»Man muß anerkennen«, sagte Hortense, »daß Madame Scarron hübsch ist und stets ein bescheidenes Wesen an den Tag gelegt hat. Sie ist nicht vom Rollstuhl ihres Mannes gewichen, hat ihm beim Aufrichten geholfen, ihm seinen Kräutertee gereicht. Auf diese Weise hat sie sich mancherlei Wissen und große Redegewandtheit angeeignet.«
Die Witwe wartete schon auf dem Trottoir vor einem unscheinbaren Hause.
»Mein Gott, dieses Kleid!« flüsterte Athénaïs und fuhr sich mit der Hand an den Mund. »Ihr Rock ist ja ganz fadenscheinig.«
»Warum habt ihr mir nichts gesagt?« fragte Angélique. »Ich hätte doch etwas für sie herausgeben können.«
»Meiner Treu, ich habe nicht daran gedacht. Steigt doch ein, Françoise!«
Die junge Frau drückte sich in eine Ecke, nachdem sie die Gesellschaft anmutig nickend begrüßt hatte. Sie besaß schöne braune Augen, die sie häufig mit ihren langen Wimpern verschleierte. In Niort geboren, hatte sie in Amerika gelebt und war als Waise nach Frankreich zurückgekehrt.
Mit einiger Mühe gelangten sie schließlich in die nicht allzu verkehrsreiche Rue Saint-Antoine. Die Kutschen stauten sich in den benachbarten Gassen. Vor dem Palais Beauvais herrschte jedoch ein geschäftiges Treiben. Ein Baldachin aus dunkelrotem Samt mit goldenen Borten und Fransen zierte den Mittelbalkon. Teppiche verschönten die Fassade.
Von der Türschwelle aus dirigierte eine alte, einäugige, wie ein Reliquienschrein mit Juwelen geschmückte Dame mit beträchtlichem Stimmaufwand die Dekorateure.
»Was macht denn diese schreckliche Megäre da?« fragte Angélique, während die Gruppe auf das Palais zuschritt.
Hortense bedeutete ihr zu schweigen, aber Athénaïs prustete hinter ihrem Fächer.
»Es ist die Hausherrin, meine Liebe, Catherine de Beauvais. Sie war Kammerzofe bei Anna von Österreich, die ihr den Auftrag erteilte, unsern jungen König aufzuklären, als er fünfzehn wurde. Das ist das Geheimnis ihres Reichtums.«
Angélique mußte lachen.
»Vermutlich hat ihre Erfahrung den fehlenden Charme ersetzt ...«
»Das Sprichwort sagt, daß es für Jünglinge und Mönche keine häßlichen Frauen gibt«, versetzte der junge Rochechouart.
Ihre ironische Stimmung hinderte sie nicht, sich vor der ehemaligen Kammerzofe tief zu verbeugen, die ihnen aus ihrem einzigen Auge einen strengen Blick zuwarf.
»Aha, die Leutchen aus dem Poitou. Kinder, haltet mich nicht auf. Macht, daß Ihr hinaufkommt, bevor sich meine Dienstboten die guten Plätze weggeschnappt haben. Aber die da, wer ist das?« fragte sie und deutete mit dem gekrümmten Zeigefinger auf Angélique.
Mademoiselle de Rochechouart stellte vor: »Eine Freundin, die Gräfin Peyrac de Morens.«
»Sieh einer an! Hähä!« kicherte die alte Dame spöttisch.
»Ich bin überzeugt, sie weiß etwas über dich«, flüsterte Hortense auf der Treppe. »Es wäre naiv zu glauben, daß es nicht über kurz oder lang zum Skandal kommen wird. Ich hätte dich niemals mitnehmen dürfen. Am besten, du gehst sofort nach Hause.«
»Schön, aber dann gib mir das Kleid zurück«, sagte Angélique und griff nach dem Mieder ihrer Schwester.
»Laß das sein, dumme Gans!« zischte Hortense, indem sie sich losriß.
Kurz entschlossen hatte Athénaïs de Rochechouart das Fenster eines Mägdezimmers mit Beschlag belegt und ließ sich in Gesellschaft ihrer Freunde häuslich nieder.
»Man sieht wunderbar«, rief sie aus. »Schaut, dort ist die Porte Saint-Antoine, durch die der König einziehen wird!«
Angélique beugte sich gleichfalls hinaus und fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Was sie da unter dem weiten Himmel erblickte, war nicht die endlose Avenue, in der sich die Menge aufstellte, war nicht die Porte Saint-Antoine mit ihrem Triumphbogen aus weißem Stein, sondern etwas weiter zur Rechten die wuchtige Masse einer Festung, die sich wie ein düsterer Felsen aufreckte.
Halblaut fragte sie ihre Schwester, was für ein Kastell das sei.
»Die Bastille«, flüsterte Hortense hinter ihrem Fächer zurück.
Angélique konnte den Blick nicht von dem düsteren Bild lösen. Acht massive, von Wachttürmchen gekrönte Bastionen, blinde Fassaden, Mauern, Fallgatter, Zugbrücken, Gräben: eine Insel des Jammers, wie verloren im Meer einer gleichgültigen Stadt, eine abgeschlossene Welt, in welche nicht einmal an diesem Tage die Jubelrufe drangen: die Bastille!
Die Geduld der kleinen Gesellschaft wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich ließen die Rufe der Menge erkennen, daß der Festzug sich in Bewegung gesetzt hatte. Aus dem Dunkel der Porte Saint-Antoine tauchten die ersten Gruppen auf, aber erst gegen zwei Uhr nachmittags war es so weit, daß der König und die Königin nahten.
Weit aus dem Fenster gelehnt, ließen sich die jungen Frauen nicht die geringste Kleinigkeit des Schauspiels entgehen. Sie drängten sich eng zusammen, um Platz für alle zu schaffen. Angélique hatte ihre Arme um die Schultern Madame Scarrons und Athénaïs de Rochechouarts gelegt. Hortense, der junge Rochechouart und seine Schwester hatten an einem andern Dachfenster Platz gefunden.
Es war der Zug Seiner Eminenz Monseigneur Mazarins, der den lange erwarteten Höhepunkt der Ereignisse ankündigte.
Nie hatte man einen Kardinal-Minister solche Pracht entfalten sehen. Zweiundsiebzig Maultiere eröffneten einzeln hintereinandergehend das Geleit, über der Stirn im Rhythmus der Schritte schwankende weiße Federn, den Rücken mit goldbesticktem Samt bedeckt. Die Mundstücke, Beschläge und Maulkörbe bestanden aus massivem Silber.
In Seide gekleidete Pagen, Maultiertreiber und Pferdeknechte begleiteten die störrischen Tiere, denen zwölf lebhafte spanische Pferde folgten, deren vergoldete Steigbügel in der Sonne funkelten.
Rossewiehern, Hufgeklapper, Glöckchengeklingel, das Rauschen der prächtigen Gewänder vermischten sich mit dem Geräusch der heranrollenden elf Kutschen, die jeweils von sechs Pferden gezogen wurden.
Die mit wundervollen Goldschmiedearbeiten verzierte Karosse des Kardinals hielt vor dem Palais Beauvais, und man sah die Hausherrin sich in tiefem Knicks vor der roten Robe verneigen. Der Kardinal begab sich auf den Balkon zur Königin-Mutter und deren Schwägerin, der Exkönigin von England, Gattin des enthaupteten Königs Karls L, und nahm an ihrer Seite Platz. Indessen defilierte die Eskorte Seiner Eminenz vor den staunenden Augen der Menge: zuerst vierzig Diener zu Fuß, darauf die Edelleute und Offiziere; hundert Gardisten in schönen roten Kasacken mit goldenen und silbernen Aufschlägen beschlossen die herausfordernde Karawane.
Doch alle Welt applaudierte aus vollem Herzen. Mazarin hatte den Pyrenäenfrieden unterzeichnet. Man liebte ihn nicht mehr als zur Zeit der »Mazarinaden«, aber im Grunde war ihm jeder dankbar, daß er das französische Volk vor der Dummheit bewahrt hatte, seinen König zu verbannen, diesen König, den man jetzt in einem Paroxysmus der Bewunderung und Verehrung erwartete.
Musketiere in blauer Uniform, die leichte Reiterei, der Generalprofoß und seine Stellvertreter kündigten endlich den königlichen Trupp an. In ihm erkannte Angélique manche Gesichter. Sie zeigte ihren Gefährtinnen den Marquis d’Humières und den Herzog von Lauzun an der Spitze ihrer hundert Edelleute. Lauzun, schalkhaft wie immer, warf den Damen ungeniert Küsse zu. Die Menge antwortete mit gerührtem Gelächter.
Wie beliebt sie waren, diese so tapferen und glänzenden jungen Herren! Um ihrer kriegerischen und galanten Heldentaten willen sah man über ihre Verschwendungssucht, ihren Dünkel und ihre schamlosen Ausschweifungen in den Schenken hinweg.
Plötzlich wich Angélique ein wenig zurück und preßte die Lippen aufeinander: Unten zog der Marquis de Vardes vor seinen hundert Schweizern dahin, das von der blonden Perücke umrahmte harte Gesicht herausfordernd erhoben.