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Angélique war unwillkürlich zusammengefahren. Cul-de-Bois lächelte und erklärte mit seiner heiseren Stimme:

»Du siehst, bei uns wird man schnell gesund. Du brauchst nicht zu den Prozessionen zu gehen, um Wunder zu sehen. Hier gibt’s alle Tage welche. Vielleicht erzählt in diesem Augenblick ‘ne Dame von den Guten Werken, wie sie das nennen: >Oh, meine Liebe, ich habe ein Kind auf dem Pont-Neuf gesehen, welch ein Jammer! Ganz mit Pusteln bedeckt ... Natürlich hab’ ich der armen Mutter ein Almosen gegeben .< und fühlt sich ordentlich Gott wohlgefällig bei ihrem Sabbeln. Dabei waren’s bloß ein paar Plätzchen aus trockenem Brot mit Honig drauf, um die Fliegen anzulocken. Aha, da kommt Mort-aux-Rats. Jetzt kannst du gehen .«

Angélique sah ihn verwundert an.

»Brauchst es nicht zu kapieren«, brummte er. »Es ist mit Calembredaine so ausgemacht.«

Der besagte Mort-aux-Rats, der eben hereinkam, war ein spindeldürrer Spanier, dessen spitze Knie und Ellbogen Hose und Wams durchgescheuert hatten. Trotz seines heruntergekommenen Aussehens tat er mit seinem langaufgezwirbelten schwarzen Schnurrbart, seinem Federhut und seinem über der Schulter getragenen Rapier, an dessen Klinge fünf oder sechs dicke Ratten aufgereiht waren, sehr großspurig. Am Tage verkaufte der Spanier auf den Straßen ein Mittel zur Vertilgung der lästigen Nager, nachts half er seinen mageren Einkünften auf, indem er Calembredaine seine Talente als Duellant zur Verfügung stellte.

Höchst würdevoll nahm er einen Becher Wein an und nagte an einer Rübe, die er aus der Tasche zog, während ein paar alte Weiber sich um seine Jagdbeute stritten; er verlangte zwei Sols für eine Ratte. Nachdem er das Geld eingesteckt hatte, ergriff er sein Rapier, machte auf Soldatenweise einen Ausfall, grüßte und schob es wieder in die Scheide.

»Ich bin bereit«, erklärte er mit Emphase.

»Geh«, befahl Cul-de-Bois Angélique. Sie wollte aufbegehren, besann sich aber eines Besseren.

Mehrere Männer hatten sich mit ihr erhoben, »Schnapphähne« oder »Frühere«, wie man sie nannte, ehemalige Soldaten, denen es nach Plünderung und Kampf gelüstete und die der kürzlich geschlossene Frieden zum Müßiggang verurteilte.

Sie sah sich umringt von ihren Galgenvogelgestalten, an deren zerschlissenen Uniformen noch die Borten und goldenen Aufschläge irgendeines fürstlichen Regiments hingen.

Angélique tastete nach dem Dolch des Ägypters unter ihrem Mieder. Im Notfall war sie entschlossen, ihr Leben mit ihm zu verteidigen. Doch der Dolch war verschwunden.

Alle Vernunft vergessend, schrie sie:

»Wer hat mir mein Messer genommen?«

»Da ist es«, meldete sich Jactance mit seiner trägen Stimme. Er reichte ihr die Waffe mit unschuldsvoller Miene. Sie war verblüfft. Wie war es ihm gelungen, den Dolch aus ihrem Mieder zu stehlen, ohne daß sie es gemerkt hatte?

Indessen erscholl von neuem das dröhnende Gelächter, dieses grausige, hohnvolle Gelächter der Bettler und Banditen, das Angélique von nun an ihr ganzes Leben lang verfolgen sollte.

»Eine gute Lehre, mein Herzchen«, rief Cul-de-Bois. »Du wirst die Hände von Jactance noch kennenlernen. Jeder seiner Finger ist geschickter als ein Zauberer. Frag nur die Hausfrauen auf dem Marktplatz, was sie von ihm halten.«

»Er ist schön, dieser Hirschfänger«, sagte einer der Männer, der ihn neugierig in die Hand nahm. Doch nachdem er ihn genauer betrachtet hatte, warf er ihn entsetzt auf den Tisch zurück.

»Teufel! Das ist das Messer Rodogones des Ägypters.«

In einer aus Respekt und Besorgnis gemischten Stimmung betrachteten sie den Dolch, der im Kerzenlicht funkelte.

Angélique schob ihn wieder hinter ihren Gürtel. Es schien ihr, als ob erst diese Geste sie in den Augen der Gauner zu einer der Ihren machte. Niemand wußte, unter welchen Umständen sie sich dieser Trophäe eines der gefürchtetsten Feinde der Bande bemächtigt hatte. Es haftete ihr etwas Mysteriöses an, das Angélique mit einem ein wenig beunruhigenden Glorienschein umgab.

Cul-de-Bois pfiff vor sich hin.

»Hoho! Sie hat es dicker hinter den Ohren, als ich dachte, die Marquise der Engel.«

Wohlgefällige, ja geradezu bewundernde Blicke folgten ihr, als sie hinausging.

Draußen hoben sich die zerbröckelnden Umrisse der Tour de Nesles vor dem nächtlichen Dunkel ab. Angélique begriff, daß sich der Raum, in den Nicolas Calembredaine sie geführt hatte, im obersten Geschoß dieses Turms befindet und den Dieben als Lager für ihre Beute dienen mußte. Einer der »Früheren« erklärte ihr bereitwillig, daß es Calembredaines Idee gewesen sei, Mitglieder seiner Bande in den alten Befestigungswerken der Stadt unterzubringen. Tatsächlich boten sie ideale Schlupfwinkel für Strolche: halbzerfallene Säle, eingestürzte Wälle, wacklige Türmchen lieferten so ideale Verstecke, wie sie die übrigen Banden der Vorstädte nicht besaßen.

Die Wäscherinnen, die lange Zeit ihre Wäsche über die Zinnen der Tour de Nesle zum Bleichen gehängt hatten, waren vor der grausigen Invasion geflohen. Niemand hatte den Mut gehabt, die üblen Burschen zu vertreiben. Man hatte sich seufzend damit abgefunden, daß dieser Torturm mitten in Paris zu einer wahren Diebesherberge geworden war. Selbst die Schiffer des nahe gelegenen kleinen Holzhafens dämpften die Stimmen, wenn sie die unheimlichen Gestalten die Uferböschung herabsteigen sahen. Sie fanden, daß dies hier allmählich zu einer unmöglichen Gegend wurde. Wann würden sich die Schöffen der Stadt endlich dazu entschließen, dieses alte Gemäuer abzutragen und das ganze Gesindel zu verjagen?

»Messires, ich grüße Euch«, sagte Mort-aux-Rats, indem er auf sie zutrat. »Habt Ihr wohl die Güte, uns zum Quai de Gesvres zu bringen?«

»Habt Ihr Geld?«

»Wir haben das«, erklärte der Spanier und setzte dem Sprecher die Spitze seines Degens auf den Bauch .

Der Mann zuckte resigniert die Schultern. Tagtäglich hatte man mit diesen Strolchen zu tun, die sich in den Kähnen verbargen, die Waren stahlen und sich wie Edelleute ans andere Ufer übersetzen ließen. Waren die Schiffer einigermaßen zahlreich, endeten solche Unterhaltungen gewöhnlich mit einer blutigen Schlägerei, denn sie waren nicht eben sanftmütige Leute.

An diesem Abend indessen merkten die drei Männer, die eben ihr Feuer angezündet hatten, um bei den Zillen zu wachen, daß es keinen Sinn hatte, lange zu diskutieren. Auf ein Zeichen seines Meisters erhob sich ein Junge und machte den Kahn los, in dem Angélique und ihre Begleiter Platz genommen hatten.

Der Kahn glitt langsam unter den Bogen des Pont-Neuf hindurch und legte vor dem Pont Notre-Dame am Unterbau des Quai de Gesvres an.

»Gut so, Kleiner«, sagte Mort-aux-Rats zu dem jungen Flußschiff er. »Wir danken dir nicht nur, wir lassen dich sogar mit heiler Haut zurückkehren. Brauchst uns nur noch deine Laterne zu leihen. Kriegst sie zurück, wenn wir mal dran denken sollten .«

Das riesige Gewölbe, das den eben erst gebauten Quai de Gesvres trug, war eine gigantische Leistung, ein Meisterwerk der Steinbaukunst. Als Angélique es betrat, hörte sie das Brausen des eingeengten Flusses, der wie ein Gebirgsbach dahinschoß und dessen widerhallendes Donnern an die mächtige Stimme des Meers erinnerte. Das Geräusch der mit fern dröhnendem Echo über das Gewölbe hinwegrollenden Kutschen verstärkte noch diesen Eindruck. Die Luft war eisig und feucht. Diese grandiose Höhle im Herzen von Paris schien dazu geschaffen worden zu sein, um allen Verbrechern der großen Stadt als

Zuflucht zu dienen.

Die Banditen folgten ihr bis zum Ende. Drei oder vier Quergänge, die angebracht worden waren, um den Schlächtereien der Rue de la Vieille Lanterne als Abflußrinne zu dienen, spien Blutströme aus. Man mußte sie mit einem Sprung überqueren. Als sie wieder an der Oberfläche von Paris auftauchten, war es stockfinster, und Angélique hätte nichts zu sagen gewußt, wo sie sich befand. Es schien ein kleiner Platz mit einem Brunnen in der Mitte zu sein, denn man hörte Wasser plätschern.