»Das ist Jean der Graubart, der Obergehilfe des Großen Coesre, der die Gesetze unseres Königreichs macht.«
»Und der Große Coesre selbst, wo ist er?«
»Im Karren.«
»Im Karren?« wiederholte Angélique verblüfft.
Sie reckte sich ein wenig, um besser zu sehen.
Der Karren hatte vor der Kanzel gehalten. Sie war, inmitten des Friedhofs, um einige Stufen erhöht und durch ein pyramidenförmiges Dach geschützt. Eben beugte sich der Idiot über den Karren, hob etwas heraus, ließ sich auf der obersten Stufe nieder und setzte das Ding auf seine Knie.
»Mein Gott!« stöhnte Angélique.
Sie erblickte den Großen Coesre. Es war ein Wesen mit einem monströsen Oberkörper, an dem die schwächlichen, weißen Beinchen eines zweijährigen Kindes hingen. Struppiges schwarzes Haar bedeckte den mächtigen Schädel, die tiefliegenden Augen unter den dichten Brauen schimmerten hart. Er trug einen dicken, schwarzen Schnurrbart mit aufgezwirbelten Spitzen.
»Hehe!« meckerte Barcarole, der sich an Angéliques Staunen weidete. »Du wirst merken, mein Herzchen, daß bei uns die Kleinen über die Großen herrschen. Weißt du auch, wer vermutlich Großer Coesre wird, wenn’s mit Rolin dem Kurzen zu Ende geht?«
Er flüsterte ihr ins Ohr: »Cul-de-Bois.«
Bedeutungsvoll nickend fuhr er fort:
»Das ist ein Naturgesetz. Man braucht Verstand, um über die Zunft zu regieren. Und daran fehlt’s, wenn man zuviel Beine hat. Was meinst du, Leichtfuß?«
Der so Angeredete lächelte. Er hatte sich eben gleichfalls auf den Rand des Grabes gesetzt und hielt eine Hand gegen die Brust gepreßt, als ob er dort Schmerzen habe. Es war ein noch ganz junger Mann von sanftem und schlichtem Wesen. Mit kurzatmiger Stimme erwiderte er:
»Du hast recht, Barcarole. Es ist besser, einen Kopf zu haben als Beine, denn wenn die Beine einen im Stich lassen, ist es aus.«
Verwundert betrachtete Angélique die Beine des jungen Mannes, die lang und muskulös waren.
Er lächelte melancholisch.
»Oh, sie sind noch immer da, aber ich kann nicht viel mit ihnen anfangen. Ich war Läufer bei Monsieur de La Sablière, und eines Tages, an dem ich an die zwanzig Meilen zurückgelegt hatte, setzte mein Herz aus. Seitdem kann ich kaum mehr gehen.«
»Du kannst nicht mehr gehen, weil du zuviel gelaufen bist«, rief der Zwerg und schlug einen Purzelbaum. »Huhu, ist das komisch!«
»Halt’s Maul, Barco«, grollte eine Stimme, »du kotzt uns an.«
Eine kräftige Faust packte den Zwerg an seinem Kittel und schleuderte ihn auf einen Knochenhaufen.
Der Mann, der sich eingemischt hatte, wandte sich Angélique zu. Nach so viel Mißbildung und Grausen ringsum wirkte sein einnehmendes Äußere beruhigend auf sie. Sie konnte sein Gesicht nur undeutlich erkennen, da es durch einen großen, mit einer mageren Feder geschmückten Hut halb verdeckt wurde. Indessen ahnte sie regelmäßige Züge, große, dunkle Augen, einen wohlgeformten Mund. Er war jung und in der Vollkraft seiner Jahre. Seine sehr braune Hand ruhte auf der Scheide eines an seinem Gürtel befestigten kurzen Dolchs.
»Wem gehörst du, hübscher Vogel?« fragte er mit schmeichelnder Stimme, in der ein leichter fremdländischer Akzent mitklang.
Sie gab keine Antwort und starrte verächtlich in die Ferne.
Dort drüben, auf den Stufen der Kanzel, hatte man soeben vor dem Großen Coesre und dem hünenhaften Schwachsinnigen das kupferne Becken aufgestellt, das vorhin als Trommel benützt worden war. Und einer nach dem andern traten die Leute der Bettlerzunft herzu, um in dieses Becken den vom Fürsten geforderten Tribut zu werfen.
Jeder wurde nach seiner Spezialität veranlagt, und die Sols, die Silber- und Goldstücke fielen klirrend hinein. Der Mann mit der braunen Hautfarbe hatte Angélique nicht aus den Augen gelassen. Er beugte sich von neuem dicht zu ihr, streifte mit der Hand über ihre Schulter, und als sie eine abwehrende Geste machte, sagte er hastig:
»Ich bin Rodogone der Ägypter. Mir gehorchen siebentausend Kerle in Paris. Alle durchziehenden Zigeuner zahlen mir Abgaben, auch die braunen Weiber, die die Zukunft aus der Hand lesen. Willst du eins von meinen Weibern sein?«
Sie gab auch diesmal keine Antwort. Der Mond wanderte über den Glockenturm der Kirche und die Beinhäuser. Vor der Kanzel zogen nach den Deserteuren nun die falschen und echten Krüppel vorüber, die, die sich selbst verstümmeln, um das Mitleid der Vorübergehenden auf sich zu lenken, und die, die nach Feierabend Krücken und Verbände beiseite tun können. Deswegen hat man ihren Schlupfwinkel auch »Hof der Wunder« getauft.
Rodogone der Ägypter legte abermals seine Hand auf Angéliques Schulter. Diesmal machte sie sich nicht frei. Die Hand war warm und lebendig, und sie fror so sehr. Der Mann war stark, und sie war schwach. Sie wandte ihm ihren Blick zu und suchte im Schatten des Huts die Züge dieses Gesichts, das ihr keinen Abscheu einflößte. Sie sah das Weiße der Augen des Zigeuners leuchten. Er stieß einen Fluch zwischen den Zähnen hervor und lehnte sich an sie.
»Willst du >Marquise< sein? Ich glaube, ich könnte so weit gehen.«
»Würdest du mir dann helfen, jemand umzubringen?« fragte sie.
Der Bandit bog in häßlichem, stummem Gelächter den Kopf nach hinten.
»Zehn, zwanzig, wenn du willst. Brauchst ihn mir nur zu zeigen, und ich schwöre dir, bis zum Morgengrauen hat der Bursche seine Eingeweide aufs Pflaster gebreitet.«
Er spuckte in die Hand und streckte sie ihr hin.
»Topp! Abgemacht!«
Aber sie tat die ihren auf den Rücken und schüttelte den Kopf.
»Noch nicht.«
Rodogone fluchte abermals, dann entfernte er sich, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen.
»Du bist schwierig. Aber ich will dich haben. Und ich werde dich haben.« Angélique fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Wer hatte ihr schon einmal diese bösen und lüsternen Worte gesagt ...? Sie konnte sich nicht mehr erinnern.
Nachdem die Bettler vorbeigezogen waren, erschienen die Banditen der Hauptstadt auf der Szene. Nicht nur die Beutelschneider und Mantelmarder, auch die Mörder auf Bestellung, die Diebe und Einbrecher, unter die sich verlotterte Studenten, Diener, ehemalige Sträflinge und ein ganzes Heer von Ausländern mischten, die von den Wechselfällen der Kriege hierher verschlagen worden waren: Spanier, Iren, Deutsche, Schweizer, auch Zigeuner.
Plötzlich trieben die Erzgehilfen des Großen Coesre die Menge mit Rutenschlägen auseinander und bahnten sich einen Weg zu dem Grab, an dem Angélique lehnte. Erst als die unrasierten Männer vor ihr standen, begriff sie, daß sie es war, die sie suchten. Der Greis, den sie Jean der Graubart nannten, führte sie an.
»Der König der Bettler will wissen, wer diese da ist«, sagte er, indem er auf sie wies.
Rodogone legte schützend den Arm um die junge Frau.
»Bleib ruhig«, flüsterte er. »Wir werden’s schon machen.«
Er zog sie zur Kanzel, wobei er sie fest an sich drückte und zugleich herausfordernde und argwöhnische Blicke auf die Menge warf, als fürchte er, es könne ein Feind auftauchen und ihm seine Beute entreißen.
Seine Schuhe waren aus feinem Leder gefertigt, und der Stoff seines Rocks war von vorzüglicher Qualität. Angélique stellte es fest, ohne daß es ihr recht bewußt wurde. Der Mann flößte ihr keine Furcht ein. Er war an die Macht und den Kampf gewöhnt. Sie ergab sich seinem Anspruch als besiegte Frau, die sich um jeden Preis einen Gebieter und Beschützer erwählen muß.
Vor dem Großen Coesre angelangt, warf der Ägypter mit großer Geste seine Geldbörse in das Becken und sagte:
»Ich, Herzog von Ägypten, nehme diese da zur Marquise.«
»Nein«, sagte hinter ihnen eine ruhige und brutale Stimme.
Rodogone fuhr herum.
»Calembredaine!«