Er übergab ihr eine Börse. Häusliche Details schienen ihn wie die meisten Männer zu reizen. Trotzdem rief er sie zurück.
»Denkt daran, ich verlange genaue Abrechnung. Könnt Ihr schreiben und rechnen?«
»Ja, Monsieur«, erwiderte Angélique.
Als der Abend anbrach und nachdem sie den Hausgenossen unter dem verdutzten Blick Tante Annas eine mit Speck versetzte Kohlsuppe, geröstete, mit Gewürzen eingeriebene, in Butter getränkte Fische, einen Apfelkuchen und Salate vorgesetzt, nachdem sie die Kupferkessel der Küche wieder auf Hochglanz gebracht, die schönen Möbel in den Zimmern abgestaubt und dem kleinen Laurier durch das Märchen vom Aschenbrödel ein Lächeln entlockt hatte, fühlte die erschöpfte, aber innerlich zufriedene Angélique, daß sie einen neuen Vertrag mit dem Leben eingegangen war. Brennende Fragen wie die, ob sie sich wohl endgültig den Nachforschungen des Königs hatte entziehen können, waren in den Hintergrund gerückt, und es schien ihr viel wichtiger zu wissen, ob der kleine Junge in dieser Nacht friedlich schliefe.
Mehrmals schlich sie sich zum Speicher hinauf, um nach ihm zu sehen. Sie streichelte ihn, erzählte ihm Geschichten, zankte ein wenig mit ihm, aber jedesmal, wenn sie in der Hoffnung, ihn endlich eingeschlafen zu finden, auf Zehenspitzen zurückkam, saß er von neuem auf seinem Lager und beobachtete sein Abbild im Spiegel.
Beim viertenmal hielt sie nicht mehr an sich. Schon allzulange, seit Jahren vielleicht, konnte der Kleine nur während kurzer Erschöpfungsminuten geschlafen haben, immer wieder auffahrend, um auf das Rascheln der Ratten zu lauschen, die beunruhigenden Formen zu betrachten, die das Durcheinander im Speicher schuf, an die Dinge zu denken, die er nicht verstand, die düsteren Psalmen, die man ihn singen ließ, die Worte, die man bei seinem Anblick sagte: Dieses Kind hat seiner Mutter das Leben gekostet ...
Jede Nacht mußte zu einer endlosen Prüfung für ihn geworden sein, fern menschlicher Wärme und der vertrauten Umwelt, eine traurige, kalte Reise, deren Ende das durch die Luke fallende trübe Licht der Dämmerung anzeigte. Dann erst glitt er vielleicht in beruhigten Schlaf. Nicht für lange, denn Tante Anna weckte alle Welt spätestens um fünf.
Angélique öffnete einen Schrank, nahm ein paar Laken heraus und begab sich in ein kleines Zimmer, das sie entdeckt hatte. Niemand schien es zu bewohnen. Laurier würde dort vertrauensvoll schlafen, besänftigt durch die nahe Nachbarschaft der Küche, durch Onkel Lazare, dessen nächtlicher Husten ihn über die Gegenwart eines Menschen vergewissern würde, durch das Ticken der großen Standuhr im Treppenhaus. Außerdem würde ihm Angélique während der ersten Nächte ein Lämpchen lassen.
Sie machte mit geschwinden Griffen das Bett und schloß die Vorhänge halb, die aus schöner, durchwirktet Seide waren. Holländische Seide. Angélique vermochte den Wert all dessen, was es in diesem Hause gab, zu schätzen, mehr noch vielleicht als ihre Herrschaft, die diesen reichen Komfort zugleich zu suchen und zu verachten schien.
In der Küche nahm sie einen Bettwärmer von der Wand und füllte ihn rasch mit einigen glühenden Kohlen. Als sie zurückkehrte, bemerkte sie, daß eine zweite in den kleinen Raum führende Tür, die ihn mit dem Zimmer Maître Bernes verband, geöffnet worden war.
Der Hausherr stand auf der Schwelle, einen Finger zwischen den Seiten eines Gebetbuchs.
»Was treibt Ihr hier noch, Angélique? Mitternacht ist vorüber. Euer Dienst zwingt Euch nicht, bis zu so später Stunde aufzubleiben.«
Der höfliche Ton konnte eine gewisse Gereiztheit nicht verbergen. Wenn sich Maître Berne nach Erledigung seiner Abrechnungen in sein Zimmer zurückzog, um dort über den Heiligen Schriften zu grübeln, hatte er es gern, um sich herum die Stille des schlafenden, vom Hin und Her häuslicher Verrichtungen nicht in Unruhe versetzten Hauses zu wissen.
Angélique zog zu wiederholten Malen den Bettwärmer zwischen den frischen Laken hindurch.
»Verzeiht, Maître Gabriel. Ich werde mir Eure Mahnung merken und darauf achten, mich ihr zu fügen. Aber ich möchte dieses unbenutzte Bett für den kleinen Laurier herrichten, der im Speicher oben allzu schlecht untergebracht ist.«
Da sie ihm den Rücken kehrte, blieb ihr das zornige Aufleuchten in den grauen Augen des Kaufmanns verborgen, aber sie spürte es.
»Dieses Zimmer soll nicht benutzt werden. Es gehörte meiner verstorbenen Frau.«
Angélique wandte sich ihm zu. Trotz seiner Selbstbeherrschung war seine Erregung nicht zu übersehen.
»Ich verstehe«, sagte sie sanft. »Aber ich habe kein anderes Zimmer für ihn gefunden.«
Maître Gabriel schien nach der Lösung eines schwer zu fassenden Problems zu suchen.
»Für ihn? Wen?«
»Laurier.«
»Warum wollt Ihr ihn hier einquartieren?«
»Er schläft oben im Speicher. Er hat Angst so ganz allein und findet keine Ruhe. Ich dachte mir, daß er hier besser aufgehoben wäre.«
»Was für eine Idee! Er muß sich abhärten. Ihr wollt einen Schwächling aus ihm machen. Als ich ein Kind war, habe ich auch auf diesem Speicher geschlafen.«
»Und Ihr habt Euch nicht vor den Ratten gefürchtet?«
»Natürlich. Aber ich habe mich daran gewöhnt.«
»Nun, er gewöhnt sich nicht daran. Er schläft da oben wenig oder gar nicht. Das ist einer der Gründe, warum er so mager und kränklich aussieht.«
»Er hat sich niemals beklagt.«
»Kinder beklagen sich selten, vor allem, wenn sich niemand die Mühe nimmt, ihnen zuzuhören«, sagte Angélique trocken.
»Ein Junge muß hart werden. Ihr sprecht wie eine Frau.«
»Nein, wie eine Mutter«, antwortete sie, ihn ernst betrachtend.
Sein Blick verschleierte sich. Er stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Ich hatte mir geschworen, daß niemals jemand anders in diesem Bett ruhen würde, in dem sie ihren letzten Atemzug getan hat.«
»Die Beständigkeit Eures Gefühls macht Euch Ehre, Maître Gabriel. Aber glaubt Ihr nicht, daß sie sich für ihr Kind freuen würde?«
Der Kaufmann seufzte erneut.
»Ach, ich weiß es nicht«, sagte er. »Ihr bringt das ganze Haus durcheinander. Ich glaubte, daß der Kleine mit seinem älteren Bruder zusammen schliefe. Es ist ja wahr, daß der Speicher ... ich gebe zu, ich habe ihn in schlechter Erinnerung. Schön ... macht, was Ihr wollt.«
Angélique kannte den Weg zum Dachboden zu gut, um erst eine Kerze holen zu müssen. Drei Stufen auf einmal nehmend, lief sie hinauf.
»Ich nehme dich mit«, sagte sie zu Laurier, der noch immer wach wie ein kleiner Nachtkauz auf seinem Lager hockte.
»Wohin wollt Ihr mich bringen?«
»Dorthin, wo du dich wohl fühlen wirst. Ganz in die Nähe deines Vaters .«
Sie trug ihn vorsichtig hinunter. Entzückt betrachtete Laurier das behagliche Zimmer, die Gestalt seines Vaters und sog den vertrauten Geruch der unteren Stockwerke ein. Von seinem Bett aus konnte er auf der anderen Seite des Treppenabsatzes den Widerschein des Feuers aus der großen Küche sehen. Die Verblüffung machte ihn gesprächig.
»Hier soll ich schlafen? Jede Nacht?«
»Ja, dein Vater meint, du seist jetzt groß genug für ein großes Bett.«
»Oh, danke, Vater.«
Angélique entfernte sich, um das Nachtlämpchen vorzubereiten. Als sie mit der Schale aus rotem Glas zurückkam, war Laurier eingeschlafen. Sein mageres Gesichtchen ruhte auf dem Kopfkissen. Er schien in dem mächtigen Bett wie verloren, aber ein Ausdruck unschuldigen Behagens verwandelte seine Züge.
Maître Gabriel sah nachdenklich auf ihn hinunter. Angélique beugte sich über das Kind, um sanft seine bleiche Stirn zu streicheln.
»Kleiner Mann!« murmelte sie zärtlich.
Sie hob die Augen zu dem Kaufmann.
»Seid mir nicht böse. Ich konnte es nicht ertragen, ihn unglücklich zu wissen.«
»Macht Euch keine Sorgen, Dame Angélique. Es ist schon alles gut so.«