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Im Jahr darauf war es gewesen, während sie ihre Wunden zu verbinden begannen, daß der Minister Colbert die Salzsteuer wieder eingeführt hatte, die »für Topf und Salzfaß« und die »für Eingesalzenes und Vieh«, die Verpflichtung also für alle, das unentbehrliche Gewürz zu hohen Preisen im Staatsspeicher einzukaufen ...

Indem sie an diese Dinge erinnerte, berührte sie einen empfindlichen Punkt der ganzen französischen Bauernschaft. Angesichts der Lawine der bevorstehenden Katastrophe sahen die während des Winters unbeschäftigten Bauern in ihrem Aufruf zur Rebellion zuerst die Möglichkeit, für die nächsten Monate die Zahlung der Steuern zu verweigern. Wenn man sich im Aufruhr befand, konnte man die Gerichtsvollzieher in die Brunnen werfen oder mit Mistgabeln verjagen. Und welche Erleichterung verhieß es, das wenige, was man besaß, für sich behalten zu können.

Sie sagte ihnen:

»Die Herren, die unter euch wohnen, sind eure wahren Herren. Wenn ihr hungert, hungern auch sie. Wie oft haben sie nicht den Zehnten, das Kopfgeld, die Steuer für den gemeinen Mann und seine Felder für alle auf ihrem Besitz gezahlt? Sie taten es, um euch gegen allzu räuberische Hände zu verteidigen.«

»Das ist wahr ... das ist richtig«, murmelten die Bauern.

»Folgt ihnen. Sie werden euch Wohlstand und eine neue Gerechtigkeit bringen. Es ist endlich Zeit, eurem Elend ein Ende zu setzen.«

Sie führte auch Zahlen an: die Verschwendung, die sie bei Hof mitangesehen hatte, die Bestechlichkeit der Beamten, die Maßnahmen der großen Finanziers, deren Schiebungen den Staat zwangen, jedes Jahr mehr und mehr Geld an der Quelle, das hieß: vor den Spartöpfen der Bauern abzufangen.

Und das Poitou griff zu den Waffen.

Städte wie Parthenay, Monterray, La Roche, die noch zögerten, wurden entweder durch Gewalt, durch Siege der protestantischen Truppen oder durch Überredung zu Parteigängern der Rebellion gemacht. Es gab nicht wenige Bürger, die Anlaß zur Unzufriedenheit mit dem König hatten. Angélique verstand es, mit ihnen die Sprache der Taler und Geschäfte zu sprechen. Die Vorräte der Städte wurden in Hinsicht auf das zu erwartende Hungerjahr aufgeteilt. Indessen hatten diese Maßnahmen und die Plünderungen militärischer Transporte nicht genügt, dieses Volk zu retten, das sich dem Bann des Königreichs ausgesetzt hatte, wenn die Bevölkerung der atlantischen Küste ihren Brüdern aus den Wald- und Sumpfgebieten nicht zu Hilfe gekommen wäre.

Es war ein vorwiegend protestantisches Gebiet, und es war auch das Land des Salzes, Objekt eines hitzigen, fast hundertjährigen Zanks zwischen den Einwohnern und der Krone. Ein Salzschmuggler aus Les Sables, Ponce-le-Palud, zog seine Zunft auf die Seite der Aufständischen hinüber. Und von nun an gelangten Lebensmittel über unbewohnte Küsten und verborgene, schwer zu überwachende Flüßchen ins Poitou. Gold zahlte für alles. Ein Bürger aus Fontenay-le-Comte hatte seinen Mitbürger klar gemacht, daß Gold nichts nützte, wenn man Hungers starb.

Das Königreich beobachtete das Poitou. Der Winter zog eine ebenso undurchdringliche Schutzmauer um seine Grenzen wie die Rebellion. Man wartete darauf, daß Kälte und Nebel, Eis und Schnee wichen, um in diese Bastion eindringen und die Leichen zählen zu können. Aber die Leute des Poitou starben nicht.

Während all dieser frostigen Monate blieb Angélique selten lange an ein und demselben Ort. Ihre Wohnungen waren die Hütten der Bauern. Sie suchte jeden auf, der ihr nützlich schien, ließ sich ebenso am wappengeschmückten Kamin eines alten Schlosses wie vor dem Herd einer Pächterin oder im Hinterzimmer des Ladens eines in seinem Orte einflußreichen Kaufmanns nieder. Es mißfiel ihr nicht, mit den Menschen verschiedenster Klassen zu sprechen, und das Verständnis, auf das sie überall stieß, bestärkte sie in ihrer Überzeugung. Die Saat wartete nur darauf, hochschießen zu können. Man spürte, daß etwas geschehen würde.

Doch ihre wirkliche Behausung, der Ort ihrer Wahl, blieb der Hohlweg, in dem die Hufe ihres Pferdes und der ihrer Begleiter widerhallten.

Unter ihnen befand sich der Baron du Croissec. Bei ihm hatte sie gleich nach dem Drama Gastfreundschaft gesucht und gefunden. Seitdem begleitete sie der dik-ke Mann mit einigen seiner Diener auf allen Wegen.

Die Protestanten unter Angéliques Leuten hatten sich den Truppen de La Morinières angeschlossen. Die andern hatten unter der Führung des Pächters Martin Genêt eine Art Freikorps gebildet; jeder blieb bei sich zu Hause, war aber bereit, auf das leiseste Zeichen hin bewaffnet zum Treffpunkt zu eilen.

Ständig bei Angélique blieben nur die überlebenden Diener von Plessis: Alain, der Stallknecht, der Küchengehilfe Camille, der alte Antoine mit seiner Armbrust, der Pariser Gassenjunge Flipot, der nicht gewußt hatte, was er sonst in diesen Wäldern hätte anfangen sollen, und schließlich Malbrant Schwertstreich, brummend, aber glücklich, das harte Leben eines militärischen Feldzugs wiederzufinden. Der Abbé de Lesdiguière war ihr von Anfang an nicht von der Seite gewichen. Sobald er sie nicht mehr sah, machte er sich auf die Suche nach ihr. Er hatte Angst vor dem, was sich hinter diesem glatten, wie gefrorenen Gesicht und diesem starren Blick verbarg. Die Furcht, daß sie versuchen könnte, sich das Leben zu nehmen, verfolgte ihn.

Im abendlichen Quartier verfiel sie zuweilen in ein undurchdringliches Schweigen, in dem sie ihre Umgebung zu vergessen schien. Sie saß vor dem Feuer in einem großen Saal, dessen Wände Wappen und Wandteppiche schmückten. Es war das Dekor ihrer Kindheit. Draußen heulte der Wind, rüttelte an altersschwachen Läden, und Wetterfahnen kreischten auf den spitzen Dächern einiger Türmchen. Und oft fügte sich zum Prasseln des Holzes das regelmäßige, unaufhörliche Auf und Ab der Stiefel des Herzogs de La Morinière auf den Fliesen. Er war da, marschierte hin und her, und sein riesiger Schatten glitt über die Mauern und zuckte im Spiel der Flammen. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um ein Bündel Dornenzweige in den Kamin zu werfen. Diese Frau fror, er mußte sie erwärmen. Von neuem nahm er wie ein Tier im Käfig seinen Marsch auf. Sein Blick heftete sich auf das Profil der sitzenden, völlig abwesenden Angélique und auf die schmale Silhouette des Abbé de Lesdiguière, der sich auf einem Schemel im Hintergrund hielt und dessen Kopf zuweilen vor Müdigkeit auf die Brust sank. Er knurrte Worte ohnmächtiger Wut in seinen Bart. Es war nicht sosehr der kleine Abbé, dem er seiner Anwesenheit wegen grollte.

Das Hindernis, das sich zwischen ihm und dieser Frau erhob, die er mit immer wahnwitziger Leidenschaft begehrte, war von anderer Art und weit unbezwinglicherer Kraft als die Gegenwart eines zierlichen Pagen mit Mädchenaugen. Er hätte ihn mit einer Handbewegung beiseite wischen können, wenn da nicht etwas anderes gewesen wäre, gegen das weder sein unerbittlicher Wille noch die Leidenschaft seiner Liebe etwas vermochten.

Heute entglitt sie ihm für immer.

Als er von dem Überfall auf das Schloß Plessis erfuhr, war er in Eilmärschen dorthin zurückgekehrt. Mehrere Tage hatte er nach der verschwundenen Schloßherrin gesucht. Er hatte sie wiedergefunden. In den Zorn Samuel de La Morinières über die Verbrechen der Soldaten Montadours mischte sich ein Gefühl, das ihm bis dahin unbekannt geblieben war: Schmerz. Der Gedanke, daß man diese Frau entehrt hatte, brachte ihn zur Raserei. Während er die Umgebung nach ihr durchforscht hatte, war er mehrmals versucht gewesen, sich in sein Schwert zu stürzen, um der Qual zu entgehen, die seinen Körper und seine Seele marterte. Er hatte nicht einmal mehr den Namen des Herrn auszusprechen, noch zu ihm zu beten vermocht.