Er beugte sich über sie und rief sie mit gedämpfter Stimme an: »Angélique, hörst du mich? Ich muß gehen. Aber vorher möcht’ ich dir sagen . Ich möchte wissen . bist du mir sehr böse wegen heut nacht .? Ich kann nichts dafür. Es ist einfach über mich gekommen. Du bist so schön! Hab’ ich dir wirklich weh getan? Soll ich dir den Großen Matthieu vom Pont-Neuf schicken, damit er nach dir sieht .?«
Er legte seine rauhe Hand auf die perlmutterglänzende Schulter, die unter der Decke sichtbar war, und sie erschauerte unwillkürlich.
»Gib mir Antwort. Ich seh’ genau, daß du nicht schläfst. Schau, was ich für dich ausgesucht hab’. Es ist ein Ring, ein echter. Ich hab’ ihn durch einen Händler vom Quai des Orfèvres prüfen lassen. Sieh ihn dir an . Willst du nicht? Da, ich leg’ ihn neben dich . Und sag mir, was du sonst haben möchtest? Schinken vielleicht, einen feinen Schinken? Er ist ganz frisch von heut morgen. Man hat ihn beim Metzger von der Place de Grève herausgeholt, während er zuschaute, wie einer von den Unsrigen gehenkt wurde. Willst du ein neues Kleid? Ich hab’ welche . Gib Antwort, oder ich werde böse.«
Sie ließ sich herbei, zwischen ihrem wirren Haar hindurchzublinzeln, und sagte in schroffem Ton:
»Ich will eine große Wanne mit ganz heißem Wasser.«
»Eine Wanne?« wiederholte er verblüfft. Er betrachtete sie argwöhnisch.
»Wozu denn?«
»Um mich zu waschen.«
»Gut«, sagte er beruhigt. »Die Polackin wird’s dir herauf bringen. Verlange von ihr, was du haben willst. Und wenn’s nicht klappt, sag mir’s bei meiner Rückkehr. Ich werd’ ihr das Nötige schon beibringen.«
Froh, daß sie einen Wunsch geäußert hatte, wandte er sich zu einem kleinen venezianischen Spiegel auf dem Kaminsims und begann, gefärbtes Wachs auf seine Wange zu kleben, um sein Gesicht unkenntlich zu machen.
Mit einem Ruck setzte sich Angélique auf.
»Das gibt’s nicht«, sagte sie kategorisch. »Ich verbiete dir, Nicolas Merlot, dich in dieser widerlichen Greisenmaske vor mir zu zeigen. Sonst ertrage ich es nicht, daß du mich noch einmal berührst.«
Ein Ausdruck kindlicher Freude hellte das brutale, vom Dasein des Verbrechers bereits gezeichnete Gesicht auf.
»Und wenn ich dir gehorche . dann darf ich’s wieder?«
Sie deckte rasch einen Zipfel des Mantels über ihr Gesicht, um die Bewegung zu verbergen, die das Aufleuchten in den Augen des Banditen Calembredaine in ihr auslöste. Denn es war der altvertraute Blick des kleinen Nicolas, der leichtsinnig und unbeständig gewesen war, aber »kein schlechter Kerl«, wie seine arme Mutter gesagt hatte. Das also konnte das Leben aus einem kleinen Jungen, aus einem kleinen Mädchen machen! In ihrem Herzen quoll Mitleid auf mit ihnen beiden. Sie waren allein und von allen verlassen.
»Möchtest du, daß ich dich wieder liebhabe?« flüsterte er.
Zum erstenmal, seitdem sie einander auf so seltsame Weise wiedergefunden hatten, lächelte sie ihm zu.
»Vielleicht.«
Nicolas hob feierlich den Arm.
»Dann schwör ich’s. Selbst auf die Gefahr hin, daß mich die Schleicher von der Polizei dabei erwischen, wenn ich mir mitten auf dem Pont-Neuf das Zeug vom Gesicht reiße - du wirst mich nie mehr als Calembredaine sehen.«
Er stopfte seine Perücke und die Augenbinde in die Tasche.
»Ich will mich drunten unkenntlich machen.«
Als er hinausgegangen war, rollte sie sich zusammen und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Es war empfindlich kalt in dem runden Raum, aber sie hatte sich gut eingepackt und empfand es nicht. Die fahle Wintersonne warf rechteckige Lichtflecke auf die grauen, grob zubehauenen Wände.
Ihr Körper war erschöpft und schmerzte, und doch empfand sie etwas wie Wohlbehagen.
»Es tut gut«, sagte sie sich. »Es ist, als ob Hunger und Durst gestillt sind. Man denkt an nichts mehr. Es tut gut, an nichts mehr zu denken.«
Neben ihr funkelte der Diamant des Ringes. Sie lächelte. Nun ja, diesen Nicolas würde sie eben an der Nase herumführen!
Wenn Angélique später dieser Zeiten gedachte, in denen sie in die tiefsten Niederungen hinabgestiegen und in die schlimmsten Scheußlichkeiten verwickelt worden war, pflegte sie nachdenklich und kopfschüttelnd zu murmeln: »Ich war verrückt.«
Und das war es vielleicht auch wirklich, was ihr ermöglichte, in dieser grausigen und erbärmlichen Welt zu leben. Es war wie ein Aussetzen der Sinnesfunktionen, wie der Schlaf des Tieres, das sich vor dem Winter schützt. Ihre Bewegungen und Handlungen ergaben sich aus primitiven Reflexen. Sie wollte essen, wollte es warm haben. Das fröstelnde Bedürfnis nach Schutz drängte sie an Nicolas’ harte Brust und machte sie seinen brutalen und herrischen Umarmungen gefügig.
Sie war die Beute eines zum Banditen gewordenen Knechts, der eifersüchtig, der vor Stolz närrisch war, ihr Herr zu sein, und trotzdem fürchtete sie ihn nicht, ja, sie fand sogar einigen Geschmack an den überströmenden Gefühlen, die er ihr entgegenbrachte.
Seine Freunde waren Mörder und Bettler, seine Wohnung altes Gemäuer, Kähne, Spelunken; seine einzige Welt schließlich war jener gefürchtete, unzugängliche Bezirk des Hofs der Wunder, wohin die Offiziere des Châtelet und die Gerichtsbüttel sich nur am hellen Tage wagten. Und dennoch geschah es, daß Angélique nach jenem geflüsterten »Ich war verrückt« später zuweilen nachdenklich wurde bei der Erinnerung an die Zeit, da sie neben dem berüchtigten Calembredaine über die alten Befestigungswerke und die Brücken von Paris geherrscht hatte.
Es war Nicolas’ Idee gewesen, die Reste der von Karl V. um das mittelalterliche Paris aufgeführten Stadtmauer durch ihm ergebene Strolche und Bettler »einnehmen« zu lassen. Seit drei Jahrhunderten hatte die Stadt ihren steinernen Gürtel gesprengt. Die Mauern des rechten Ufers waren fast völlig verschwunden; die auf dem linken Ufer existierten noch, zerfallen, von Efeu überwuchert, aber voller Rattenlöcher und Schlupfwinkel. Um sie in Besitz zu nehmen, hatte Nicolas Calembredaine einen wohlüberlegten, tückischen und hartnäckigen Krieg geführt, bei dessen Strategie Cul-de-Bois, sein Berater, eine Gerissenheit entwickelt hatte, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre.
Zuerst hatte man hier und dort verlauste Kinder mit ihren zerlumpten und keifenden Müttern untergebracht, von der Sorte, wie sie der Armenbüttel nicht verjagen kann, ohne ein ganzes Stadtviertel in Aufruhr zu versetzen.
Dann erschienen die Bettler auf der Bildfläche: Greise und Greisinnen, Krüppel, Blinde, die sich mit wenigem zufrieden gaben, mit einer Mauerlücke, in die das Wasser tropfte, einer einstigen Statuennische, einem Kellerwinkel. Dann hatten die ehemaligen Soldaten mit ihren Degen und mit alten Nägeln geladenen Musketen gewaltsam die besten Orte in Anspruch genommen, die noch bewohnbaren Wachtürme und Torgebäude mit geräumigen Sälen und unterirdischen Gewölben. In ein paar Stunden hatten sie die Handwerkerfamilien vertrieben, die dort billige Unterkunft zu finden hofften. Die armen Leute, die mit den Behörden auf gespanntem Fuße standen, wagten nicht, sich zu beschweren, und waren froh, wenn sie wenigstens ein paar Möbel mitnehmen konnten und mit heiler Haut davonkamen.
Indessen verliefen diese Unternehmungen nicht immer so harmlos. Es gab eine bestimmte Kategorie von »Widerspenstigen« unter den Besitzern. Das waren die Mitglieder anderer Banden der Gaunerzunft, die sich weigerten, den Platz zu räumen. Es kam zu fürchterlichen Kämpfen, für deren Heftigkeit die in Lumpen gehüllten Leichen zeugten, die die Seine in der Morgendämmerung wieder an ihre Ufer spülte.
Am schwersten war die Eroberung des alten Nesle-Turms gewesen, der sich mit seinen ungefügen Zinnen im Winkel der Seine und der alten Gräben erhob. Doch als man sich dort häuslich niederließ - welch ein Wunder! Ein wahres Schloß .!
Calembredaine erkor ihn zu seiner Zufluchtsstätte.
Und da nun stellten die anderen Anführer der Gaunerzunft fest, daß dieser Neuankömmling unter den »Brüdern« das ganze Universitätsviertel und die Umgebung der einstigen Tore von Saint-Germain, Saint-Michel, Saint-Victor bis zum Seineufer beherrschte.