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»Ich stelle mich nicht ein, um das Sakrament zu spenden, sondern als Beichtiger. Das Priestergewand flößt Vertrauen ein. Niemand wirkt in seiner Erscheinung harmloser als ein Vikar, der eben aus dem Seminar kommt. Man vertraut ihm alles an. Gewiß, dergleichen ist nicht sehr rühmlich, ich gebe es zu. Mit Eurem Schwager Fallot, der mein Mitschüler an der Sorbonne war, kann ich mich nicht vergleichen. Er ist ein Mann, der von sich reden machen wird! Während ich, zum Beispiel, den armseligen kleinen Abbé neben einer liebreizenden jungen Dame spiele, verbringt dieser gewissenhafte Beamte den ganzen Vormittag kniend im Justizpalast, um eine Verteidigungsrede Maître Talons in einem Erbschaftsprozeß anzuhören.«

»Weshalb kniend?«

»Das ist seit Heinrich IV. Tradition bei Gericht. Der Advokat hat Vorrang vor dem Staatsanwalt. Dieser muß knien, während der andere redet. Aber der Advokat hat einen hohlen Bauch, wohingegen der Staatsanwalt sich mästet. Verdammt, er hat nach den zwölf Stationen des Verfahrens einiges zusammengescheffelt!«

»Das kommt mir reichlich kompliziert vor.«

»Versucht gleichwohl, Euch diese Einzelheiten zu merken. Sie können von Wichtigkeit sein, falls es je zu einem Prozeß gegen Euren Gatten kommen sollte.«

»Glaubt Ihr, daß es dazu kommen wird?« rief Angélique angsterfüllt aus. »Es muß dazu kommen«, versicherte der Advokat ernst. »Das ist seine einzige Chance.«

In Maître Fallots kleinem Büro nahm er die Perücke ab und fuhr sich durch sein struppiges Haar. Sein Gesicht, das für gewöhnlich heiter und lebendig wirkte, zeigte mit einem Male einen sorgenvollen Ausdruck. Angélique setzte sich neben den kleinen Tisch und begann mechanisch mit einem der Gänsekiele des Staatsanwaltes zu spielen. Eine Frage an Desgray zu stellen, wagte sie nicht.

Schließlich hielt es sie nicht länger.

»Habt Ihr ihn gesehen?«

»Wen?«

»Meinen Gatten?«

»O nein, davon ist gar keine Rede. Er ist streng isoliert. Der Gouverneur der Bastille haftet mit seinem Kopf dafür, daß er mit niemandem in Verbindung tritt.«

»Wird er gut behandelt?«

»Im Augenblick ja. Er hat sogar ein Bett und zwei Stühle, und er bekommt das gleiche Essen wie der Gouverneur. Ich habe mir auch sagen lassen, daß er häufig singt, daß er mit Hilfe jedes kleinsten Gipsbröckchens mathematische Formeln an die Wände seiner Zelle malt und daß er sich nebenbei damit beschäftigt, zwei riesige Spinnen zu dressieren.«

»O Joffrey«, murmelte Angélique lächelnd. Aber ihre Augen füllten sich mit Tränen. So lebte er also noch, er war zu keinem blinden und tauben Gespenst geworden, und die Mauern der Bastille waren noch nicht dick genug, um die Äußerungen seiner Vitalität zu ersticken.

Sie hob den Blick zu Desgray auf.

»Danke, Maître.«

Der Advokat wandte sich ärgerlich ab.

»Ihr sollt mir nicht danken. Die Sache ist ungemein heikel. Ich muß Euch gestehen, daß mich diese geringfügigen Auskünfte bereits den ganzen Vorschuß gekostet haben, den Ihr mir gabt.«

»Das Geld spielt keine Rolle. Sagt mir, was Ihr braucht, um Eure Nachforschungen weiterzubetreiben.«

Aber der junge Mann starrte weiterhin mit abgewandtem Gesicht vor sich hin, als sei er trotz seiner Redefertigkeit äußerst verlegen.

»Offen gesagt«, erklärte er in brüskem Ton, »ich frage mich sogar, ob ich nicht versuchen sollte, Euch dieses Geld zurückzugeben. Ich glaube, es war unklug von mir, diesen Fall zu übernehmen, der mir sehr verwickelt scheint.«

»Ihr lehnt es ab, meinen Gatten zu verteidigen?« rief Angélique aus.

Gestern noch hatte sie sich diesem Juristen gegenüber, der trotz aller glänzenden Diplome zweifellos ein armer Schlucker war und sich nicht alle Tage satt essen konnte, eines leisen Mißtrauens nicht erwehren können. Doch jetzt, da er davon redete, sie im Stich zu lassen, wurde sie von panischer Angst erfaßt.

Kopfschüttelnd sagte er:

»Um ihn zu verteidigen, müßte er erst einmal angegriffen werden.«

»Wessen klagt man ihn an?«

»Offiziell klagt man ihn überhaupt nicht an. Er existiert gar nicht.«

»Aber dann kann man ihm doch nichts tun.«

»Man kann ihn auf ewig vergessen, Madame. In den Kerkerlöchern der Bastille gibt es Leute, die schon dreißig oder vierzig Jahre dort sind und die sich weder auf ihren Namen besinnen können noch auf das, was sie verbrochen haben. Eben deshalb sage ich: Seine einzige Chance ist, daß man einen Prozeß erzwingt. Aber selbst dann wird dieser Prozeß zweifellos im Geheimen und ohne Beistand eines Advokaten stattfinden. So würde dieses Geld, das Ihr für mich ausgeben wollt, vergeudet sein!«

Sie richtete sich auf und fixierte ihn.

»Habt Ihr Angst?«

»Nein, aber ich gehe mit mir zu Rate. Wäre es zum Beispiel für mich nicht vernünftiger, ein Advokat ohne Mandant zu bleiben, statt einen Skandal zu riskieren? Und für Euch, Euch mit dem Kind und dem Euch verbliebenen Geld irgendwo tief in der Provinz zu verbergen, statt das Leben zu verlieren?

Für Euren Gatten, ein paar Jahre im Gefängnis zu verbringen, statt sich in einen Prozeß wegen ... Hexerei und Gotteslästerung zerren zu lassen?« Angélique stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

»Hexerei und Gotteslästerung? Das ist es also, wessen man ihn anklagt?«

»Jedenfalls hat man das zum Vorwand für seine Verhaftung genommen.«

»Aber dann brauchen wir uns doch keine Sorgen zu machen. Alles geht auf eine Dummheit des Erzbischofs von Toulouse zurück.«

Sie erzählte Desgray in aller Ausführlichkeit, was zwischen dem Erzbischof und dem Grafen Peyrac vorgefallen war, wie der letztere ein Verfahren zur Ausscheidung von Gold aus Felsgestein vervollkommnet und wie der Erzbischof, neidisch auf dessen Reichtum, beschlossen hatte, ihm das Geheimnis zu entreißen, das im Grunde nichts anderes als eine technische Formel war.

»Es handelt sich absolut nicht um Zauberwerk, vielmehr um wissenschaftliche Forschungen.«

Der Advokat verzog das Gesicht.

»Madame, ich persönlich fühle mich in diesen Dingen nicht kompetent. Wenn diese Arbeiten die Grundlage der Anklage bilden, wird es erforderlich sein, Zeugen beizubringen, das Verfahren vor den Richtern zu demonstrieren und ihnen zu beweisen, daß weder Magie noch Hexerei dabei im Spiel ist.«

»Mein Gatte ist kein Frömmler, aber er besucht jeden Sonntag die Messe, er fastet und geht an den hohen Feiertagen zur Kommunion. Er spendet beträchtliche Summen für die Kirche. Aber Seine Eminenz fürchtete seinen Einfluß, und sie befehdeten sich seit Jahren.«

»Unglücklicherweise ist mit dem Titel des Erzbischofs von Toulouse beträchtliche Autorität verbunden. In gewisser Hinsicht hat dieser Kirchenfürst mehr Macht als der Erzbischof von Paris, vielleicht sogar mehr als der Kardinal. Aber im Grunde ist es gar nicht so sehr seine Unerbittlichkeit, die ich in diesem speziellen Falle fürchte. Hier, lest Euch das einmal durch.« Aus einem abgenutzten Plüschsäckchen zog er ein Blatt Papier hervor, das in einer Ecke den Vermerk »Kopie« trug.

Angélique las:

Verfügung:

Durch Philibert Vénot, Generalanwalt der Angelegenheiten des Bischöflichen Stuhls von Toulouse, Ankläger wegen Verbrechens der Magie und Hexerei gegen den Sieur Joffrey de Peyrac, Grafen Morens, Beklagten.

In Ansehung, daß genannter Joffrey de Peyrac hinreichend überführt ist, Gott verleugnet und sich dem Teufel ergeben zu haben, auch zu wiederholten Malen die Höllengeister angerufen und sich mit ihnen besprochen zu haben, schließlich wiederholt und auf verschiedene Weise Hexenkünste getrieben zu haben, wird er für diese und andere Fälle dem weltlichen Richter übergeben, um für seine Verbrechen abgeurteilt zu werden.

Am 26. Juni 1660 durch P Vénot gegeben, hat genannter de Peyrac weder Klage noch Widerspruch erhoben, vielmehr gesagt: >Gottes Wille geschehe!<