»Warum will man Euch hängen?«
»Na . du weißt doch, daß man mich immer hängen will«, erwiderte er verwundert.
»Er ist bestimmt ein bißchen verrückt, aber er ist ulkig«, dachte sie im stillen und reckte sich. Sie wünschte, daß er sie von neuem liebkoste, aber plötzlich schien er an etwas anderes zu denken.
»Jetzt erinnere ich mich«, sagte er. »Ich hab’ dich schon einmal auf dem Pont-Neuf gesehen. Gehörst du nicht zur Bande Calembredaines?«
»Ja, das stimmt, ich gehöre Calembredaine.«
Er wich mit einem Ausdruck komischen Entsetzens zurück.
»Au weh! Wo bin ich da wieder hineingetreten, unverbesserlicher Schürzenjäger, der ich bin! Bist du am Ende gar jene Marquise der Engel, auf die unser Banditenhäuptling so stolz ist?«
»Ja, aber .«
»Da sieht man wieder mal, wohin einen die Gewissenlosigkeit der Weiber bringt!« rief er theatralisch aus. »Konntest du das nicht früher sagen, Unglückselige? Willst du denn unbedingt das kümmerliche Blut fließen sehen, das ich in meinen Adern habe? O weh, Calembredaine! Was für ein Pech! Da habe ich die Frau meines Lebens gefunden, und nun muß sie Calembredaine gehören! Aber was kümmert’s mich! Die herrlichste aller Geliebten ist immer noch das Leben selbst. Adieu, meine Schöne .!«
Er ergriff einen alten, kegelförmigen Hut, wie ihn die Schulmeister trugen, drückte ihn auf seinen blonden Haarschopf und schlüpfte aus der Zille.
»Sei lieb«, flüsterte er noch mit einem Lächeln, »und erzähl deinem Herrn nichts von meinen Keckheiten ... Ja, ich weiß, daß du nichts sagen wirst. Du bist ein Goldstück, Marquise der Engel. Ich werde bis zu dem Tag an dich denken, an dem man mich hängt ... und sogar danach noch ... Adieu!«
Sie hörte ihn durchs Wasser waten, dann sah sie, wie er in der Sonne die Uferböschung hinauflief! In seinem schwarzen Anzug, mit seinem spitzen Hut, seinen dünnen Waden, seinem zerrissenen, im Winde flatternden Mantel glich er einem wunderlichen Vogel.
Bootsleute, die beobachtet hatten, wie er aus der Zille gestiegen war, warfen ihm Steine nach. Er wandte ihnen sein bleiches Gesicht zu und stieß ein schallendes Gelächter aus. Dann verschwand er plötzlich wie ein Traum.
Das Gespräch mit dem abenteuerlichen Unbekannten hatte Angélique aufgeheitert und die Erinnerung an die bittere Begegnung verdrängt, die sie in dieser Nacht mit Desgray gehabt hatte.
Es war besser, nicht mehr daran zu denken. Später, wenn sie erst einmal diesen fürchterlichen Tiefpunkt überwunden hatte, würde sie sich wieder mit Desgray beschäftigen und sich fragen: »Hat er mich in jener Nacht erkannt? Nein, sicherlich nicht. Er hätte mir nicht mein Messer zurückgegeben . Er hätte nicht in diesem grauenhaft ordinären Ton mit mir geredet . Nein, er hat mich nicht erkannt . Ich hätte mich zu Tode geschämt!«
Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand in die Haare, um die trockenen Grashalme zu entfernen. Später würde sie darüber nachdenken. Aber im Augenblick wollte sie nicht den Reiz der eben erlebten Stunden zerstören. Sie seufzte in einem leichten Bedauern. War sie tatsächlich im Begriff gewesen, Nicolas zu betrügen?
Die Marquise der Engel zuckte die Schultern und lachte boshaft auf. Einen Liebhaber solcher Art konnte man nicht betrügen. Nichts verband sie mit Nicolas
- außer der Knechtschaft ihres Elends.
Sie wartete eine Weile und ließ sich dann ihrerseits vom Heu herabgleiten.
Als sie das Wasser berührte, fand sie es kalt, aber nicht eisig, und indem sie sich umschaute, wurde sie vom Licht geblendet, und sie erkannte, daß es Frühling geworden war.
Hatte nicht der Student von Blumen und Früchten auf dem Pont-Neuf gesprochen?
Angélique entdeckte wie durch Zauberschlag das Aufblühen der milden Jahreszeit.
Der mit Feuchtigkeit getränkte Himmel war rosig angehaucht, und die Seine trug ihre silberne Rüstung. Auf ihrer glatten, ruhigen Oberfläche glitten Kähne mit leise plätschernden Rudern dahin. Flußabwärts antworteten die Bleuel der Wäscherinnen dem Klippklapp der Mühlenschiffe.
Sich vor den Blicken der Schiffer verbergend, wusch Angélique sich im kalten Wasser, das angenehm auf der Haut prickelte. Nachdem sie sodann ihre Kleider wieder angelegt hatte, folgte sie dem Uferweg und erreichte den Pont-Neuf.
Die Worte des Unbekannten hatten ihre Lebensgeister aus dem Winterschlaf geweckt. Zum erstenmal sah sie den Pont-Neuf in all seinem Glanz. Er war die schönste Brücke von Paris, und auch die bevorzugteste, denn sie verband auf dem kürzesten Weg die beiden Seineufer mit der Ile de la Cité.
Angélique drängte sich durch die müßig herumlungernde Menge und blieb vor jeder Bude stehen: vor dem Spielwarenhändler, dem Geflügelhändler, dem Tinten- und Farbenverkäufer, dem Marionettenspieler, dem Hundescherer, dem Zauberkünstler. Sie entdeckte Pain-Noir mit seinem Bauchladen, Mort-aux-Rats mit seinen aufgespießten Ratten an der Samaritaine-Ecke und Mutter Hurlurette und Vater Hurlurot.
Inmitten einer Gruppe von Müßiggängern kratzte der alte Blinde auf seiner Fiedel, während sein Weib ein sentimentales Lied plärrte, das von einem Gehenkten handelte, von einem Leichnam, dessen Augen die Raben fraßen, und von allen möglichen grauslichen Dingen, denen die Leute gesenkten Kopfs und augenwischend lauschten. Das Henken und die Prozessionen, das waren die richtigen Schauspiele für die Pariser Kleinbürger, Schauspiele, die nichts kosteten und bei denen man sich zutiefst bewußt wurde, daß man einen Körper und eine Seele besaß.
Als die Alte ihr Lied mit einem hohen Tremolo beendet hatte, befeuchtete sie ihren dicken Daumen und begann, kleine Blätter zu verteilen, von denen sie einen ganzen Packen unter dem Arm hielt, während sie schrie:
»Wer will noch einen Gehenkten?«
Als sie bei Angélique anlangte, ließ sie einen freudigen Ausruf hören.
»He, Hurlurot, da ist ja das Vögelchen! Na, dein Kerl macht seit heut morgen ein schönes Theater! Er sagt, der verfluchte Hund habe dich erwürgt. Er will alle Gauner und Strolche von Paris aufs Châtelet hetzen. Und dabei treibt sich die Marquise quietschvergnügt auf dem Pont-Neuf rum .!«
»Warum auch nicht?« erwiderte Angélique hochmütig. »Was tut Ihr denn anderes?«
»Ich arbeite«, sagte die Alte geschäftig. »Das Lied da, was meinste, was das einbringt! Ich sag’ immer zum Schmutzpoeten: >Gebt mir Gehenkte. Nichts bringt mehr ein als Gehenkte.< Da, willste einen? Kriegst ihn umsonst, weil du unsere Marquise bist.«
»Es gibt Würstchen für Euch heut abend in der Tour de Nesle«, versprach Angélique.
Der zähe Strom der Müßiggänger schwemmte sie davon. Im Gehen las sie das Blättchen. Unten in der Ecke stand jene Unterschrift, die sie bereits kannte: Der Schmutzpoet. Ein bitteres Haßgefühl stieg in Angélique hoch.
Ihr Blick glitt zu dem Bronzepferd auf dem Postament hinüber. Dort, zwischen den Hufen des Pferdes; so hatte man ihr gesagt, pflegte sich der Poet des Pont-Neuf zuweilen schlafen zu legen. Die Strolche respektierten seinen Schlaf. Im übrigen gab es bei ihm nichts zu stehlen. Er war ärmer als der ärmste Gauner, immer umherirrend, immer ausgehungert, immer verfolgt und immer und überall sein Gift verspritzend.
»Warum hat ihn eigentlich noch niemand umgebracht?« dachte Angélique. »Ich brächte ihn bestimmt um, wenn ich ihm begegnete. Aber ich möchte ihm vorher sagen, weshalb .«
Sie knüllte angeekelt das Papier zusammen und warf es in den Fluß.