Wenige Schritte entfernt stand der Mann mit der violetten Geschwulst, der sich schon zweimal höhnisch lächelnd Angélique in den Weg gestellt hatte. Er war so groß wie Rodogone, aber kräftiger gebaut. Seine zerlumpte Kleidung ließ muskulöse Arme und eine behaarte Brust erkennen. Er stand breitbeinig da, die Daumen hinter den Ledergürtel geklemmt, und starrte den Zigeuner herausfordernd an. Sein athletischer Körper wirkte jünger als sein abstoßendes Gesicht, über dessen niedrige Stirn struppiges graues Haar hing. Zwischen den schmutzigen Strähnen funkelte das einzige Auge. Das andere war durch eine schwarze Binde verdeckt.
Das Mondlicht fiel voll auf ihn und weckte ein Schimmern auf den schneebedeckten Dächern ringsum.
»O welch ein grausiger Ort!« dachte Angélique. »Welch ein grausiger Ort!«
Sie suchte bei Rodogone Schutz. Der Herzog von Ägypten war damit beschäftigt, seinen gelassenen Gegner mit einer Flut von Schimpfworten zu überschütten.
»Hund, Sohn einer Hündin, Lumpenkerl, das wird dir übel ausgehen ... Einer von uns ist zuviel ...!«
»Halt’s Maul!« erwiderte Calembredaine und warf eine Börse in das Kupferbecken, die noch schwerer war als die Rodogones. Ein jähes Lachen schüttelte den auf den Knien des Schwachsinnigen hockenden Knirps.
»Ich habe verteufelte Lust, diese Schöne zu versteigern«, rief er mit heiser krächzender Stimme. »Man ziehe sie aus, damit die Burschen die Ware prüfen können. Für den Augenblick gehört sie Calembredaine.«
Die Gauner johlten vor Freude. Gierige Hände griffen nach Angélique, doch der Ägypter schob sie hinter sich und zog seinen Dolch. In diesem Augenblick bückte sich Calembredaine und schleuderte blitzschnell ein rundes, weißes Wurfgeschoß gegen ihn, das Rodogone am Handgelenk traf. Als es über den Boden rollte, sah Angélique mit Entsetzen, daß es ein Totenschädel war.
Das Messer war Rodogone aus der Hand gefallen. Schon hatte sich Calembredaine auf ihn gestürzt. Die beiden Banditen umschlangen einander, daß die Knochen krachten, dann rollten sie in den Morast.
Das war das Signal zu einem wilden Getümmel. Die Vertreter der fünf oder sechs rivalisierenden Banden von Paris fielen übereinander her. Angélique hatte sich mit einem Satz mitten ins Handgemenge gestürzt, in der Absicht, sich davonzumachen, aber kräftige Fäuste packten sie und führten sie wieder vor die Kanzel, wo die Erzgehilfen des Großen Coesre sie festhielten. Von seiner Leibgarde umgeben, verfolgte dieser gelassen den Kampf, während der Mond langsam am Horizont unterging.
Rodogone und Calembredaine kämpften wie rasende Doggen. Sie waren einander ebenbürtig. Doch plötzlich erscholl ein verblüffter Schrei: Rodogone war wie durch Zauberei spurlos verschwunden. Schon wurde die Menge von Panik und Entsetzen ob dieses Wunders erfaßt, als man ihn dumpf rufen hörte. Ein Faustschlag Calembredaines hatte ihn auf den Grund eines der großen Massengräber befördert. Nachdem er zwischen den Toten wieder zur Besinnung gekommen war, flehte er, daß man ihn doch herausziehen möge.
Homerisches Gelächter schüttelte die Nächststehenden und teilte sich den übrigen mit. Und die Handwerker und Arbeiter der benachbarten Straßen lauschten entsetzt dem schallenden Gelächter, das den Hilferufen auf dem Fuße folgte. Die Frauen an den Fenstern bekreuzigten sich.
Als gleich darauf eine Glocke silberhell das Angelus zu läuten begann, erhob sich eine Salve von Schmähungen und Obszönitäten vom Friedhof in die sich lichtende Dunkelheit. Man mußte sich aus dem Staub machen. Die Nacht war vorbei, und wie lichtscheue Eulen oder Dämonen wichen die Leute der Gaunerzunft aus dem Bezirk der Unschuldigen Kindlein.
In der schmutzigen und stinkenden, kaum rötlich angehauchten Morgendämmerung stand Calembredaine vor Angélique und betrachtete sie lachend.
»Sie gehört dir«, erklärte der Große Coesre.
Angélique riß sich los und lief zum Tor. Aber wieder hielten sie gewalttätige Hände fest und lähmten sie. Ein Knebel aus Lumpen benahm ihr den Atem. Sie wehrte sich, dann verlor sie das Bewußtsein.
»Fürchte dich nicht«, sagte Calembredaine.
Er saß auf einem Schemel vor ihr, stützte die riesigen Hände auf seine Knie. Auf der Erde kämpfte eine Kerze in schönem silbernem Leuchter gegen das fahle Tageslicht an.
Angélique sah um sich und fand sich auf einer Lagerstätte ausgestreckt, auf der sich eine stattliche Zahl von Mänteln jeglicher Stoffart und Farbe türmte. Da gab es gar prächtige aus goldbesticktem Samt, wie junge Edelleute sie tragen, wenn sie unter den Fenstern ihrer Geliebten Gitarre spielen, andere aus grobem Barchent, bequeme Reise- oder Kaufmannsmäntel.
»Fürchte dich nicht . Angélique«, wiederholte der Bandit.
Verblüfft hob sie den Blick zu ihm, denn er hatte im Poitou-Dialekt gesprochen, den sie verstand.
Er fuhr sich mit der Hand ins Gesicht und riß den Auswuchs ab, den er auf der Wange hatte. Sie stieß einen Schrei aus. Doch schon warf er auch seinen schmutzigen Hut auf den Boden und mit ihm eine Perücke aus struppigem Haar. Dann nahm er die schwarze Binde ab, die er über dem Auge trug.
Nun hatte Angélique einen jungen Mann mit derben Zügen vor sich, dessen kurzgehaltenes schwarzes Haar sich über der eckigen Stirn kräuselte. Tiefliegende braune Augen starrten sie an. Ihr Ausdruck verriet Erwartung und Ängstlichkeit.
Angélique fuhr sich mit der Hand an die Kehle; sie glaubte zu ersticken. Sie brachte keinen Ton heraus. Endlich stammelte sie wie eine Taubstumme, die ihre Lippen bewegt und den Klang ihrer Stimme nicht kennt:
»Ni . co . las.«
Der Mann lächelte.
»Ja, ich bin’s. Du hast mich wiedererkannt?«
Sie warf einen Blick auf den schmutzigen Plunder, der neben dem Schemel auf der Erde lag: die Perücke, die schwarze Binde ...
»Und du bist auch der, den man Calembredaine nennt?«
Er richtete sich auf und schlug dröhnend mit der Faust auf seine Brust.
»Ich bin’s. Calembredaine, der berühmte Strolch vom Pont-Neuf. Ich bin vorangekommen, seitdem wir uns zum letztenmal sahen, wie?«
Sie starrte ihn an. Sie lag noch immer auf dem Bett aus alten Mänteln und war unfähig, sich zu bewegen. Durch eine vergitterte Schießscharte schwamm dichter Nebel wie Rauch in den Raum. Vielleicht war es deshalb, daß ihr diese zerlumpte Gestalt, dieser Herkules im Bettlergewand, der sich an die Brust schlug und sagte: »Ich bin Nicolas ... Ich bin Calembredaine!« wie ein Trugbild erschien.
Er begann auf und ab zu gehen, ohne sie aus den Augen zu lassen.
»In den Wäldern läßt sich’s leben, solange es warm ist«, sagte er. »Im Wald von Mercœur kam ich mit einer Bande zusammen: ehemaligen Söldnern, früheren Bauern aus dem Norden, entwichenen Sträflingen. Sie waren gut organisiert. Ich hab’ mich mit ihnen zusammengetan. Wir fielen auf der Landstraße, die von Paris nach Nantes führt, über die Reisenden her und forderten Lösegeld von ihnen. Aber in den Wäldern läßt sich’s nur leben, solange es warm ist. Wenn der Winter kommt, muß man in die Städte zurück. Üble Sache. Wir waren in Tours, in Chateaudun. So sind wir vor Paris angekommen. Oh, die verfluchten Scherereien mit all den Bettlerjägern und Bütteln, die uns auf den Fersen waren! Denen, die sich an den Toren schnappen ließen, wurden die Augenbrauen und der halbe Bart abrasiert, und dann hieß es: »Hau ab, Geselle, zurück aufs Land, zurück zu deinem niedergebrannten Hof, zu deinen geplünderten Äckern und deinem Schlachtfeld! Oder aber du wirst ins Arbeitshaus oder gar ins Chätelet-Gefängnis gesteckt, wenn du nämlich in deiner Tasche ein Stück Brot hast, das die Bäckersfrau dir gab, weil sie schlecht anders konnte. Ich aber hab’ mir die günstigen Winkel gemerkt, um mich dünnzumachen, wenn’s not tut: die Keller, die von einem Haus zum andern gehn, Abflußlöcher, die in die Kloaken führen, und - da es Winter war - die eingefrorenen Zillen längs der Seine. Von einer Zille zur andern, hoppla! Und eines Nachts sind wir alle wie die Ratten in Paris eingedrungen .«