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Jetzt erst sah sie, daß das Gesicht des Strolchs, der sie herausgefordert hatte, blutig war und daß er die Hand über die Augen hielt. Die andern lachten.

»Hoho! Sie hat dich ganz schön zugerichtet, die Kleine!«

Auch Angélique hörte sich lachen, und zwar auf eine ihr fremde, aufreizende Weise. So leicht war das also, in die Unterwelt hinabzusteigen? Angst? Was war das: Angst? Ein Gefühl, das es nicht gab. Es paßte höchstens zu den biederen Bürgern von Paris, die erzitterten, wenn sie unter ihren Fenstern die Brüder und Schwestern der höllischen Zunft auf dem Wege zum Friedhof der Unschuldigen Kindlein und zur Huldigung vor ihrem Fürsten, dem Großen Coesre, vorbeigehen hörten.

»Wem gehört sie?« fragte jemand.

»Uns!« brüllte Cul-de-Bois. »Und daß ihr’s euch gesagt sein laßt!«

Man ließ ihn vorausgehen. Keiner der Bettler, und wäre er auch noch so flink auf den Beinen gewesen, wagte es, den Mann auf dem Sockel zu überholen. Als es bergauf ging, stürzten zwei der falschen Soldaten herzu, um ihn hochzuheben und eine Weile zu tragen.

Noch nie war Angélique bei den Unschuldigen Kindlein gewesen, obwohl der schauerliche Ort einer der beliebtesten Treffpunkte von Paris war. Man begegnete in seinem Umkreis sogar vornehmen Damen, die mit ihren Kavalieren kamen, um in den unterhalb der Beinhäuser eingerichteten Läden einzukaufen.

Nachts diente er, da auf ihm traditionsgemäß niemand verhaftet werden durfte, den Spitzbuben und Straßenräubern als Unterschlupf, und die Nachtschwärmer wählten unter den dort versammelten Dirnen die Gefährtinnen ihrer Schäferstündchen.

Mit großen Augen wanderte Angélique über diese seit Jahrhunderten mit Leichen vollgepfropfte Stätte. Hier und dort gähnten offene Massengräber, die nur auf eine letzte Fuhre warteten, um zugeschüttet zu werden. Ein paar Stelen, ein paar Platten kennzeichneten die Grabstellen wohlhabenderer Familien, aber dies hier war der Friedhof der armen Leute. Die Aristokratie ließ sich in Saint-Paul beisetzen.

Der Mond beleuchtete jetzt die dünne Schneehaut, die die Dächer der Kirche und der umliegenden Gebäude überzog. Das Kreuz, ein hohes metallenes Kruzifix, das sich nahe der Kanzel in der Mitte des Terrains erhob, glänzte matt. Die Kälte milderte den Gestank. Niemand schien ihn zu bemerken, und selbst Angélique sog die mit Miasmen gesättigte Luft gleichgültig ein.

Was ihren Blick anzog und sie in einem Maße faszinierte, daß sie glaubte, in einem Alptraum zu leben, waren die vier Galerien, die, von der Kirche ausgehend, die Einfassung des Friedhofs bildeten. Die aus dem frühen Mittelalter herrührenden Gebäude bestanden in ihrem unteren Teil aus spitzbogigen Kreuzgängen, in denen tagsüber die Kaufleute ihre Buden aufbauten. Über den Kreuzgängen aber befanden sich mit Schindeln gedeckte Bodenkammern, die auf der Friedhofsseite auf Holzpfeilern ruhten und offene Zwischenräume zwischen den Dächern und den Wölbungen der Bogen bildeten. Sie alle waren mit Gebeinen angefüllt. Scheuern des Todes, bis zum Rande voll einer furchtbaren Ernte, boten sie den Blicken und der Meditation der Lebenden eine seltsame Anhäufung von Knochen und Schädeln, so zahlreich, daß sich ihr Überfluß schon nach außen ergoß. Die Winde trockneten sie, und die Zeit wandelte sie zu Asche, aber unaufhörlich wurden sie durch neuen Nachschub aus der Erde des Friedhofs ergänzt.

»Was - was ist da?« stammelte Angélique entsetzt.

Auf dem Gesims eines Grabes hockend, hatte sie der Zwerg Barcarole neugierig beobachtet.

»Die Beinhäuser«, antwortete er, »die Beinhäuser der Unschuldigen.«

Nach einem Moment des Schweigens fügte er hinzu:

»Wo kommst du her, mein Mädchen? Hast du noch nichts dergleichen gesehen?«

Sie setzte sich neben ihn. Seitdem sie fast unbewußt mit ihren Fingernägeln das Gesicht jenes Kerls bearbeitet hatte, war sie in Ruhe gelassen worden, und niemand hatte mehr mit ihr gesprochen. Wenn neugierige oder verlangende Blicke sich auf sie richteten, hatte sich sogleich eine warnende Stimme erhoben:

»Cul-de-Bois sagt: Sie gehört zu uns. Vorsicht, Jungs!«

Um sie herum füllte sich der weiträumige Friedhof allmählich mit verdächtigen Gestalten: Sie merkte es nicht, sie war vom Anblick der Beinhäuser völlig gefesselt. Sie wußte nicht, daß der grausige Brauch, Skelette aufzustapeln, eine Eigentümlichkeit von Paris war, daß alle großen Kirchen der Hauptstadt mit den Unschuldigen Kindlein im Wettbewerb standen. Angélique schien es schrecklich, während der Zwerg Barcarole es herrlich fand. Er murmelte:

». Und schließlich holt der Tod uns leise.

Im Dunkeln liegt das Ziel der Reise,

wenn Abschied wir genommen von der Welt.«

Langsam wandte Angélique sich ihm zu.

»Bist du ein Dichter?«

»Nicht ich spreche so, sondern der kleine Schmutzpoet.«

Die Glut zuckte in ihr von neuem auf und belebte sie.

»Kennst du ihn?«

»Und ob ich ihn kenne! Er ist der Dichter vom Pont-Neuf.«

»Auch den will ich töten.«

Der Zwerg neben ihr hüpfte empor wie eine Kröte.

»Hoho! Jetzt hört der Spaß aber auf. Er ist mein Kamerad.«

Er schaute in die Runde und rief die andern zu Zeugen an, indem er sich mit dem Finger an die Schläfe klopfte.

»Sie spinnt, die Kleine! Sie will alle Welt um die Ecke bringen.«

Plötzlich entstand Lärm, und die Menge teilte sich vor einem wunderlichen Aufzug.

An der Spitze schritt eine sehr lange und magere Gestalt, deren bloße Füße durch den schlammigen Schnee trippelten. Fülliges weißes Haar hing über ihre Schultern, doch auf dem Scheitel war der Schädel kahl. Man hätte das Wesen für eine alte Frau halten können, trotz seiner Hosen und seines zerschlissenen Rocks. Mit seinen vorspringenden Backenknochen, seinen trüben, graugrünen Augen wirkte dieser Mensch so geschlechtslos wie ein Skelett und paßte zu der grausigen Szenerie. Er trug eine lange Pike, an der ein toter Hund aufgespießt war. Neben ihm schwang ein rundliches Jüngelchen einen Besen.

Den beiden grotesken Bannerträgern folgte ein Leiermann, der hingegeben die Kurbel seines Instrumentes drehte. Die Originalität des Musikers lag in seinen riesigen Strohhut, in dem er fast bis zu den Schultern verschwand. Aber er hatte in den vorderen Teil des Randes ein Loch gebohrt, und man sah seine spöttischen Augen funkeln. Ein Kind begleitete ihn, das aus Leibeskräften auf ein kupfernes Becken trommelte.

»Soll ich dir die Namen dieser hochwohllöblichen Edelmänner nennen?« erkundigte sich der Zwerg bei Angélique.

Er setzte augenzwinkernd hinzu: »Du kennst das Zeichen, aber ich merke sehr wohl, daß du nicht zu uns gehörst. Die beiden da vorn sind der Große Eunuch und der Kleine Eunuch. Seit Jahren liegt der Große Eunuch im Sterben, aber er stirbt nie. Der Kleine Eunuch ist der Wächter der Frauen des Großen Coesre. Er trägt die Insignien des Bettlerkönigs.«

»Einen Besen?«

»Pst! Spotte nicht. Der Besen bedeutet das häusliche Leben. Hinter ihnen Thibault der Leiermann und sein Page Linot. Und hier nun die Weiber des Bettlerkönigs.«

Unter schmutzigen Hauben zeigten die Frauen, auf die er wies, ihre gedunsenen Gesichter mit den blauumränderten Prostituiertenaugen. Manche waren noch schön, und alle blickten herausfordernd umher, aber nur die erste, ein junges Mädchen, fast ein Kind noch, sah einigermaßen unverdorben aus. Trotz der Kälte war ihr Oberkörper nackt, und sie trug ihre jungen, kaum entwickelten Brüste stolz zur Schau.

Sodann folgten Fackelträger, degenbewehrte Musketiere und ein schwerer, auf seiner Achse knarrender Karren, der von einem Riesen mit irrendem Blick und vorgeschobener Unterlippe gezogen wurde.

»Bavottant, der Idiot des Großen Coesre«, bemerkte der Zwerg.

Hinter dem Schwachsinnigen beschloß eine weißbärtige Gestalt den Zug, die in einem langen, kaftanartigen schwarzen Gewande steckte, dessen Taschen mit Pergamentrollen vollgestopft waren. An seinem Gürtel hingen drei Ruten, ein Tintenhorn und Gänsefedern.