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»Niemals«, erklärte sie empört, »niemals werde ich zulassen, daß du die Nahrung berührst, die ich für meinen Gatten und meine Kinder zubereite. Ich vergesse nicht, daß du einen Gehilfen des Teufels zum Manne hast, einen Hexenmeister und Giftmischer. Es wäre durchaus möglich, daß seine Seele in dich gefahren ist. Gaston hat sich verändert, seitdem du hier bist.«

»Dein Mann? Ich schaue ihn ja überhaupt nicht an.«

»Aber er schaut dich an ... viel häufiger, als es sich geziemt. Du solltest dir bewußt sein, daß dein Aufenthalt hier sich ungebührlich in die Länge zieht. Du hattest von einer einzigen Nacht gesprochen .«

»Ich versichere dir, daß ich mir alle erdenkliche Mühe gebe, die Situation zu klären.«

»Du wirst dadurch nur auffallen, und man wird dich gleichfalls verhaften.«

»In meiner augenblicklichen Lage frage ich mich tatsächlich, ob ich im Gefängnis nicht besser aufgehoben wäre. Jedenfalls würde ich dort umsonst und ohne Scherereien wohnen.«

»Du weißt nicht, was du redest, meine Liebe«, sagte Hortense, höhnisch lachend. »Man muß zehn Sols pro Tag bezahlen, und zweifellos wird man sie von mir als deiner einzigen Anverwandten fordern.«

»Das ist nicht übermäßig viel. Weniger als das, was ich dir gebe. Ohne die Kleider und Schmuckstücke zu rechnen, die ich dir überlassen habe.«

»Mit zwei Kindern wird es dreißig Sols täglich ausmachen .«

Angélique stieß einen Seufzer des Überdrusses aus.

»Komm, Florimond«, sagte sie zu dem Kleinen. »Du siehst ja, daß du Tante Hortense im Wege bist. Ihre Marmeladendämpfe steigen ihr in den Kopf, und sie redet irre.«

Das Kind lief davon und schüttelte von neuem seine hübsche, schimmernde Klapper. Das brachte Hortense zur Weißglut.

»Allein schon diese Klapper«, schrie sie. »Nie haben meine Kinder dergleichen besessen. Du beklagst dich, kein Geld mehr zu haben, und kaufst ein so teures Spielzeug für deinen Sohn!«

»Er hat es sich so sehr gewünscht. Und außerdem ist es gar nicht teuer. Das Kind des Seifenhändlers an der Ecke hat ein ähnliches.«

»Es ist eine bekannte Tatsache, daß die einfachen Leute nicht sparsam zu leben verstehen. Sie verwöhnen ihre Kinder und erziehen sie nicht, wie es sich gehört. Denk daran, daß du in der Armut lebst, bevor du überflüssige Dinge kaufst, und daß ich durchaus nicht gesonnen bin, dich zu erhalten.«

»Das verlange ich auch gar nicht von dir«, erwiderte Angélique scharf. »Sobald Andijos zurück ist, werde ich in die Herberge ziehen.«

Hortense zuckte mit einem mitleidigen Lächeln die Schultern.

»Du bist wirklich noch dümmer, als ich dachte. Du kennst das Gesetz und die Taktik der Gerichtsbehörden nicht. Er wird dir nichts mitbringen, dein Marquis d’Andijos.«

Hortenses trübe Prophezeiung erwies sich als nur zu richtig. Als endlich der Marquis d’Andijos in Begleitung des getreuen Kouassi-Ba erschien, mußte sie hören, daß der gesamte Besitz des Grafen in Toulouse versiegelt worden war. Es war dem Marquis lediglich geglückt, tausend Livres mitzubringen, die er leihweise und unter dem Siegel der Verschwiegenheit von zwei begüterten Pachtbauern bekommen hatte.

Der größte Teil von Angéliques Schmuck, das Service aus Gold und Silber und fast alle wertvollen Gegenstände, die das Palais enthielt, waren einschließlich der Gold- und Silberbarren beschlagnahmt und in die Statthalterei von Toulouse, teilweise auch nach Montpellier gebracht worden.

Andijos benahm sich seltsam gezwungen. Er hatte seine gewohnte Redseligkeit und Umgänglichkeit verloren und warf scheue Blicke auf seine Umgebung. Er erzählte noch, Toulouse sei auf die Verhaftung des Grafen Peyrac hin in große Erregung geraten, und da sich das Gerücht verbreitete, daß der Erzbischof dafür verantwortlich sei, hatten vor dem Bischofspalast Demonstrationen stattgefunden. Ratsherren hatten Andijos aufgesucht und ihn aufgefordert, sich an ihrer Spitze gegen die königliche Autorität zu empören.

Dem Marquis war es nur unter größten Schwierigkeiten gelungen, die Stadt zu verlassen und nach Paris zurückzukehren.

»Und was gedenkt Ihr jetzt zu tun?«

»Eine Weile in Paris zu bleiben. Meine Geldmittel sind leider wie die Eurigen sehr begrenzt. Ich habe einen alten Bauernhof und ein kleines Häuschen verkauft. Vielleicht kann ich bei Hof ein Amt bekommen .«

Auch seine sonst so sprudelnde Redeweise hatte ihre übermütigen Akzente eingebüßt. Der ganze Mann wirkte wie eine Fahne auf halbmast.

»O diese Leute aus dem Süden«, dachte Angélique. »Großer Mund, viel Gelächter, und wenn ein Unglück kommt, erlischt das Feuerwerk.«

»Ich möchte Euch nicht kompromittieren«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich danke Euch für all Eure Dienste, Monsieur d’Andijos, und wünsche Euch viel Glück bei Hofe.«

Er küßte ihr wortlos die Hand und machte sich verlegen davon.

Angélique starrte auf die bunt bemalte Haustür. Wie viele Dienstboten hatten sie bereits durch diese Tür verlassen, gesenkten Blicks, aber erleichtert, der in Ungnade gefallenen Herrschaft entronnen zu sein.

Kouassi-Ba kauerte zu ihren Füßen. Sie streichelte den mächtigen, krausen Kopf, und der Riese lächelte kindlich.

In der folgenden Nacht beschloß Angélique, das Haus ihrer Schwester zu verlassen, dessen Atmosphäre allmählich unerträglich geworden war. Die kleine béar-nische Magd und Kouassi-Ba wollte sie mitnehmen. Man würde schon irgendeine bescheidene Herberge finden. Es blieben ihr noch ein paar Schmuckstücke und das Kleid aus golddurchwirktem Stoff. Was würde sie dafür bekommen?

Das Kindchen, das sie erwartete, hatte sich in ihr zu regen begonnen, aber sie dachte kaum daran, und es bewegte sie nicht im gleichen Maße wie damals bei Florimond. Nachdem die erste freudige Aufwallung vorüber war, wurde sie sich klar, daß die Ankunft eines zweiten Kindes in einem solchen Augenblick geradezu einer Katastrophe gleichkam. Aber man durfte nicht zu weit in die Zukunft schauen und mußte all seinen Lebensmut zusammenhalten.

Der nächste Morgen brachte einen Hoffnungsschimmer in Gestalt eines Pagen aus dem Haushalt Mademoiselle de Montpensiers, der in seiner gemsfarbenen Livree mit goldenen und schwarzen Samtbesätzen gar prächtig anzuschauen war. Selbst Hortense war beeindruckt.

Die Grande Mademoiselle forderte Angélique auf, sie am Nachmittag im Louvre zu besuchen. Der Page betonte ausdrücklich, daß Mademoiselle nicht mehr in den Tuilerien, sondern schon im Louvre wohne.

Zitternd vor Ungeduld, überschritt Angélique zur genannten Stunde den Pont Notre-Dame, zur größten Enttäuschung von Kouassi-Ba, der nach dem Pont-Neuf schielte. Doch Angélique wollte sich nicht von den Händlern und Bettlern belästigen lassen. Sie hatte sich ursprünglich überlegt, ob sie Hortense um die fahrbare Sänfte bitten sollte, um ihr letztes halbwegs luxuriöses Kleid zu schonen. Angesichts der verkniffenen Miene ihrer Schwester hatte sie dann

aber davon Abstand genommen.

Schließlich langte sie vor dem massigen Palaste an, dessen mit hohen Kaminen bespickte Dächer und Kuppeln in den grau verhangenen Himmel ragten, und erreichte über den Innenhof und ausladende Marmortreppen den Flügel, den man ihr als derzeitige Wohnung Mademoiselles bezeichnet hatte. Sie erschauerte leise, als sie sich in den langen Gängen wiederfand, die trotz ihrer vergoldeten Kassettendecken, ihrer blumenverzierten Täfelungen und kostbaren Wandteppiche düster wirkten. Blut- und grauenerfüllte Geschichte wurde bei jedem Schritt in diesem alten Königsschloß lebendig, in dem gleichwohl der Hof eines sehr jungen Königs ein wenig Fröhlichkeit zu wecken suchte.

Monsieur de Préfontaines, der sie bei Mademoiselle de Montpensier empfing, machte sich unbewußt zum Echo von Angéliques düsteren Gedanken.

Da Mademoiselle bei ihrem Maler in der Großen Galerie war, geleitete er die junge Frau dorthin.