»Angélique«, flüsterte Nicolas, »Angélique, wenn ich dich nicht wiedergefunden hätte .«
»Was wäre dann geschehen?«
»Ich weiß nicht .«
Er zog sie an sich und drückte sie an seine Brust, daß ihr der Atem verging.
»Oh, hör auf!« stöhnte sie, machte sich los und lehnte die Stirn an die Gitterstäbe der Schießscharte. Die Sterne spiegelten sich im stillen Wasser der Seine. Die Luft war vom Duft der Mandelbäume erfüllt, die in den Gärten und Höfen des Faubourg Saint-Germain blühten.
Nicolas fuhr fort, sie mit Blicken zu verschlingen, und sie war gerührt über die Intensität dieser Leidenschaft, die sich nicht verleugnete.
»Was hättest du getan, wenn ich nicht wiedergekommen wäre?«
»Das kommt drauf an. Wärst du von der Polente geschnappt worden, hätte ich alle meine Leute mobil gemacht. Man hätte die Gefängnisse, die Spitäler überwacht. Man hätte dir zur Flucht verholfen. Wärst du vom Hund erwürgt worden, dann hätte ich überall den Hund und seinen Herrn gesucht, um sie umzubringen. Wenn du .«
Seine Stimme bekam einen rauhen Klang.
»Wenn du mit einem andern davongegangen wärst . dann hätte ich dich wiedergefunden, und den an-dern hätte ich aufgeschlitzt.«
Sie lächelte, denn ein bleiches, spöttisches Gesicht trat in ihr Gedächtnis. Doch Nicolas war schlauer, als sie dachte, und seine Liebe zur ihr schärfte seinen Instinkt.
»Glaub nicht, daß du mir leicht entkommst«, fuhr er in drohendem Tone fort. »In der Gaunerzunft betrügt man einander nicht, wie in der schönen Welt, aber wenn es passiert, dann stirbt man. Für dich würde es nirgends eine Zuflucht geben ... Wir sind zu zahlreich, zu mächtig. Man würde dich überall wiederfinden, in den Kirchen, in den Klöstern, ja sogar im Palast des Königs . Das ist alles aufs beste organisiert, mußt du wissen. Im Grunde mag ich das gern, die Organisation der Schlachten.«
Er öffnete seinen zerrissenen Kittel und deutete auf ein kleines blaues Mal neben der linken Brustwarze.
»Da schau, siehst du das? Meine Mutter hat mir immer gesagt: >Das ist das Mal deines Vaters!< Denn mein Vater, das war nicht dieser vierschrötige Bauerntölpel Merlot. Nein. Meine Mutter hat mich vorher von einem Soldaten bekommen, einem Offizier, einem hohen Tier. Sie hat mir nie seinen Namen gesagt, aber manchmal, wenn Vater Merlot mich prügeln wollte, schrie sie ihm zu: >Rühr den Ältesten nicht an, er hat blaues Blut!< Das wußtest du nicht, wie?«
»Du Landsknechtsbastard! Bist auch noch stolz drauf«, sagte sie verächtlich.
Er preßte ihre Schultern zwischen seinen herkulischen Händen.
»Manchmal möchte ich dich wie eine Haselnuß zerdrücken. Aber jetzt hab’ ich dich gewarnt. Wenn du mich je betrügst ... Wenn du je mit einem andern schläfst .«
»Du brauchst nichts zu befürchten. Deine Umarmungen genügen mir vollkommen.«
»Warum sagst du das in so hämischem Ton?«
»Weil man mit einem außergewöhnlichen Temperament begabt sein müßte, um noch mehr zu verlangen. Wenn du nur ein bißchen zärtlicher sein könntest!«
»Ich, ich bin nicht zärtlich?« brüllte er. »Ich, der ich dich anbete! Sag’s noch einmal, daß ich nicht zärtlich bin.«
Er hob seine wuchtige Faust. Sie schrie mit greller Stimme: »Rühr mich nicht an, du Bauernlümmel! Du Vieh! Erinnere dich an die Polackin!«
Verdrossen ließ er die Faust sinken. Nachdem er sie mit düsterem Blick betrachtet hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus.
»Verzeih mir. Du bist immer die Stärkere, Angélique.«
Er lächelte und streckte ein wenig linkisch die Arme nach ihr aus.
»Komm trotzdem. Ich will versuchen, zärtlich zu sein.«
Sie ließ sich auf die Lagerstätte fallen und bot sich gleichgültig der zur Gewohnheit gewordenen Umschlingung dar.
Danach blieb er lange Zeit eng an sie geschmiegt liegen. Sie spürte an ihrer Wange die kratzige Bürste seiner Haare, die er wegen der Perücke sehr kurz hielt. Schließlich sagte er mit dumpfer Stimme:
»Jetzt weiß ich es ... Nie, nie wirst du mir gehören. Denn es ist nicht nur das, was ich will. Ich will auch dein Herz.«
»Man kann nicht alles haben, mein guter Nicolas«, murmelte Angélique. »Früher hattest du ein Stück von meinem Herzen, jetzt hast du meinen ganzen Körper. Früher warst du mein Freund Nicolas, jetzt bist du mein Gebieter Calembredaine. Du hast sogar die Erinnerung an die Zuneigung getötet, die ich für dich empfand, als wir Kinder waren. Aber ich hab’ trotzdem in anderem Sinne etwas für dich übrig, weil du stark bist.«
Der Mann wurde ärgerlich. Er brummte:
»Ich frage mich, ob ich nicht eines Tages auch dich werde töten müssen.«
Sie gähnte schlaftrunken. »Red keinen Unsinn.«
Durch das Fenster streuten die Sterne Reflexe in das Glas der gestohlenen Spiegel. Das Geläute der Unken am Fuß des Turms hörte nicht auf, und aus den Tiefen der Ruinen drangen andere, unheimlichere Geräusche herauf: fernes Grölen eines Betrunkenen, Kindergeheul, das Nagen der Ratten. In einer der letzten Nächte war ein Kind von einem der blutgierigen Nager mit den roten Augen angefallen worden.
»Nicolas«, flüsterte Angélique plötzlich.
»Ja?«
»Erinnerst du dich, daß wir einmal nach Amerika gehen wollten?«
»Ja.«
»Wie wär’s, wenn wir jetzt wirklich gingen?«
»Wohin?«
»Nach Amerika. Ein Land, in dem man weder friert noch hungert . in dem man frei ist.«
»Du bist verrückt!«
Drängender fuhr sie fort:
»Was haben wir hier zu erwarten? Du Gefängnis, Folterung, Zwangsarbeit oder den Galgen. Ich . ich, die ich nichts mehr habe, was erwartet mich, wenn du einmal nicht mehr dasein solltest?«
»Wenn man am Hof der Wunder ist, darf man nie daran denken, was einen erwartet. Es gibt kein Morgen.«
»Dort drüben könnten wir vielleicht umsonst unbebautes Land bekommen. Wir würden es kultivieren . Ich würde dir helfen.«
»Du bist wohl übergeschnappt!« wiederholte er in einem neuerlichen Zornesausbruch. »Ich hab’ dir vorhin erklärt, daß mir die Dreckarbeit nicht liegt. Und glaubst du vielleicht, ich verschwände einfach und überließe Rodogone dem Ägypter die Kundschaft des Jahrmarkts von Saint-Germain?«
Sie erwiderte nichts und versank wieder in ihre Apathie.
Er schimpfte noch eine Weile weiter:
»Unglaublich, wenn sich die Weibsbilder was in den Kopf setzen .«
Wütend drehte er sich um, aber Zorn und Beunruhigung blieben. Eine innere Stimme wiederholte: »Was hast du zu erwarten? Den Galgen.« Natürlich.
Aber wo konnte man leben, außer in Paris .?
Er betrachtete die schlafende Angélique. Von Eifersucht überwältigt, hätte er sie am liebsten geweckt, denn sie lächelte im Schlaf. Sie träumte, sie führe in einem Heukahn über das Meer.
Eines Sommerabends klopfe es an die Tür der Tour de Nesle. Solche Sitten waren unter den Gaunern eigentlich nicht üblich, und alle sahen einander verwundert an, bis schließlich La Pivoine seinen Degen zog und vorsichtig öffnete.
Eine Frauenstimme fragte draußen: »Ist Jean-Pourri da?«
»Kommt nur herein«, sagte La Pivoine.
Die in eisernen Ringen an den Wänden befestigten Harzfackeln beleuchteten ein hochgewachsenes Mädchen in einem Umhang und einen Lakaien in roter Livree, der einen Korb trug.
»Wir haben dich im Faubourg Saint-Denis gesucht«, erklärte das Mädchen Jean-Pourri, »aber man hat uns gesagt, du seist bei Calembredaine. Du läßt uns ganz hübsch durch die Gegend traben. Jedenfalls hätten’s wir von den Tuilerien bis nach Nesle näher gehabt.«