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Der gute, bronzene König Heinrich IV. glänzte in der Sonne und lächelte auf einen Wald roter und rosafarbener Schirme hinab. Die Blumenfrauen des Pont-Neuf ließen sich hier am frühen Morgen nieder. Während die jüngeren sich mit ihren Körben geschickt durch die Menge schlängelten und ihre duftende Ware anboten, bewachten die älteren im Schatten der Sonnenschirme ihre festen Stände.

Eine dieser Frauen forderte Angélique auf, ihr beim Blumenbinden zu helfen, und da sie sich ihrer Aufgabe mit Geschmack entledigte, gab sie ihr zwanzig Sols.

»Du bist ja wohl schon zu alt, um das Lehrmädchen zu spielen«, sagte sie, nachdem sie sie gemustert hatte, »aber wenn du bei mir arbeiten willst, werden wir uns schon einig.«

Angélique schüttelte den Kopf, hielt die zwanzig Sols krampfhaft in der Hand und ging davon. Sie kaufte zwei Krapfen bei einem Zuckerbäcker und verschlang sie, während sie sich unter die Gaffer mischte, die vor dem Karren des Großen Matthieu aus vollem Halse lachten.

Unbezahlbarer Großer Matthieu! Er hatte sich gegenüber König Heinrich IV installiert und fürchtete weder dessen Lächeln noch Majestät.

Von einer auf vier Rädern ruhenden und von einer Balustrade umgebenen Plattform aus redete er mit donnernder Stimme auf die Menge ein, daß es vom einen Ende des Pont-Neuf zum andern schallte. Sein Privatorchester, das sich aus drei Musikern zusammensetzte - einem Trompeter, einem Trommler und einem Beckenschläger -, begleitete seine Reden und übertönte mit seinem Höllenlärm das Stöhnen der Patienten, denen er die Zähne zog.

Enthusiastisch, ausdauernd, von sagenhafter Kraft und Geschicklichkeit, wurde der Große Matthieu stets auch mit den widerspenstigsten Zähnen fertig, indem er den Patienten niederknien ließ und ihn dann mit seiner Zange hochzog. Worauf er sein taumelndes Opfer sich den Mund beim Branntweinhändler spülen hieß.

Zwischen zwei Kunden wanderte der Große Matthieu mit wehender Hutfeder, die doppelte Zahnkette auf der Brust, auf der Plattform hin und her, wobei ihm sein mächtiger Säbel an die Hacken schlug, und rühmte sein großes Wissen und die Wirksamkeit seiner Drogen, Pulver, Elixiere und Salben jeglicher Art, die unter reichlicher Beimengung von Butter, öl und Wachs aus harmlosen Kräutern zusammengebraut wurden.

»Ihr Herren und Damen, hier seht Ihr die berühmteste Persönlichkeit der Welt, einen Virtuosen seines Fachs, die Leuchte der Medizin, den direkten Nachfolger des Hippokrates, den Erforscher der Natur, die Geißel aller Fakultäten, Ihr seht vor Euern Augen einen methodischen, hippokratischen, pathologischen, chemischen, spagyrischen, empirischen Arzt. Ich heile die Soldaten aus Gefälligkeit, die Armen um Gotteslohn und die reichen Kaufleute für Geld. Ich bin weder Doktor noch Philosoph, aber meine Salben leisten ebenso gute Dienste wie die Philosophen und Doktoren, denn Erfahrung ist nützlicher als Wissenschaft. Ich habe hier eine Pomade, den Teint zu bleichen: Sie ist weiß wie Schnee, wohlriechend wie Balsam und Moschus. Ich habe da auch eine Salbe von unschätzbarem Wert, denn merkt auf, Ihr galanten Herren und galanten Damen

- diese Salbe schützt diejenigen, die sie anwenden, vor den heimtückischen Dornen des Rosenstrauchs der Liebe.«

Und mit erhobenem Arm begann er emphatisch zu deklamieren:

»Kommt, Ihr Herren, und kaufet ein dies unvergleichlich Pülverlein!

Wunder wirkt es, Ihr sollt sehn, alle Leiden macht’s vergehn.

Und es gibt Verstand dem Toren, sei er noch so dumm geboren.

Altes Weib kriegt schmucken Schatz,

Lustgreis einen jungen Fratz!«

Dieser poetische Erguß, den er unter gewaltigem Augenrollen zum besten gab, brachte Angélique zum Lachen. Er erkannte sie und zwinkerte ihr freundschaftlich zu.

»Ich habe gelacht. Warum hab’ ich eigentlich gelacht?« fragte sich Angélique. »Es ist doch völlig unsinnig, was er da erzählt.«

In diesem Augenblick sprach ein Mann sie an.

»Schönes Kind«, sagte er, »ich sehe, daß du zwar guter Laune bist, aber nicht gerade reich. Willst du dir zwanzig Livres verdienen?«

»Womit?« fragte sie, nachdem sie ihn gemustert hatte.

»Mein Herr ist ein vornehmer Fremder, der zum erstenmal nach Paris kommt. Er brennt so sehr darauf, die intimen Reize der Pariserinnen kennenzulernen, daß er mich sofort weggeschickt hat, um eine lustige und wohlgestalte Gefährtin für die Nacht aufzutreiben. Ich bin zum Pont-Neuf gegangen, weil ich wußte, daß man hier die größte Auswahl hat. Du bekommst Schuhe, ein Kleid, ein gutes Abendessen und zwanzig Livres. Ich bemerke, daß mein Herr kein Graubart ist, sondern jung und von angenehmem Äußeren, wenn auch ein bißchen korpulent. Paßt dir die Sache?«

»Keineswegs.«

»Willst du, daß ich mit deinem Zuhälter rede?«

Angélique stieß einen kleinen Pfiff aus, wie die Rotwelschen es tun, wenn sie ihrer Bewunderung Ausdruck verleihen wollen.

»Du jedenfalls bist kein Fremder.«

»O nein«, sagte der Diener. »Ich bin gebürtiger Pariser. Aber ich bin nun schon drei Jahre im Dienst eines holländischen Edelmanns. Der Krieg hat mich dorthin verschlagen, ich weiß kaum mehr zu sagen, wie. Heute stehe ich zum erstenmal wieder auf dem Pont-Neuf.«

Fasziniert sah er sich um, und Angélique benützte die Gelegenheit, um in der Menge unterzutauchen.

Auf einer kleinen Bühne bemühte sich ein alter Mann mit einem Holzbein, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken.

»Kommt und seht euch den roten Mann an. Das seltsamste Naturwunder. Ihr haltet euch für sehr gebildet, weil ihr ein paar schwarzhäutige Menschen gesehen habt. Aber was gibt es Alltäglicheres als jene Marokkaner, mit denen uns der Großtürke überschwemmt? Ich aber zeige euch den unbekannten Menschen der unbekannten Welt, nämlich Amerikas, jenes sagenhaften Landes, aus dem ich selbst komme .«

Angélique blieb vor der Bühne stehen. Der Wind, der von der Seine her wehte, verstärkte die Vorstellung der Weite, die dieses Wort »Amerika« in ihr erzeugt hatte. Sie dachte an ihren Bruder Josselin, sah ihn wieder vor sich, wie er seinen leuchtenden und verwegenen Blick zu ihr hob, während er flüsterte: »Ich aber gehe aufs Meer.«

Der Pastor Rochefort war eines Abends gekommen und hatte sich zu den Kindern de Sancé an den Herd gesetzt, die ihn mit großen, verwunderten Augen anstarrten. Josselin . Raymond . Hortense . Gontran . Angélique . Madelon . Denis . Marie-Agnès . Wie schön sie gewesen waren, die Kinder de Sancé, in ihrer Unschuld und Ahnungslosigkeit vor den Schicksalen, die ihrer warteten. Sie lauschten dem Fremden, und seine Worte hatten ihre Herzen höher schlagen lassen.

»Ich bin nur ein Reisender, der sich nach neuen Ländern sehnt, der jene Gegenden kennenlernen möchte, wo niemand weder Hunger noch Durst hat und wo der Mensch sich frei fühlt. Ebendort habe ich erkannt, daß alles Übel vom weißen Menschen kommt, weil er nicht auf das Wort des Herrn gehört, vielmehr es verfälscht hat. Denn der Herr hat nicht befohlen, zu töten noch zu zerstören, sondern sich untereinander zu lieben.«

Angélique schloß die Augen. Als sie sie wieder aufschlug, sah sie einige Schritte von ihr entfernt, im Gewühl des Pont-Neuf, Jactance, Gros-Sac, La Pivoine, Gobert und Beau-Garçon, die sie anstarrten.

»Schwesterherz«, sagte La Pivoine und packte sie am Arm, »ich werde eine Kerze vor dem ewigen Vater von Saint-Pierre-aux-Bœufs aufstellen. Wir waren fest überzeugt, daß wir dich nie wieder zu sehen bekommen würden!«

»Das Châtelet, das Arbeitshaus oder das Spital, das waren die einzigen Möglichkeiten.«

»Falls dir der verfluchte Hund nicht die Kehle durchgebissen hatte.«

»Tord-Serrure und Prudent haben sie geschnappt. Heut früh sind sie auf der Place de Grève gehenkt worden.«

Sie umringten sie. Da waren sie nun wieder, die verwegenen Gesichter, die heiseren Säuferstimmen und auch die Ketten des Bannkreises der Unterwelt, die sich nicht an einem einzigen Tage sprengen ließen. Indessen glomm von diesem Tage an, den sie bei sich den »Tag des Heukahns« oder den »Tag des Pont-Neuf« nannte, ein Funke von Hoffnung in ihr auf. Sie wußte noch nicht, was das war, aber sie wußte, daß etwas sich geändert hatte. Es war leichter, in die Niederungen hinabzusteigen, als sich aus ihnen wieder emporzuarbeiten.