»Warum sagst du >wir<?«
»Weil sie uns aufgefordert hat, mitzukommen. Ihre Schwester, ihr Bruder und eine andere Freundin, die gleichfalls aus Poitiers stammt, werden auch dabeisein. Das gibt eine ganze Kutsche voller Poitou-Leute. Ist das nicht nett?«
»Wenn es meine Kutsche ist, auf die du rechnest, muß ich dir leider mitteilen, daß ich sie verkauft habe.«
»Ich weiß, ich weiß. Aber das macht nichts. Athénaïs kommt mit der ihrigen. Sie ist ein bißchen klapprig, denn die Familie nagt am Hungertuch, vor allem weil Athénaïs sehr verschwenderisch ist. Ihre Mutter hat sie mit einer Frau, einem Lakaien, der alten Kalesche und der strikten Weisung nach Paris expediert, in kürzester Frist einen Mann zu finden. Oh, sie wird es schaffen, sie strengt sich gehörig an! Was nun aber den Einzug des Königs betrifft, hat sie mir zu verstehen gegeben, daß sie ein wenig knapp an Kleidern ist. Weißt du, diese Madame de Beauvais, die uns eins ihrer Dachfenster zur Verfügung stellt, ist nicht irgendwer. Es heißt sogar, die Königin-Mutter, der Kardinal und alle möglichen hohen Persönlichkeiten würden während des Festzuges bei ihr speisen. Wir werden uns also in vornehmster Gesellschaft befinden. Da können wir natürlich nicht so auftreten, daß man uns für Kammerfrauen oder Bettelweiber hält und die Lakaien uns womöglich verjagen.«
Schweigend öffnete Angélique einen ihrer großen Koffer.
»Schau nach, ob du etwas Passendes für sie findest und auch für dich selbst. Du bist größer als ich, aber es dürfte keine Schwierigkeiten bereiten, einen Rock durch eine Spitze oder ein Volant zu verlängern.«
Mit leuchtenden Augen trat Hortense herzu. Sie konnte ihr Staunen nicht verbergen, während Angélique die prächtigen Toiletten auf dem Bett ausbreitete. Angesichts des Kleides aus Goldstoff stieß sie einen bewundernden Schrei aus.
»Ich glaube, das wäre für unser Dachfenster nicht ganz passend«, erklärte Angélique.
»Na ja, du bist bei der Hochzeit des Königs gewesen. Da steht es dir natürlich an, die Hochnäsige zu spielen.«
»Ich versichere dir, daß ich vollkommen zufrieden bin. Niemand erwartet mit größerer Ungeduld den Einzug des Königs als ich. Aber dieses Kleid möchte ich behalten, um es später verkaufen zu können, falls Andijos mir kein Geld mitbringt, wie ich allmählich fürchte. Über die andern kannst du nach Gutdünken verfügen. Es ist nur billig, daß du dich für die Kosten schadlos hältst, die mein Aufenthalt dir verursacht.«
Nach langem Zögern entschloß sich Hortense endlich zu einem Kleid aus himmelblauem Satin für ihre Freundin. Für sich selbst wählte sie ein apfelgrünes, das ihren ein wenig verwaschenen brünetten Typ betonte.
Als Angélique am Morgen des 26. August die magere, durch die Polster der Mantille ein wenig ausgestopfte Gestalt ihrer Schwester musterte, den matten, durch das kräftige Grün hervorgehobenen Teint, das etwas spärliche, aber weiche und feine kastanienbraune Haar, stellte sie kopfschüttelnd fest: »Wirklich,
Hortense, du wärest geradezu hübsch, wenn du nicht eine so gallige Art hättest.«
Zu ihrer großen Überraschung wurde Hortense nicht zornig. Sie seufzte, während sie fortfuhr, sich im großen Stahlspiegel zu betrachten.
»Ich glaube es auch«, sagte sie. »Weißt du, ich habe nie etwas für Mittelmäßigkeit übrig gehabt und doch nichts anderes kennengelernt. Es macht mir Freude zu reden, mit geistreichen und gut gekleideten Leuten zusammen zu sein, ich liebe das Theater. Aber es ist so schwer, sich von den häuslichen Pflichten freizumachen. Im vergangenen Winter konnte ich zu den Leseabenden eines satirischen Schriftstellers gehen, des Dichters Scarron. Ein gräßlicher Mensch, verkrüppelt, böse, aber was für ein Geist, meine Liebe! Diese Abende sind mir eine kostbare Erinnerung. Leider ist Scarron kürzlich gestorben. Da muß ich eben wieder mit der Mittelmäßigkeit vorliebnehmen.«
»Im Augenblick flößt du mir kein Mitleid ein. Ich versichere dir, du wirkst ungemein vornehm.«
»Natürlich hätte ein solches Kleid bei einer >rich-tigen< Staatsanwaltsgattin nicht die gleiche Wirkung. Man kann die Vornehmheit nicht kaufen. Man hat sie im Blut.«
Während sie sich auswählend über die Schmuckkästchen beugten, gewannen sie den Stolz ihres Standes zurück. Sie vergaßen das düstere Zimmer, die geschmacklosen Möbel und die faden bergamas-kischen Wandteppiche, die in der Normandie für die Kleinbürger gewebt wurden.
Im Morgengrauen des großen Tages brach der Herr Staatsanwalt zu Pferd nach Vincennes auf, wo die Vertreter des Staats sich zur Begrüßung des Königs versammeln mußten.
Die Kanonen antworteten donnernd den Kirchenglocken. Die Bürgerwehr in Galauniform, von Lanzen, Hellebarden und Musketen starrend, belegte die Straßen mit Beschlag, die die Ausrufer mit ohrenbetäubendem Geschrei erfüllten, während sie Heftchen verteilten, die das Festprogramm, die Beschreibung der Triumphbogen und der Route des königlichen Geleitzugs enthielten.
Gegen acht Uhr hielt die durch die Zeit längst ihres Goldglanzes beraubte Kutsche Mademoiselle Athénaïs de Rochechouarts vor dem Haus. Es war ein bildhübsches Mädchen mit frischen Farben: goldblondem Haar, rosigen Wangen, einer perlmutterglänzenden, durch ein Schönheitspflästerchen belebten Stirn. Das blaue Kleid paßte wundervoll zu ihren saphierfarbenen, lebhaften und klugen Augen.
Sie fand für Angélique kaum ein Wort des Dankes, obwohl sie außer dem Kleid einen sehr schönen Diamantenschmuck von ihr trug. Ihrer Überzeugung nach war es eine Ehre, Mademoiselle de Rochechouart dienen zu dürfen, und trotz der heiklen Situation ihrer Familie war sie der Ansicht, daß ihr alter Adel ein Vermögen aufwog. Ihre Schwester und ihr Bruder schienen die gleiche Einstellung zu haben. Allen dreien war übersprudelnde Vitalität, beißender Witz, seltene Begeisterungsfähigkeit und hemmungsloser Ehrgeiz eigen, so daß der Umgang mit ihnen eine ebenso amüsante wie beängstigende Angelegenheit war.
Es war ein lustiges Völkchen, das die knarrende, altersmüde Kutsche durch die verstopften Straßen führte.
Inmitten der immer dichter werdenden Volksmenge sah man Reiter und endlose Wagenkolonnen der Porte Saint-Antoine zustreben, wo der Festzug sich aufstellen sollte.
»Wir werden einen Umweg machen müssen, um die arme Françoise abzuholen«, sagte Athénaïs. »Das wird nicht einfach sein.«
»Gott behüte uns vor Madame Scarron, der Witwe des beinlosen Krüppels!« rief ihr Bruder aus.
Er saß neben Angélique und drückte sie ungeniert an sich, obwohl sie ihn mehrmals aufforderte abzurücken, weil er ihr den Atem benahm.
»Ich habe Françoise versprochen, sie mitzunehmen«, erklärte Athénaïs. »Sie ist ein tapferes Mädchen und hat wenig Zerstreuung, seitdem ihr Krüppel von Mann tot ist. Ich glaube fast, sie vermißt ihn noch immer.«
»Nun, so abstoßend er auch gewesen sein mag - jedenfalls hat er Geld ins Haus gebracht. Die KöniginMutter hatte ihm eine Rente ausgesetzt.«
»War er denn schon verkrüppelt, als sie ihn heiratete?« fragte Hortense. »Über dieses Paar habe ich mir immer Gedanken gemacht.«
»Freilich war er ein Krüppel. Er nahm die Kleine zu sich, um Pflege zu haben. Da sie Waise war, willigte sie ein: Sie war fünfzehn Jahre alt.«
»Glaubt Ihr, daß sie eine richtige Ehe geführt haben?« fragte die junge Schwester.
»Wer kann das wissen? Scarron erklärte jedem, der es hören wollte, daß sein Leiden ihn impotent gemacht habe. Aber er war nichtsdestoweniger reichlich lasterhaft. Er hat ihr sicher allerlei beigebracht. Im übrigen kamen eine Menge Leute zu ihnen ins Haus, so daß sich vermutlich der eine oder andere junge Mann ihrer angenommen hat.«