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Plötzlich hörte sie in nächster Nähe Nicolas’ Stimme:

»Seid ihr das? Ist das Mädchen dabei?«

Einer der Männer hielt die Laterne über Angélique.

»Da ist sie.«

Vor sich erkannte sie die hohe Gestalt und das abstoßende Gesicht des Banditen Calembredaine und schloß angewidert die Augen.

Mit rohem Griff packte Nicolas ihren Arm.

»Brauchst dich nicht zu ängstigen, mein Herzchen, du weißt doch, daß ich’s bin«, sagte er mit spöttischem Lachen.

Dann drängte er sie in den Schatten eines Torbogens.

»Du, Jean-la-Pivoine, stellst dich auf die andere Straßenseite hinter den Prellstein. Du, Martin bleibst bei mir. Gobert dort hinüber. Ihr andern steht Schmiere an den Straßenecken. Bist du auf deinen Posten, Barcarole?«

Eine Stimme, die wie vom Himmel zu kommen schien, antwortete:

»Hier, Chef.«

Der Zwerg hockte auf einem Ladenschild.

Aus dem Torbogen heraus, unter dem sie neben Nicolas stand, konnte Angélique eine enge Gasse übersehen. Laternen, die vor den besseren Häusern hingen, beleuchteten sie kümmerlich. Die Krambuden der Handwerker waren dicht verschlossen. Die Leute schienen sich zu Bett zu begeben, denn hier und da huschte hinter den Fensterscheiben Kerzenschein vorüber.

»Du sollst deine Morgengabe bekommen, Angélique«, brummte Nicolas. »Das ist bei den Gaunern so üblich. Der Mann zahlt für seine Frau. Wie man einen schönen Gegenstand kauft, nach dem einem der Sinn steht.«

»Das ist ja wohl auch das einzige, was man bei uns kauft«, spottete einer der Strolche und wurde durch einen Fluch seines Chefs zum Schweigen gebracht. Dann ertönte auf der anderen Straßenseite ein Pfiff.

»Schau, wer dort kommt, Angélique«, flüsterte Nicolas und preßte den Arm der jungen Frau.

Völlig erstarrt und in solchem Maße empfindungslos, daß sie nicht einmal den Druck dieser Hand spürte, erwartete Angélique das Kommende. Sie wußte, was geschehen würde. Es war unvermeidlich. Es mußte sich vollziehen. Erst danach würde sie wieder aufleben können. Denn außer dem Haß war alles tot in ihr.

Im gelblichen Schein der Laternen sah sie zwei Mönche Arm in Arm sich nähern. In dem einen erkannte sie sofort Conan Becher. Der andere, ein dicklicher und geschwätziger Bursche, erging sich, wild gestikulierend, in langen lateinischen Reden. Er schien angetrunken zu sein, denn von Zeit zu Zeit drängte er seinen Begleiter torkelnd an eine Hausmauer und schwankte unter einem Schwall von Entschuldigungen gleich darauf in die Gasse zurück.

Angélique hörte den scharfen Stimmklang des Alchimisten. Auch er sprach lateinisch, aber im Ton erbitterten Widerspruchs. Als er auf der Höhe des Torbogens ankam, rief er empört auf französisch aus: »Nun hab’ ich aber wirklich genug, Bruder Am-boise. Eure Theorien über die Taufe mit Fleischbrühe sind einfach ketzerisch! Ein Sakrament kann nichts taugen, wenn das Wasser, mit dem man es erteilt, durch unreine Elemente wie tierische Fette entweiht ist. Eine Taufe mit Fleischbrühe! Welche Blasphemie! Warum nicht gar mit Rotwein? Das könnte Euch so passen, Euch, der Ihr ihn so zu lieben scheint.«

Und mit einem Stoß machte sich der hagere Franziskaner vom Arm des Bruders Amboise frei. Der dicke Mönch stammelte im weinerlichen Ton des Betrunkenen:

»Vater, Ihr bekümmert mich . Ach, ich hätte Euch so gern überzeugt!«

Plötzlich begann er wie ein Wahnsinniger zu schreien:

»Ha! Ha! Deus coeli!«

Und tauchte blitzschnell im Schatten des Torwegs neben Angélique unter.

»Nun macht ihn fertig. Zeigt, was ihr könnt«, flüsterte er, indem er vom Lateinischen in die Sprache der Rotwelschen überging.

Conan Becher hatte sich umgewandt.

»Was ist denn nun wieder los mit Eu.«

Er hielt inne und spähte ängstlich forschend die Gasse entlang.

»Bruder Amboise«, rief er, »Bruder Amboise, wo seid Ihr?«

Sein mageres Gesicht verzerrte sich, seine Augen quollen hervor, und man hörte ihn keuchen, während er ein paar Schritte weiterging und sich immer wieder verängstigt umsah.

»Huhuhu!«

Der Zwerg Barcarole machte sich durch sein unheimliches Nachtvogelgekrächze bemerkbar. Vom knarrenden Ladenschild herab sprang er wie eine riesige Kröte mit einem elastischen Satz dem Mönch vor die Füße. Becher fuhr entsetzt zurück und preßte sich an die Mauer.

»Huhuhu!« machte der Zwerg von neuem.

Er führte einen höllischen Tanz vor seinem angstschlotternden Opfer auf und erging sich in wilden Kapriolen, grotesken Verbeugungen, Grimassen und obszönen Gesten.

Dann tauchte eine zweite scheußliche Kreatur aus dem Dunkel und schlug ein grausiges Gelächter an.

Es war ein Buckliger mit verkrüppelten Beinen, der sich nur in einem grotesken Watschelgang vorwärtsbewegen konnte. Auf der Stirn saß ihm eine bizarre, rote Fleischwucherung.

Das Röcheln, das aus der Kehle des Mönches drang, hatte nichts Menschliches mehr. »Haaah! Die bösen Geister!« wimmerte er.

Sein magerer Körper krümmte sich, er sank auf dem schmutzigen Pflaster in die Knie. Sein Gesicht wurde aschfahl. Langsam hob er die knochigen Hände und stammelte: »Erbarmen . Peyrac!«

Wie ein Dolchstoß drang der von der verhaßten Stimme ausgesprochene Name in Angéliques Herz. Sie schrie wild auf:

»Tötet ihn! Tötet ihn!«

Doch mit einemmal brach der Körper des Mönchs zu Füßen der Mauer zusammen, und als Calembredaine in der lastenden Stille hinzutrat, konnte er nur noch seinen Tod feststellen.

»Dabei haben wir ihn nicht einmal berührt«, sagte Barcarole. »Wir haben nur Grimassen geschnitten, um ihm Angst zu machen.«

»Das ist euch nur zu gut gelungen. Er ist vor Angst gestorben. Verschwinden wir. Hier gibt’s für uns nichts mehr zu tun.«

Als man den Mönch Becher am nächsten Morgen leblos und ohne jegliche Spur einer Verletzung auffand, erinnerten sich die Pariser der Worte jenes Hexenmeisters, der auf der Place de Grèves verbrannt worden war: »Conan Becher, in einem Monat sehen wir uns vor dem Gericht Gottes wieder .«

Man schaute auf dem Kalender nach und stellte fest, daß der Monat um war. Und die Bewohner der in der Nähe des Zeughauses gelegenen Rue de la Cerisaie erzählten unter vielfachen Bekreuzigen von den seltsamen Schreien, die sie am Abend zuvor aus ihrem ersten Schlaf geschreckt hatten.

Man mußte dem Totengräber, der den verfluchten Mönch begrub, den doppelten Lohn zahlen. Und auf den Grabstein setzte man die Inschrift:

»Hier ruht Pater Conan Becher, Franziskaner, der am letzten Tage des Monats Februar 1661 durch die bösen Geister den Tod fand.«

Die Bande Nicolas Calembredaines, des berühmten Banditen, beschloß die Nacht in den Schenken. Alle Spelunken zwischen dem Zeughaus und dem Pont-Neuf erhielten ihren stürmischen Besuch. Sie hatten eine Frau mit leichenblassem Gesicht und aufgelöstem Haar bei sich und gaben ihr fleißig zu trinken. Die Nacht war nicht mehr schwarz. Sie war rot, rot wie der Wein, sie leuchtete und lohte wie eine Feuersbrunst!

»Untergang! Das ist der Untergang .!« Das war alles, was Angélique zu denken vermochte, bis Nicolas sie auf seine Arme nahm und mit ihr in die Gasse hinaustrat.

Die Nacht war kalt, doch an Nicolas’ Brust fühlte sie sich warm und geborgen. Von seiner Lagerstätte zwischen den Füßen des Bronzepferdes aus sah der Schmutzpoet vom Pont-Neuf den großen Banditen vorübergehen, die weiße Gestalt auf seinen Armen so mühelos tragend, als sei es eine Puppe.

Als Calembredaine den großen Saal im Erdgeschoß der Tour de Nesle betrat, war ein Teil seiner Bande vor dem Feuer versammelt. Eine Frau sprang kreischend auf und stürzte ihm entgegen.

»Schuft! Hast dir ‘ne andere genommen . Die Kameraden haben mir’s gesagt. Ausgerechnet, während ich mich mit einer Horde liederlicher Musketiere rumschlagen mußte . Aber ich werd’ dich wie ein Schwein abstechen - und sie auch!«