferböschungen oder aus Höfen kamen. Dann tauchten Vagabunden mit langen Bärten, bloßen Füßen und zerschlissenen Umhängen auf, alte Weiber, die wie wandelnde Lumpenbündel aussahen, Blinde und Lahme, die ihre Krücken über die Schulter legten, um rascher vorwärtszukommen, Bucklige, die nicht die Zeit gehabt hatten, ihre künstlichen Buckel abzunehmen. Echte Arme und echte Gebrechliche mischten sich unter die falschen Bettler.
Angélique hatte Mühe, ihre mit bizarren Ausdrücken gespickte Sprache zu verstehen. An einer Straßenkreuzung wurden sie von einer Gruppe von Raufbolden mit verwegenen Schnurrbärten angesprochen. Sie hielt sie für Bürgersoldaten oder gar Büttel, bemerkte aber bald, daß sie verkleidete Gauner vor sich hatte.
Es war in diesem Augenblick, daß sie vor den Wolfsaugen um sie her erschrak.
Sie blickte über die Schulter und sah sich von scheußlichen Gestalten umringt.
»Hast du Angst, meine Schöne?« fragte einer der Strolche und legte frech den Arm um ihre Taille.
Sie schlug den Arm herunter und erwiderte: »Nein.« Und als er zudringlicher wurde, gab sie ihm eine Ohrfeige.
Ein kleiner Tumult brach aus, und Angélique fragte sich, was wohl mit ihr geschehen würde. Aber sie spürte keine Angst. Haß und Empörung, die sie schon allzu lange mit sich herumgetragen hatte, verdichteten sich zu einem wilden Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu beißen und Augen auszukratzen.
Der wunderliche Cul-de-Bois war es, der durch seine Autorität und sein wütendes Gebrüll die Ordnung wiederherstellte. Er besaß eine hohle Grabesstimme, die seine Umgebung erzittern ließ.