Sie nahm jede Einzelheit wahr. Ein kleines Päckchen lag da, mit rotem Wachs versiegelt, auf dem sie las: »Für Monsieur de Sainte-Croix.« Dann in einer offenen Schachtel eine Art weißen Pulvers. Angéliques Nase witterte. Der Geruch war ihr nicht fremd.
»Und das«, fragte Prudent, »ist das Mehl? Es riecht gut. Riecht nach Knoblauch .«
Er nahm eine Prise des Pulvers zwischen die Finger und führte sie zum Mund. Instinktiv riß sie ihm die Hand herunter. Blitzartig trat ihr eine Vision vor die Augen: Fritz Hauer, der ihr zurief: »Gift, gnädige Frau.«
»Laß sein, Prudent. Das ist Gift, Arsenik.«
Sie schaute verstört umher.
»Gift?« wiederholte Prudent fassungslos und wich zurück. Dabei warf er eine Retorte um, die zu Boden fiel und klirrend zerbrach.
Hastig verließen sie den seltsamen Raum. Der Salon war leer. Da die andern ihren Raubzug beendet hatten, waren sie gegangen.
Man hörte einen Stock auf die Fliesen des oberen Stockwerks stoßen, und eine Greisenstimme rief durch das Treppenhaus:
»Marie-Josephe, Ihr habt wieder vergessen, die Katzen einzusperren. Es ist unerträglich. Ich muß hinuntergehen und nachsehen.«
Dann beugte er sich über das Geländer und rief:
»Seid Ihr da, Sainte-Croix? Wollt Ihr das Rezept abholen?«
Angélique und ihr Begleiter schlichen eilends zur Küche und von dort in den Vorratsraum, wo sich die von den Dieben aufgebrochene Tür befand. Ein paar Gassen weiter blieben sie stehen.
»Uff!« seufzte Prudent. »Ich hab’ einen ganz schönen Schrecken gekriegt. Wer hätte geahnt, daß wir zu einem Hexenmeister gehen würden! Hoffentlich bringt’s uns kein Unglück! Wo sind die Kameraden?«
»Sie sind wohl auf einem andern Weg nach Hause gegangen.«
»Sie hätten ruhig auf uns warten können. Man sieht ja nicht die Hand vorm Gesicht.«
»Ach, beklag dich nicht dauernd, mein guter Prudent. Leute deiner Art müssen auch bei Nacht sehen können.«
Plötzlich spürte sie den Griff seiner Hand um ihren Arm.
»Horch!« wisperte er.
»Was ist denn?«
»Hörst du nicht? Horch!« wiederholte er im Ton namenlosen Entsetzens. »Der Hund! ... Der Hund!«
Im nächsten Augenblick warf er seinen Sack weg und rannte davon.
»Der arme Junge hat den Verstand verloren«, sagte sich Angélique und bückte sich unwillkürlich, um die Beute des Einbrechers aufzuheben. Da hörte auch sie es. Es kam aus der Tiefe der stummen Gassen.
Es war wie ein leichter und sehr rascher Galopp, der sich näherte, und schon sah sie auch das Tier am andern Ende der Straße: ein springendes weißes Gespenst. Von einer unerklärlichen Angst gepackt, lief auch sie davon. Sie rannte wie eine Wahnsinnige, ohne auf das schlechte Pflaster zu achten, auf dem ihre Füße immer wieder strauchelten. Sie war blind. Sie fühlte sich verloren und hätte am liebsten ge-schrien, aber sie brachte keinen Ton aus der Kehle.
Der Anprall des Tieres, das ihr an die Schultern sprang, schleuderte sie zu Boden. Sie spürte sein Gewicht auf sich lasten und an ihrem Nacken den Druck eines von spitzen Fangzähnen starrenden Gebisses.
»Sorbonne.«
Leiser wiederholte sie:
»Sorbonne!«
Dann wandte sie ganz langsam den Kopf. Er war es, ohne Zweifel, denn er hatte sie sofort losgelassen. Sie hob die Hand und streichelte den mächtigen Kopf des Hundes. Er beschnupperte sie überrascht.
Plötzlich hörte sie Schritte. Ihr Blut erstarrte. Sorbonne . wo er war, war auch Desgray. Niemals der eine ohne den andern. Der Mann mit dem Hund kommt immer wieder .!
Hastig richtete Angélique sich auf.
»Verrat mich nicht«, flehte sie leise, zur Dogge gewandt. »Verrat mich nicht.«
Sie hatte eben noch Zeit, sich im Winkel einer Tür zu verbergen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie hoffte krampfhaft, daß es nicht Desgray sein möge. Er hatte ja die Stadt verlassen müssen. Er konnte nicht zurückkehren. Er gehörte einer toten Vergangenheit an .
Die Schritte waren ganz nah. Sie hielten inne.
»Nun, Sorbonne«, sagte Desgrays Stimme, »was ist los mit dir? Hast du sie nicht erwischt, die Banditendirne?«
Angéliques Herz pochte schmerzhaft.
Diese vertraute Stimme, die Stimme des Advokaten: »Und jetzt, Ihr Herren, ist die Stunde gekommen, einer grandiosen Stimme Gehör zu verschaffen, einer Stimme, die, über alle menschliche Schändlichkeit erhaben .«
Die Nacht war pechschwarz. Nichts war zu erkennen, aber zwei Schritte nur und Angélique hätte Desgray berühren können. Sie spürte seine Bewegungen und erriet seine Verblüffung.
»Verdammte Marquise der Engel«, rief er plötzlich - und sie zuckte in ihrem Versteck zusammen -, »diesmal soll sie uns nicht entwischen. Los, such, Sorbonne, such. Sie hat die gute Idee gehabt, ihr Halstuch in der Kutsche zu lassen. Da werden wir sie schon kriegen. Komm, gehen wir zur Porte de Nesle zurück. Dorthin führt die Spur, dessen bin ich sicher.«
Er entfernte sich und pfiff dem Hund, der nicht mitkommen wollte.
Angélique rann der Schweiß über die Schläfen. Ihre Beine zitterten. Endlich entschloß sie sich, ihr Versteck zu verlassen. Wenn Desgray sich in der Gegend der Porte de Nesle herumtrieb, war es besser, nicht dorthin zurückzukehren. Sie wollte versuchen, die Höhle Cul-de-Bois’ zu erreichen und ihn für den Rest der Nacht um Asyl zu bitten.
Ihr Mund war trocken. Sie hörte das Wasser eines Brunnens murmeln. Der kleine Platz, in dessen Mitte er sich befand, wurde von einer Lampe, die vor einem Kramladen hing, schwach erleuchtet.
Angélique tauchte ihr beschmutztes Gesicht in das kühle Wasser. Sie seufzte vor Wohlbehagen.
Als sie sich erfrischt wieder aufrichtete, umschlang sie jäh ein kräftiger Arm, und eine brutale Hand preßte sich auf ihren Mund.
»Da hätten wir dich, mein Schätzchen«, sagte die Stimme Desgrays. »Glaubst du, daß man mir so leicht entwischt?«
Angélique versuchte, sich loszureißen, aber er hielt sie auf eine Weise fest, daß sie bei jeder Bewegung vor Schmerz aufschrie. Wie gelähmt in der Umklammerung verharrend, fand sie den vertrauten Geruch seiner abgetragenen Kleider wieder: nach alter Sersche, Gürtelleder, Tinte, Pergament und Tabak. Ja, das war der Advokat Desgray mit seinem Nachtgesicht. Es schwindelte ihr, und ein einziger Gedanke beherrschte sie: »Wenn er mich nur nicht erkennt ... Ich würde mich zu Tode schämen ... Wenn es mir nur gelingt, zu entkommen, bevor er mich erkennt!«
Während er sie weiterhin mit einer einzigen Hand durch einen raffinierten Griff festhielt, führte er eine Pfeife zum Mund und gab drei schrille Signale. Wenige Minuten später tauchten fünf oder sechs Männer aus den benachbarten Gassen auf. Man hörte ihre Sporen und die Gehänge ihrer Degen klirren. Es waren Leute der Nachtwache.
»Ich glaube, ich hab’ den Vogel«, rief Desgray ihnen zu.
»Alle Wetter, was für eine einträgliche Nacht! Wir haben zwei Einbrecher geschnappt, die sich da hinten verdächtig machten. Und wenn das hier die Marquise der Engel ist, dann habt Ihr uns gut geführt, Herr, das muß man schon sagen. Ihr kennt die Schlupfwinkel .«
»Der Hund ist es, der uns führt. Er hat am Halstuch dieses Weibstücks Witterung genommen und ist schnurstracks hierhergelaufen. Aber ... da war etwas, was ich nicht begriffen habe. Beinah wäre sie mir entwischt ... Kennt Ihr sie, diese Marquise der Engel?«
Angélique lauschte den Antworten, die sie umschwirrten. Sie war bemüht, sich nicht zu bewegen, in der Hoffnung, Desgray werde seinen Griff lockern. Dann wollte sie sich losreißen und in die verbündete Nacht entschlüpfen. Sie war sicher, daß Sorbonne sie nicht verfolgen würde. Und diese schwerfälligen, in ihre Uniformen gezwängten Männer würden sie gewiß nicht einholen.
Doch der Exadvokat schien nicht gesonnen, seine Beute zu vergessen. Mit sachkundiger Hand tastete er sie ab.