Dann schwoll der Sturm des Jubels zu ohrenbetäubender Gewalt: Der König nahte, er war da, schön und gewaltig wie das Tagesgestirn!
Wie groß er war, der König von Frankreich! Ein richtiger König endlich! Weder verächtlich wie Karl IX., wie Heinrich III., noch zu schlicht wie Heinrich IV., noch zu streng wie Ludwig XIII.
Ein leutseliger und majestätischer Monarch, dessen Joch man mit Vergnügen tragen würde, um dieses Pompes willen, den das glückselige kleine Volk mit seinem Schweiß bezahlt hatte, um seine Augen zu erfreuen. Ludwig, der von Gott Gegebene, das vierundzwanzig Jahre lang unter den Gebeten und Tränen des Volkes erwartete Kind, das Wunderkind, das nicht enttäuschte.
Auf einem braunroten Pferd ritt Ludwig XIV. langsam daher, in einigem Abstand eskortiert von seinem ersten Kammerherrn, seinem Oberstallmeister, seinem Schloßhauptmann.
Er hatte den Baldachin zurückgewiesen, den die Stadt für ihn hatte sticken lassen. Er wollte, daß das Volk ihn sah, in seinem silberdurchwirkten Gewand, das die vorteilhafte Linie seines kräftigen Oberkörpers betonte. Ein Hut, dessen Reiherfedern durch Brillantennadeln befestigt waren, schützte sein lächelndes Gesicht vor der Sonne.
Er grüßte winkend.
Vor dem Palais Beauvais angelangt, neigte er sich zu einer graziösen Verbeugung, die jeder der Adressaten auf seine Weise auslegte. Anna von Österreich erblickte in ihr die Zärtlichkeit des Sohnes, der ihr größtes Glück und ihre größte Sorge gewesen war; die bekümmerte Witwe des Königs von England den Ausdruck des Mitgefühls und der Bewunderung angesichts versunkener Größe und würdig getragenen Unglücks; der Kardinal die Dankbarkeit eines Schülers, dem er die Krone bewahrt hatte. Bewegt, gierig und mit einer Träne im einzigen Auge, gedachte Catherine de Beauvais des schönen, glühenden Jünglings, den sie einmal in ihren kundigen Armen gehalten hatte.
Der Monarch kam nicht auf den Gedanken, die kastanienbraunen Augen bis zu den Fenstern des Dachstocks zu erheben. Dort hätten sie drei auf ihn herabgebeugte Köpfe erblickt, einen blonden, einen braunen und einen goldkäferfarbenen, deren dank dem seltsamsten aller Zufälle vereinigte Besitzerinnen in seinem Leben eine Rolle spielen sollten: Athénaïs de Rochechouart, Angélique de Peyrac, Françoise Scarron, geborene d’Aubigné.
Unter ihrer Hand spürte Angélique die golden glänzende Haut Françoises erschauern.
»Wie schön er ist!« flüsterte die Witwe.
Ob der Anblick des göttergleichen Mannes, der sich unter brausenden Jubelrufen entfernte, in ihr den Gedanken an den lüsternen Krüppel auslöste, dessen Dienerin und Spielzeug sie acht lange Jahre gewesen war?
Athénaïs murmelte mit vor Begeisterung glänzenden Augen:
»Gewiß ist er schön in seinem silbernen Rock. Aber ich möchte annehmen, daß er auch ohne Rock nicht übel aussieht, und erst recht ohne Hemd. Die Königin kann froh sein, einen solchen Mann im Bett zu haben.«
Angélique schwieg.
»Das ist ER«, dachte sie, »er, der unser Schicksal in Händen hält. Gott sei uns gnädig, er ist zu groß, er ist zu erhaben!«
Jubelrufe der Menge lenkten ihren Blick wieder nach unten.
»Monsieur le Prince! Vive Monsieur le Prince!«
Hager, ausgemergelt, verächtlich dreinblickend, das Gesicht mit den feurigen Augen und der Adlernase hochmütig geradeaus gerichtet, zog der Fürst Condé wieder in Paris ein. Er kam aus Flandern, wohin ihn seine Erhebung gegen die königliche Autorität geführt hatte. Er empfand weder Skrupel noch Reue, und das Volk von Paris seinerseits trug ihm nichts nach. Man vergaß den Verräter, man jubelte dem Sieger von Rocroi und Lens zu.
Neben ihm ritt Monsieur, der Bruder des Königs, in eine Wolke von Spitzen gehüllt und mehr denn je einem verkleideten Mädchen gleichend.
Schließlich erschien die junge Königin in einem von sechs Pferden gezogenen Wagen, deren Schabracken mit goldenen Lilien und Edelsteinen besetzt waren.
Die scharfzüngigen Neuigkeitskrämer des Pont-Neuf hatten das Gerücht verbreitet, die neue Königin sei linkisch, häßlich und dumm. Um so erfreuter war man, nun feststellen zu können, daß sie, wenn auch nicht ausgesprochen hübsch, so doch mit ihrem Perlmutterteint, ihren großen blauen Augen, ihrem feinen, blaßgoldnen Haar jedenfalls recht reizvoll war. Man bewunderte ihre Haltung, ihre wahrhaft königliche Würde, die Ausdauer, mit der diese zarte junge Frau die Last ihres mit Diamanten, Perlen und Rubinen besetzten Goldbrokatkleides trug. Nachdem sie vorübergezogen war, wurden die Absperrungen aufgehoben. Man hatte bis zur Erschöpfung bestaunt und bewundert.
Im Palais Beauvais aber ließen sich die fürstlichen Gäste an einer Tafel nieder, auf der zur Stillung von Hunger und Durst alles aufs prächtigste vorbereitet war.
Die Hausherrin stand am Fuße der Treppe und schien nach jemandem zu spähen. Als die kleine Gruppe der Poitou-Leute, der Angélique angehörte, herunterkam, rief sie ihnen mit ihrer rauhen Stimme zu:
»Nun, habt ihr alles bequem beaugenscheinigen können?«
Sie bejahten leidenschaftlich mit vor Erregung geröteten Wangen und bedankten sich.
»Gut so. Geht dort hinein und eßt ein Stück Kuchen.«
Sie faltete ihren großen Fächer und schlug damit Angélique leicht auf die Schulter«
»Ihr, meine Schöne, kommt einmal mit mir.«
Verwundert folgte die junge Frau Madame de Beauvais durch die von Gästen erfüllten Säle. Schließlich langten sie in einem kleinen, verlassenen Boudoir an.
»Hu!« machte die alte Dame, während sie sich fächelte. »Es ist nicht einfach, sich abzusondern.«
Aufmerksam musterte sie Angélique. Das über die leere Augenhöhle halb herabhängende Lid gab ihrer Physiognomie einen tückischen Ausdruck, den die Spuren roter Schminke, die sich in den Runzeln verkrustet hatte, und das Lächeln des zahnlosen Mundes noch verstärkten.
»Ich glaube, es wird gehen«, äußerte sie als Ergebnis ihrer Prüfung. »Meine Schöne, was würdet Ihr zu einem großen Schloß in der Umgebung von Paris sagen, mit einem Haushofmeister, Dienern, Lakaien, Zofen, sechs Kutschen, Pferden und hunderttausend Livres Rente?«
»Mir bietet man das alles an?« fragte Angélique lachend.
»Euch.«
»Und wer, wenn ich fragen darf?«
»Jemand, der es gut mit Euch meint.«
»Es scheint so. Wer ist es?«
Die andere kam näher und sagte in vertraulichem Ton:
»Ein reicher Edelmann, der sich in Eure schönen Augen verliebt hat.«
»Hört zu, Madame«, sagte Angélique, die sich alle Mühe gab, ernst zu bleiben, um die gute Dame nicht zu verletzen, »ich bin diesem Herrn sehr dankbar, wer er auch sein mag, aber ich fürchte, man versucht meine Naivität zu mißbrauchen, indem man mir solche fürstlichen Angebote macht. Dieser Herr kennt mich sehr schlecht, wenn er meint, daß allein die Schilderung solchen Glanzes mich bestimmen könnte, ihm anzugehören.«
»Lebt Ihr denn in Paris in so bequemen Verhältnissen, daß Ihr es Euch erlauben könnt, die Stolze zu spielen? Ich habe mir sagen lassen, daß Euer Besitz versiegelt sei und Ihr Eure Equipagen verkauft.«
Ihr böses Elsternauge wich nicht von dem Gesicht der jungen Frau.
»Ich sehe, daß Ihr gut informiert seid, Madame. Ich habe jedoch noch nicht die Absicht, meinen Körper zu verkaufen.«
»Wer redet denn davon, kleine Törin?« stieß Madame de Beauvais zwischen ihren schadhaften Zähnen hervor.
»Ich glaubte zu verstehen ...«
»Pah! Ihr nehmt einen Liebhaber oder Ihr laßt es bleiben. Ihr könnt meinetwegen als Nonne leben, wenn Euch das Spaß macht. Alles, was man von Euch verlangt, ist, daß Ihr auf dieses Angebot eingeht.«
»Aber ... was soll die Gegenleistung sein?« erkundigte sich Angélique verblüfft.
»Das ist doch ganz einfach«, erklärte sie in gütig-großmütterlichem Ton. »Ihr laßt Euch in jenem wunderbaren Schloß nieder. Ihr geht zum Hof. Ihr geht nach Saint-Germain, nach Fontainebleau. Nicht wahr, das wird Euch sicher Freude machen, an den Festen des Hofs teilzunehmen, umschwärmt, verwöhnt, verehrt zu werden? Natürlich, wenn Ihr großen Wert darauf legt, könnt Ihr Euch weiterhin Madame de Peyrac nennen . Aber vielleicht zieht Ihr es vor, den Namen zu wechseln. Beispielsweise in Madame de Sancé. Das klingt sehr hübsch. Es wird heißen: >Oh, da geht die schöne Madame de Sancé vorbei!< ... Na? Na? Ist das nicht nett?«