Desgray erklärte:
»In weniger sibyllinischen Worten heißt das, daß das Kirchengericht Euren Gatten, nachdem es ihn in contumaciam, das heißt in Abwesenheit des Angeklagten, verurteilte und im voraus seine Schuld feststellte, der weltlichen Gerichtsbarkeit des Königs überliefert hat.«
»Und Ihr glaubt, der König werde solchen Flausen Glauben schenken? Sie entspringen einzig der Eifersucht eines Bischofs, der über seine Provinz unbeschränkt herrschen möchte und der sich von den Hirngespinsten eines falschen Wissenschaften ergebenen Mönchs wie dieses Becher beeinflussen läßt.«
»Ich kann nur die Tatsachen beurteilen«, fiel der Advokat ein. »Nun, das Papier hier beweist, daß der Erzbischof sorgsam darauf bedacht ist, bei dieser Angelegenheit im Hintergrund zu bleiben: Ihr seht, sein Name erscheint gar nicht auf diesem Aktenstück, und dennoch besteht kein Zweifel, daß er es war, der die erste Verurteilung hinter verschlossenen Türen veranlaßt hat. Wohingegen der Verhaftbefehl die Unterschrift des Königs wie auch die Séguiers, des Gerichtspräsidenten, trug. Séguier ist ein untadeliger, aber schwacher Mensch, für den die Befehle des Königs den Vorrang vor allem andern haben.«
»Aber wenn der Prozeß eröffnet ist, kommt es doch auf die Meinung der Geschworenen an?«
»Ja«, gab Desgray zögernd zu. »Aber wer wird die Geschworenen bestimmen?«
»Und was riskiert mein Gatte nach Eurer Ansicht bei einem solchen Prozeß?«
»Die Folterung peinlichen und hochnotpeinlichen Grades zunächst, sodann den Scheiterhaufen, Madame!«
Angélique fühlte sich erbleichen, und ein Übelkeitsgefühl stieg ihr in die Kehle.
»Aber man kann doch einen Mann seines Standes auf alberne Gerüchte hin nicht einfach verurteilen!« wiederholte sie.
»Sie dienen ja nur als Vorwand. Wollte Ihr meine Ansicht wissen, Madame? Der Erzbischof von Toulouse hat nie die Absicht gehegt, Euren Gatten einem weltlichen Gericht zu überliefern. Er hoffte zweifellos, eine Verurteilung von seiten der Kirche werde genügen, um seinen Hochmut zu brechen und ihn sich gefügig zu machen. Aber Seine Eminenz hat falsch spekuliert, und wißt Ihr, weshalb?«
»Nein.«
»Weil da noch etwas anderes im Spiele ist«, sagte François Desgray, indem er den Finger hob. »Sicher hat Euer Gatte an sehr hoher Stelle Neider gehabt, eine Gruppe von Feinden, die sich geschworen hatten, ihn aus dem Weg zu räumen. Die Intrige des Erzbischofs von Toulouse bot ihnen ein treffliches Sprungbrett. Früher pflegte man seine Feinde in aller Stille zu vergiften. Heutzutage macht man sich ein Vergnügen daraus, unter Wahrung aller Formen vorzugehen: Man klagt an, richtet, verurteilt. So hat man ein ruhiges Gewissen. Wenn der Prozeß Eures Gatten zustande kommt, wird er sich auf die Beschuldigung der Hexerei stützen, aber das wirkliche Motiv seiner Verdammung wird man nie erfahren.«
Wieder einmal erschien Angélique blitzartig die Vision des Giftkästchens. Sollte sie Desgray etwas sagen? Sie zögerte. Davon reden hieß, einem unbegründeten Verdacht Gestalt geben, vielleicht auch die ohnehin vagen Spuren verwirren. Sie fragte mit unsicherer Stimme:
»Von welcher Art könnte die Sache sein, die Ihr andeutet?«
»Davon habe ich nicht die leiseste Vorstellung. Ich kann Euch nur versichern, daß ich, je nachhaltiger ich meine lange Nase in diese Geschichte steckte, desto entsetzter zurückgeprallt bin angesichts der hohen Persönlichkeiten, die in sie verwickelt scheinen. Kurz, ich möchte wiederholen, was ich Euch letzthin gesagt habe: Die Spur beginnt beim König. Wenn er diesen Verhaftbefehl unterzeichnet hat, so bedeutet das, daß er ihn billigte.«
»Wenn ich daran denke«, murmelte Angélique, »daß er ihn bat, vor ihm zu singen, und ihn mit liebenswürdigen Worten überschüttete, während er schon wußte, daß man ihn verhaften würde.«
Desgray nickte.
»Unser König ist in einer guten Schule gewesen, was das Heucheln betrifft. Es bleibt die Tatsache, daß nur er einen solchen speziellen und geheimen Verhaftbefehl widerrufen kann. Weder Tellier noch vor allem Séguier oder andere Gerichtsbeamte sind dazu imstande. Infolgedessen muß man versuchen, an die Königin-Mutter heranzukommen, die einen starken Einfluß auf ihren Sohn ausübt, oder an dessen Jesuiten-Beichtvater oder sogar an den Kardinal.«
»Ich habe die Grande Mademoiselle aufgesucht«, sagte Angélique. »Sie hat versprochen, in ihrer Umgebung Erkundigungen einzuziehen und mich zu benachrichtigen. Aber sie sagt, ich dürfe mir vor den Einzugsfeierlichkeiten des Königs . in Paris . nichts versprechen .«
Angélique brachte ihren Satz nur mit Mühe zu Ende. Seit einer Weile, seitdem der Advokat vom Scheiterhaufen gesprochen hatte, verspürte sie eine zunehmende Übelkeit. Sie fühlte den Schweiß an ihren Schläfen perlen und fürchtete, ohnmächtig zu werden. Sie hörte Desgray zustimmen:
»Ich teile ihre Ansicht. Vor dem Fest ist nichts zu machen. Ihr tut am besten, ganz ruhig hier abzuwarten. Ich meinerseits werde mich bemühen, mit meinen Nachforschungen weiterzukommen.«
Wie in einem Nebel stand Angélique auf und streckte die Hände aus. Ihre kalte Wange berührte den steifen Stoff eines Priestergewands.
»Ihr weigert Euch also nicht, ihn zu verteidigen?« Der junge Mann schwieg einen Augenblick, dann sagte er mürrisch:
»Schließlich bin ich noch nie um meine Haut in Sorge gewesen. Ich habe sie unzählige Male bei albernen Schenkenprügeleien aufs Spiel gesetzt. Da kann ich sie ruhig noch einmal um einer gerechten Sache willen riskieren.
Nur müßt Ihr mir Geld geben, denn ich bin arm wie eine Kirchenmaus, und der jüdische Trödler, der mir Kostüme leiht, ist ein Erzgauner.«
Die kräftigen Worte wirkten belebend auf Angélique. Dieser Bursche war sehr viel ernster zu nehmen, als sie im Anfang geglaubt hatte. Hinter seinem ungenierten Gehaben verbarg er eine profunde Kenntnis aller einschlägigen Rechtskniffe, und er schien sich tüchtig ins Zeug zu legen, wenn man ihm eine Aufgabe anvertraute.
Angélique gewann ihre Ruhe zurück und zählte ihm hundert Livres vor. Nach kurzer Verabschiedung entfernte sich François Desgray, nicht ohne einen besorgten Blick auf das blasse, müde Gesicht geworfen zu haben, dessen grüne Augen im düsteren Licht dieses nach Tinte und Siegellack riechenden Büros wie Edelsteine funkelten.
Angélique stieg langsam zu ihrem Zimmer hinauf, wobei sie sich an das Geländer klammerte. Zweifellos war dieser Schwächeanfall den Aufregungen der vergangenen Nacht zuzuschreiben. Sie wollte sich niederlegen und ein wenig zu schlafen versuchen, ohne sich den Bissigkeiten ihrer Schwester auszusetzen. Doch kaum hatte sie ihr Zimmer betreten, als sie abermals von Übelkeit befallen wurde; sie konnte eben noch ihr Waschbecken erreichen.
»Was habe ich nur?« fragte sie sich entsetzt.
Und wenn Margot recht gehabt hatte? Ob man tatsächlich darauf ausging, sie umzubringen? War der Zwischenfall mit der Kutsche und das Attentat im Louvre ein zufälliges Zusammentreffen? Wollte man sie am Ende vergiften?
Doch mit einem Male entspannten sich ihre Züge, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht.
»Wie dumm ich mich anstelle! Ich bin eben ganz einfach schwanger!«
Sie erinnerte sich, daß ihr schon bei der Abreise von Toulouse die Vermutung gekommen war, sie erwarte ein zweites Kind. Jetzt bestätigte sich ihre Annahme, und es gab gar keinen Zweifel mehr.
»Wie wird sich Joffrey freuen, wenn er aus dem Gefängnis kommt«, sagte sie sich.
Diese Entdeckung vor allem löste den Alpdruck der vergangenen Nacht. Es war wie eine Antwort des Himmels auf ihre Verzweiflung. Trotz tödlicher Schläge ging das Leben der Familie weiter.
Sie hatte das brennende Bedürfnis, ihr schönes Geheimnis jemandem mitzuteilen, aber Hortense würde es sicher nicht unterlassen, eine spitze Bemerkung über die zweifelhafte Vaterschaft gewisser Kinder zu machen. Was ihren Schwager, den Staatsanwalt, betraf, der zu dieser Stunde vermutlich noch mit immer steifer werdenden Gliedern vor dem Advokaten Talon kniete, so würde den die Neuigkeit kalt lassen.