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Gelassen ließ Nicolas die erschöpfte Angélique auf einen Sitz gleiten. Dann hob er seine mächtige Faust, und das Mädchen wich zurück.

»Hört mir mal alle gut zu«, sagte Nicolas Calembredaine. »Die hier« - er deutete auf Angélique - »gehört mir und niemandem sonst. Wer sie anrührt oder Händel mit ihr sucht, bekommt es mit mir zu tun. Ihr wißt, was das bedeutet! Was die Marquise der Polacken betrifft .«

Er packte das Mädchen an ihrem Mieder und schleuderte sie mit einem kraftvollen und verächtlichen Stoß in eine Gruppe von Kartenspielern.

». so könnt ihr mit ihr machen, was ihr wollt.«

Sodann wandte sich Nicolas Merlot, der zum Wolf gewordene einstige Hirte, derjenigen zu, die er immer geliebt hatte und die das Schicksal ihm zurückgab.

Er nahm sie wieder in seine Arme und begann, die Treppe des Turms hinaufzusteigen. Er ging langsam, um nicht zu schwanken, denn der Weindunst umnebelte sein Gehirn. Das gab diesem Aufstieg fast etwas Feierliches.

Ganz oben angekommen, öffnete Nicolas Calembredaine durch einen Fußtritt den Raum mit dem Diebesgut. Dann trat er zum Mantellager, ließ Angélique wie ein Paket darauffallen und rief:

»Nun zu uns beiden.«

Die grobe Geste und das triumphierende Lachen des Mannes rissen Angélique aus der dumpfen Gleichgültigkeit, in die sie in der letzten Schenke verfallen war. Ernüchtert fuhr sie hoch und lief ans Fenster, wo sie sich an die Gitterstäbe klammerte, ohne recht zu wissen, weshalb.

»Was soll’s?« schrie sie wütend über ihre Schulter zurück. »Was meinst du mit deinem >Zu uns beiden<, du Dummkopf? Bildest du dir etwa ein, du würdest mein Geliebter werden, du, Nicolas Merlot?«

Mit zwei Schritten stand er düster-drohend vor ihr.

»Ich bilde es mir nicht ein«, sagte er trocken, »ich bin dessen gewiß.«

»Abwarten.«

»Es gibt nichts abzuwarten.«

Sie hielt seinem Blick stand. Der rote Schein eines Flußschifferfeuers am Ufer, zu Füßen des Turms, beleuchtete ihre Gesichter. Nicolas atmete tief.

»Hör zu«, begann er von neuem mit gedämpfter, drohender Stimme, »ich will noch einmal mit dir reden, weil du’s bist und weil du begreifen sollst. Aber du hast kein Recht, mir zu verweigern, was ich von dir verlange. Ich habe mich für dich geschlagen, ich habe den Kerl umgebracht, den du beseitigt haben wolltest, der Große Coesre hat seine Zustimmung gegeben: Alles geht klar mit der Gaunerzunft. Du gehörst mir.«

»Und wenn mir die Gesetze der Gaunerzunft gleichgültig sind?«

»Dann wirst du sterben«, sagte er, und seine Augen funkelten böse. »Am Hunger oder an sonst was. Aber davonkommen wirst du nicht, mach dir da keine Illusionen. Im übrigen bleibt dir keine Wahl. Hat denn dein boshaftes kleines Adligengehirn immer noch nicht kapiert, was auf der Place de Grève zugleich mit deinem Hexenmeister verbrannt ist? Alles das nämlich, was dich von mir getrennt hat - vorher. Kammerdiener und Gräfin, das existiert nicht mehr. Ich, ich bin Calembredaine, und du . du bist nichts mehr. Die Deinen haben dich im Stich gelassen. Die von gegenüber .«

Er streckte den Arm aus und deutete zum anderen Ufer der Seine hinüber, auf den Komplex der Tuilerien und die Galerie des dunklen Louvre, wo Lichter blinkten.

»Für die dort existierst du auch nicht mehr. Und das ist der Grund, warum du zur Gaunerzunft gehörst ... weil sie die Heimat derer ist, die man im Stich gelassen hat. Hier wirst du immer zu essen haben. Man wird dich rächen, man wird dir helfen. Aber begehe nie Verrat .«

Er verstummte, und sie spürte seinen heißen Atem auf ihrer Schulter. Er streifte sie, und die Glut seiner Begierde löste eine fiebrige Unruhe in ihr aus. Sie sah, wie er seine großen Hände öffnete und zu ihr erhob, um sie zu berühren; aber er wagte es nicht.

Da begann er, sie im heimatlichen Dialekt zu beschwören:

»Mein Kleines, sei nicht böse. Warum bist du so trotzig? Es ist doch so einfach! Wir sind beieinander ... allein ... wie früher. Wir haben gut gegessen, gut getrunken. Da bleibt doch gar nichts übrig, als sich zu lieben. Willst mich etwa glauben machen, daß du Angst vor mir hast?«

Angélique lachte auf und zuckte die Schultern.

Er fuhr fort:

»Also komm ... Erinnere dich. Wir haben uns so gut verstanden, wir beide. Wir waren für einander geschaffen, mein Spätzchen ... Ich wußte es, daß du mir einmal gehören würdest. Ich habe es ersehnt. Und jetzt ist es soweit, siehst du?«

»Nein«, sagte sie und schüttelte mit einer eigensinnigen Bewegung ihr langes Haar über ihre Schultern.

»Nimm dich in acht!« schrie er außer sich. »Ich kann dich mit Gewalt nehmen, wenn ich will.«

»Versucht doch. Dann kratze ich dir mit meinen Nägeln die Augen aus.«

»Ich lasse dich von meinen Leuten festhalten«, brüllte er.

Aber sie hörte kaum mehr auf ihn. Wie eine Gefangene, die nichts mehr zu erhoffen hat, lehnte sie ihre Stirn an die eisigen Gitterstäbe der Schießscharte. Sie fühlte sich tief erschöpft. »Die Deinen haben dich im Stich gelassen .« Gleichsam als Echo jenes Satzes, den Nicolas vorhin ausgesprochen hatte, klangen andere auf, scharf wie Fallbeile: »Ich will nicht mehr von Euch reden hören . Ihr müßt verschwinden . Keine Titel, keinen Namen, nichts mehr.«

Und Hortense tauchte auf wie eine Harpyie, den Leuchter in der Hand: »Hinaus! Hinaus!«

Nicolas war es, der recht hatte, Nicolas Calembredaine, der Herkules mit dem schweren und heißen Blut, der bebend hinter ihr stand und fluchte, daß die alten Steine der Tour de Nesle erzitterten. Seinen Lumpen haftete der widerliche Geruch der Stadt an, aber sein Körper - wenn man ihn fest an sich preßte und wütend in ihn hineinbiß, vielleicht würde man dann den unvergeßlichen Geschmack Monteloups wiederfinden .?

Plötzlich schritt sie resignierend an ihm vorbei und begann, vor der Lagerstätte ihr Mieder aus braunem Wollstoff aufzuknöpfen. Dann ließ sie ihren Rock heruntergleiten. Zögernd stand sie einen Augenblick im Hemd. Die Kälte schnitt ihr ins Fleisch, aber ihr Kopf brannte. Rasch legte sie auch das letzte Kleidungsstück ab und streckte sich auf den gestohlenen Mänteln aus.

»Komm«, sagte sie ruhig.

Er starrte sie an. Ihre Gefügigkeit erschien ihm verdächtig. Vorsichtig trat er auf sie zu und entledigte sich dabei seiner Lumpen.

Doch kurz vor der Verwirklichung seiner kühnsten Träume zögerte Nicolas, der ehemalige Knecht.

Der unbestimmte Schein des Feuers am Ufer warf seinen riesenhaften Schatten an die Wand.

»Komm«, wiederholte sie. »Ich friere.«

Tatsächlich, auch sie hatte zu zittern begonnen, aus Kälte vielleicht, aber auch aus mit Angst vermischter Ungeduld angesichts dieses großen, nackten Körpers.

Mit einem Raubtiersprung fiel er über sie her, preßte sie zwischen seinen Armen, als wolle er sie zerbrechen, und stieß immer wieder ein wildes Gelächter aus.

»Ah, jetzt hab’ ich dich! Ah, wie schön das ist. Du gehörst mir. Du entkommst mir nicht mehr, du gehörst mir ... mir ... mir!«

Und mit wilder Hast nahm er sie in Besitz, als wolle er sie ermorden.

Noch zweimal nahm er sie in dieser Nacht. Benommen tauchte sie aus drückendem Schlaf, um die Beute dieses Wesens der Finsternis zu werden, das sie fluchend umklammerte und bezwang, während es sinnlose Worte und tiefe, röchelnde Seufzer ausstieß.

Im Morgengrauen weckte sie ein Geräusch. Sie wagte einen Blick durch halbgeschlossene Lider. Nicolas war schon auf und hatte seine Lumpen angelegt. Er kehrte ihr den Rücken zu und beugte sich über einen Kasten, in dem er etwas zu suchen schien. Nach einer Weile klappte er den Kasten wieder zu und trat mit einem Gegenstand in der Hand vor das Bett. Sie stellte sich schlafend.