Das Schiff erbebte, bereit zur Fahrt.
Indessen hatte die überladene, vom Gewicht ihrer menschlichen Fracht tief ins Wasser gedrückte Schaluppe das Schiff umrudert. Sie war nun vor jedem Angriff sicher, und die Übernahme ihrer Besatzung konnte ohne jede Störung vonstatten gehen, während die Gouldsboro langsam aus der Bucht zu gleiten begann.
Ein Matrose nahm Honorine auf den Arm, um mit ihr die Strickleiter hinaufzuklettern. Ertrug ein schwarzes Pflaster über einem Auge und rief Angélique das wenig einnehmende Gesicht Corianos, des zweiten Offiziers d’Escrainvilles, ins Gedächtnis zurück. Wie auch immer, hatte er offensichtlich Honorines Herz gewonnen, denn sie schmiegte sich ganz fest an ihn und sagte kein Wort, während er sie nach oben brachte.
Der Transport der Verwundeten erwies sich dafür als um so schwieriger und gefahrvoller.
Endlich befanden sich alle an Bord, und die Barke konnte hochgehißt und an der Reling festgezurrt werden. Alle diese Manöver wurden ohne Überstürzung und dennoch mit beispielloser Schnelligkeit durchgeführt.
Das sichere Deck unter ihren Füßen fühlend, hob Angélique die Augen.
Die Klippen, von deren Höhe ihnen die roten Dragoner mit den Fäusten drohten, wichen bereits zurück. Unwiderstehlich von der Brise vorwärtsgetrieben, verließ die Gouldsboro ihren Schlupfwinkel und glitt in die Meerenge zwischen den Inseln hinaus.
Zur Linken entfaltete La Rochelle seine Wasserfront. Über dem Meer in der Sonne funkelnd, schien es sehr nah mit seinen geschleiften, doch noch immer majestätischen Türmen: Saint-Nicolas, dem Kettenturm, dem Laternenturm. Das Schiff nahm Kurs in diese Richtung.
Der Rescator hatte als letzter den Fuß auf Deck gesetzt. Mit einem raschen Rundblick prüfte er die Lage. Nicolas Perrot, der neben ihm stand, nickte mit dem Kopf.
»Der Wind kommt von Norden! ... Schlecht für uns .«
»Teufel!«
Selbst Angélique konnte feststellen, daß der Wind sie auf die Stadt zutrieb. Auf der Brücke schrie sich Kapitän Jason die Lungen aus, um einige Segel zu hissen und andere reffen zu lassen, Maßnahmen, durch die er den Kurs verändern und sein Fahrzeug dem Kanal von La Pallice näherzubringen hoffte.
Ein Matrose trat auf den Rescator zu und reichte ihm das Fernrohr. Der Pirat hob die Hand zu seiner Maske, als ob er sie abnehmen wolle. Er besann sich jedoch eines anderen und sah sich kurz um.
»Die Verwundeten und Passagiere in den Schiffsraum! Nur die Mannschaft bleibt auf Deck!«
Er hob das Fernrohr, beobachtete einige Augenblicke Küste und See und die Bemühungen der Gouldsboro, sich trotz des Gegenwindes vom Land zu lösen.
»Nein, nicht Ihr«, fuhr er fort, ohne sich umzuwenden.
Ohne Zweifel hatte er die Bewegung gespürt, mit der Angélique sich anschickte, fügsam der Gruppe der Flüchtlinge zu folgen, die durch eine Luke ins Schiffsinnere hinabstieg.
Der Rescator ließ das Fernrohr sinken und wandte sich der jungen Frau zu. Er musterte sie.
Sie stand vor ihm, das Gesicht noch immer von der Erregung der letzten Stunde gezeichnet, ihre Tochter fest an sich drückend. Der Wind zauste Honorines Haar und verwandelte es in glühende Flammen.
»Eure Tochter«, sagte er mit seiner dumpfen Stimme. »Es ist wahr ... Sie ähnelt Euch. Welcher dieser Hugenotten, die wir soeben an Bord genommen haben, ist ihr Vater?«
War es der rechte Augenblick, solche Fragen zu stellen?
Angélique schien es, als ob die Stadt sich näherte. Es fehlte nicht viel, und man hätte die Neugierigen in den Fenstern und auf den Wällen bemerken können, die zusammenliefen, um das verzweifelte Manöver dieses unbekannten Schiffes zu beobachten.
»Sein Vater«, sagte sie, ihn wie einen Wahnwitzigen anstarrend. »Stellt Euch vor, es ist Gott Neptun selbst ... Ja, man hat es mir gesagt. Und nun achtet lieber darauf, wo wir uns befinden. Wir werden das Fort Louis in Schußweite passieren. Wenn die Garnison benachrichtigt worden ist, sind wir verloren.«
»Das könnte sehr gut möglich sein, meine Liebe.«
Der Gouldsboro war es nicht geglückt, das Kap zu umsegeln. Sie blieb weiterhin in Sicht La Rochelles und des mit Zinnen besetzten Forts, in dem man eine verdächtige Bewegung bemerken konnte.
»Ihr! ... Kommt mit mir!« befahl der Rescator barsch, indem er Angélique ein Zeichen gab, ihm zu folgen.
Mit großen Schritten überquerte er das Deck, erstieg die Treppe zur hinteren Schanze, danach die zur Deckskajüte.
»Geht in Deckung, Madame«, sagte Nicolas Perrot, der Mann mit der Pelzmütze, indem er Angélique zu den Räumen des Rescators unter der Deckskajüte wies.
Mit einem Lächeln fügte er hinzu:
»Unser Chef nimmt selbst das Ruder. Also werden wir entwischen.«
Dieses Vertrauen in die Geschicklichkeit desjenigen, der das Schiff führte, schien von der ganzen Mannschaft geteilt zu werden. Unter den Männern herrschte die größte Ruhe. Ein paar in die Toppen und Wanten gekletterten Burschen riefen einander sogar Scherzworte zu, den spöttischen Gleichmut dessen imitierend, der sie gelehrt hatte, allen Gefahren mit lächelnder Gefaßtheit entgegenzusehen.
»Aber das Fort Louis wird schießen«, stieß Angélique mit tonloser Stimme hervor.
»Das ist sogar sehr wahrscheinlich«, stimmte Perrot, der bei ihr blieb und offenbar mit ihrer Bewachung betraut war, in seinem merkwürdig akzentuierten Französisch zu.
Plötzlich dröhnte durch das Sprachrohr des Kapitäns Jason über ihren Köpfen eine Flut von Befehlen, die für die Leute in den Wanten bestimmt waren.
Im luftigen Gewirr der Taue, Rahen und Segel entwickelte sich alsbald eine fieberhafte Tätigkeit, und menschliche Silhouetten bewegten sich mit affenartiger Behendigkeit in schwindelerregender Höhe von einem Haltepunkt zum andern.
Im gleichen Augenblick, in dem die Rauchfahnen brennender Pfeile über dem Fort Louis aufstiegen, schwangen die Segel der Gouldsboro herum. Das Fahrzeug rührte sich kaum noch und schien angesichts des Forts und der auf sich gerichteten Kanonen unbeweglich verharren zu wollen.
»Werft den Anker!«
Unmittelbar darauf war das Rasseln der fallenden Kette und danach das Aufspritzen des Wassers zu vernehmen, das der Aufschlag des Ankers verursacht hatte.
Angélique warf ihrem Begleiter einen verständnislosen, beunruhigten Blick zu.
»Will der Rescator verhandeln?« fragte sie, von Panik ergriffen.
Er schüttelte den schweren Bärenschädel.
»Ist nicht seine Art«, brummte er. »Sieht eher so aus, als ob er meint, beim Pottfischfang in der Mündung des Saint-Laurent zu sein.«
Der Anker stieß auf Grund. Das Schiff lag still und drehte sich nur sacht in die Windrichtung.
Vom Land herüber drang das Donnern der auf Befehl zugleich abgefeuerten Kanonen des Forts. Doch im selben Moment schwang das Ziel unter dem Druck eines jähen Steuereinschlags geschmeidig um die Achse seines festsitzenden Ankers. Der Kugelschwarm pfiff dicht an ihm vorbei und wühlte die Stelle, an der die Gouldsboro noch drei Sekunden zuvor ihre Flanke dargeboten hatte, weißschäumend auf.
Wie ein geschickter Duellant war sie dem tödlichen Stoß ausgewichen.
Doch die Vernichtung war nur aufgeschoben. Bevor der Anker wieder heraufgeholt werden könnte, würde die zweite Salve ihr Ziel nicht verfehlen.
Kaum hatte Angélique diese Überlegung zu Ende geführt, als das Sprachrohr ertönte:
»Kappt den Anker!«
Wie durch Zauberei stand ein Amboß auf der vorderen Schanze bereit, und drei kraftvoll gerührte Hammerschläge genügten, um die Kette zu sprengen.