Als ich eben hier eintrat, sagte ich mir: >Mein Gott, wie jung sie ist!< Eine angenehme Überraschung, ich gebe es zu, nach fünf Jahren der Trennung. War es vielleicht wegen der Tränen auf Euren Wangen? ...
War es diese alte Ratte Baumier, die Euch zum Weinen brachte, meine Liebe? Warum? Was habt Ihr wieder einmal angestellt, daß Ihr zwischen die schmutzigen Finger der Polizei geraten seid? ... Wann werdet Ihr es lernen, klug zu sein? ... Wollt Ihr mir nicht endlich antworten? Eure Augen sind gewiß beredt, wie sie es immer gewesen sind, aber das genügt mir nicht. Ich möchte den Klang Eurer Stimme hören.«
Er beugte sich vor, sehr ernst, unverwandt ihren Blick festhaltend. Sie blieb stumm, unfähig, ein Wort zu formulieren. Aus der Tiefe ihrer Verzweiflung erhob sich ein Ruf:
»Desgray, mein Freund Desgray, zu Hilfe!«
Aber kein Laut drang über ihre Lippen.
Desgray schwieg. Lange betrachtete er sie. Zug um Zug, Einzelheit nach Einzelheit, mußte er wieder Besitz von diesem Gesicht nehmen, von einer menschlichen Gestalt, die allzu oft seine Träume beunruhigt hatte.
Er war auf alles gefaßt gewesen: sie heruntergekommen, gealtert, arrogant, verbittert, haßvoll vorzufinden, aber nicht auf soviel ruhigen, gefaßten Schmerz, auf den stummen, herzzerreißenden Anruf ihrer grünen Augen, die ihm klarer und lichter als früher erschienen.
»Ich wußte dich schön«, dachte er, »aber du bist viel schöner! Durch welches Wunder?«
Ein echter Respekt für diese Frau bemächtigte sich seiner, die ein solches Kunststück zuwege gebracht hatte: sich ihre geistige Integrität zu erhalten trotz schrecklicher Jahre, Krieg, Niederlage, trotz einer Existenz, die nur die eines gejagten, ewig in Gefahr befindlichen Tieres gewesen sein konnte.
Wieder beugte er sich vor und wurde ernst.
»Madame, was kann ich tun, um Euch zu helfen?«
Angélique erbebte heftig, als habe man sie aus einem hypnotischen Schlaf geweckt.
»Mir helfen? Ihr wollt es auf Euch nehmen, mir zu helfen, Desgray?«
»Was habe ich anderes getan als Euch zu helfen, seitdem ich Euch kenne? Ja, selbst als ich Euch in Marseille zu verhaften suchte, geschah es nur, um Euch zu helfen. Was hätte ich nicht darum gegeben, verhindern zu können, daß Ihr Euch in jenes unglückselige Abenteuer einließt, daß Ihr so teuer habt bezahlen müssen!«
»Aber ... habt Ihr nicht Befehl, mich zu verhaften?«
»Sicher ... eher zweimal als einmal. Doch ich werde es nicht tun.«
Er schüttelte den Kopf.
»Weil es diesmal ... schrecklich für Euch würde. Ihr könntet nicht mehr entkommen. Ich wäre gezwungen, Euch mit gebundenen Füßen und Händen auszuliefern, mein Lämmchen. Und ich weiß nicht einmal, in welchem Maße Euer Leben dabei auf dem Spiel steht. Mit Eurer Freiheit wäre es in jedem Falle vorbei. Ihr würdet das Tageslicht nie mehr wiedersehen.«
»Ihr riskiert Eure Karriere, Desgray.«
»Es ist nicht eben geschickt von Euch, mich gerade in dem Augenblick, in dem ich Euch meine Unterstützung anbiete, daran zu erinnern. Ich kann es mir nicht vorstellen, daß man Euch für den Rest Eures Lebens einsperrt, Euch, die Ihr für die Weite geschaffen seid ... Apropos, ist es wahr, daß Ihr mit dreißig Protestanten zu Schiff fliehen wollt?«
Nachlässig durchblätterte er die Liste der Passagiere der Sainte-Marie. Sie sah die Namen tanzen: Manigault, Berne, Carrère, Mercelot ... Die Vornamen: Martial, Séverine, Laurier, Rebecca, Jérémie, Abigaël, Raphaël ... Sie zögerte eine letzte Sekunde.
Ein Polizist kennt hundert Arten, ein Geständnis hervorzulocken. Hatte die muntere Stimme Desgrays, hatten seine von zärtlichen Untertönen begleiteten spöttelnden Äußerungen etwas anderes zum Ziel gehabt, als ihr Mißtrauen einzuschläfern und sie im Guten zur Preisgabe ihres Geheimnisses zu überreden? Mit einem Wort konnte sie ihre Freunde ausliefern, die, die sie um jeden Preis hatte schützen wollen. Ihre Lippen zitterten. Sie setzte alles aufs Spieclass="underline"
»Ja, es ist wahr«, sagte sie.
Desgray ließ sich gegen die Lehne zurücksinken und stieß einen merkwürdigen, kleinen Seufzer aus.
»Gut«, sagte er. »Ihr habt nicht an mir gezweifelt. Wäret Ihr mir anders gekommen, hätte ich Euch vielleicht verhaftet. Es ist seltsam in unserem Metier. Mit dem Alter wird man zugleich härter und sentimentaler, grausamer und zärtlicher. Man verzichtet auf alles, abgesehen von einigen kleinen Dingen, die nicht mit Gold aufzuwiegen sind. Und je mehr Zeit verstreicht, desto kostbarer scheinen sie. Eure Freundschaft gehörte zu ihnen. Ich erlaube mir, meine Liebe, Euch diese im allgemeinen wenig zu meiner Art passenden Konfidenzen zu machen, weil ich weiß, daß ich Euch nie wiedersehen werde, wenn ich Euch diesmal freigebe.«
»Ihr werdet mich freigeben?«
»Ja. Aber das scheint mir nicht ausreichend, um Euch zu schützen, denn ihr befindet Euch wieder einmal in einer äußerst üblen Lage. Weshalb habt Ihr Euch nicht früher nach den Inseln eingeschifft? Es wäre die beste Lösung gewesen. Ich hätte Euch niemals wiedergesehen, was mich sehr erleichtert hätte. Jetzt hat mich die Begegnung mit Euch in größte Unruhe versetzt. Dieser Baumier ist Euch zuvorgekommen. Eure Komplizen werden unverzüglich verhaftet werden. Ihr Schiff steht bereits unter Bewachung. In diesem Punkt kann ich nichts für Euch tun ... Was für eine Idee überhaupt, Euch unter diese Ketzer zu mischen, während Ihr doch hundert gute Gründe habt, Euch so unauffällig wie nur möglich durchs Dasein zu schleichen. Man beschäftigt sich heutzutage allzu viel mit ihnen, als daß ihre Häuser Euch sicheren Schutz zu bieten vermöchten. Ganz abgesehen davon, daß sie wahrhaftig nicht reizvoll sind. Kaltblüter, die nicht einmal richtig lieben können ... Ihr enttäuscht mich.«
»Sagtet Ihr, daß man sie verhaften wird?« fragte Angélique, die nur das gehört hatte. »Wann?«
»Morgen früh.«
»Morgen früh«, wiederholte sie erbleichend.
Noch wußte keiner von ihnen davon.
Morgen früh würden schwarz gekleidete Männer, Polizeibüttel, in den von spanischem Flieder und Levkojen überblühten Hof eindringen, in dem die Kinder um die Palme tanzten. Sie würden diese Kinder an den Händen packen und für immer fortbringen. Sie würden Ketten um Maître Bernes Handgelenke legen. Sie würden die alte Rebecca und die ehrenwerte Tante Anna, die protestierend ihre Bibel und die mathematischen Bücher an ihren mageren Busen drücken würde, grob herumstoßen. Aber man würde ihr die Bücher entreißen und sie in den Rinnstein werfen .
Und überall in den Gassen des Viertels unter den Wallen würde man Frauen in weißen Hauben sehen, gebeugt unter hastig geknüpften Bündeln, mit Ketten gefesselte Männer, schwer bewaffnete Soldaten, gefolgt von zu Tode erschrockenen kleinen Kindern, die sie einem dunklen Schicksal entgegenführten.
»Desgray, Ihr sagtet, daß Ihr mir helfen wollt .«
»Und Ihr, Ihr würdet davon profitieren, um diese Leute zu warnen ... Nichts davon, mein Herzchen. Schluß mit den Dummheiten! Ich lasse Euch äußerstenfalls die Zeit, unter meiner Aufsicht Euren Putz zusammenzuraffen, und danach nehme ich Euch aus diesem gefährlichen Kreislauf heraus, in den Ihr Euch dummerweise habt hineinziehen lassen. Ihr vergeßt zu schnell, daß auch Ihr eine Galgenkandidatin seid und daß Euch auch die papistische Religionszugehörigkeit nicht davor bewahren würde, wenn jemand anders als ich Euch zum Objekt einer kleinen, gründlichen Untersuchung machte.«
»Hört mich an, Desgray.«
»Nein.«
»Vierundzwanzig Stunden ... Ich bitte Euch um vierundzwanzig Stunden Aufschub. Bewirkt durch Euren Einfluß, daß ihre Verhaftung bis übermorgen oder wenigstens morgen abend aufgeschoben wird.«
»Beim Satan, Ihr seid toll!« schrie Desgray, von Zorn übermannt.
»Ihr werdet immer anspruchsvoller. Ich habe schon alle Mühe, Euren Kopf zu retten, auf den ein Preis von fünfhundert Livres gesetzt ist, und das genügt Euch nicht einmal.«