Nach kurzem Zögern fügte er hinzu:
»Das heißt: nein. Während ich heute abend über den Schriften saß, habe ich mir Vorwürfe gemacht, weil ich mich gegen Euch nicht gerecht verhalten habe. Ich hätte Euch einen Vorschuß auf Eure Löhnung geben müssen.«
»Ihr seid nicht dazu verpflichtet, Maître Gabriel. Ich weiß, daß sich eine Dienstmagd erst einen Monat bei ihrer neuen Herrschaft bewähren muß, bevor sie ihren Lohn erhält.«
»Aber Ihr seid ohne den geringsten Besitz zu mir gekommen. Und in der Bibel steht: >Du sollst den armen und bedürftigen Söldner nicht unterdrücken, ob er nun einer deiner Brüder oder ein Fremder ist, der in deinem Land, innerhalb deiner Tore bleibt.
Du wirst ihm den Lohn seiner Tagesarbeit vor dem Sinken der Sonne geben, denn er ist arm und bedarf seiner.< Ich habe deshalb beschlossen, Euch dies zu geben.«
Er reichte ihr eine Börse, die er aus einem der Schöße seines Rockes gezogen hatte.
»Allerdings ist es schon ein wenig nach Sonnenuntergang«, fügte er hinzu.
Ein leiser Humor milderte zuweilen den Ernst und die Feierlichkeit seines Benehmens. In einer anderen Konfession, einer anderen Stadt geboren, dachte Angélique, hätte er ein geistreicher Epikureer sein können wie etwa der Chevalier de Mère.
»Ich fühle mich in Eurem Hause nicht unterdrückt, Maître Gabriel«, sagte sie lächelnd. »Seid versichert, daß ich mich beim Ewigen nicht über Euch beschweren werde. Ich werde Eure Güte nie vergessen.«
Während sie sich entfernte, begann Angélique zu begreifen, warum sich zwischen ihr und dem Kaufmann sofort eine Art Vertrautheit, ein Einverständnis ergeben hatte, wie sie Menschen verbindet, die sich schon unter anderen Umständen begegnet sind. Jetzt war sie sicher, daß sie ihn irgendwo schon einmal getroffen hatte. Wo? Wann? Bei welcher Gelegenheit hatte er sich mit jenem ruhigen, hochherzigen Lächeln ihr zugeneigt, das manchmal sein kaltes, verschlossenes Gesicht erhellte?
Der Gedanke, daß Maître Gabriel ihr früher schon einmal begegnet sein müsse, plagte sie lange, bis sie ihn schließlich vergaß.
Des Abends, wenn Tante Anna und die Gäste sich nach dem Gebet zurückgezogen hatten, befand sich Maître Gabriel zuweilen noch in geselliger Stimmung. Er begab sich dann in sein Zimmer vor die Wand, an der seine Pfeifensammlung hing, und wählte eine lange holländische Pfeife, die er sorgsam mit Tabak stopfte. Drauf kehrte er in die Küche zurück, um sie an einem Stück glühender Kohle in Brand zu setzen.
Danach lehnte er sich an den Türrahmen und rauchte, während er mit halbgeschlossenen Augen durch den aufsteigenden Qualm über den vertrauten großen Raum blickte und das Hin und Her der Mägde, der Kinder und der beiden Hauskatzen verfolgte. An diesen Abenden wußten seine Kinder, daß er bester Laune war, und wagten es, ihm Fragen zu stellen und ihm von ihren Angelegenheiten zu erzählen. Seit einiger Zeit tat auch Laurier dabei mit. Er verwandelte sich, zeigte sich gewitzt und wehrte Martials Spöttereien ab.
Als er eines Abends auf Angéliques Knien saß und sie ihm sanft über das Haar strich, begegnete sie zwischen blauen Rauchspiralen dem nachdenklichen Blick des Kaufmanns. Sie kam dem Tadel, den sie kommen fühlte, zuvor.
»Ihr findet, daß ich ihn für einen Jungen zu sehr verwöhne? ... Seht doch, wieviel kräftiger er geworden ist! Die Wangen sind schon viel rosiger. Kinder brauchen Zärtlichkeit, um zu wachsen, Maître Gabriel, wie die Blumen Wasser brauchen.«
»Ich leugne es nicht, Dame Angélique. Ich erkenne an, daß Ihr dabei seid, aus diesem Zwerg, dessen Anblick - ich gebe es zu - mir peinlich war, durch Eure Pflege ein schönes Kind zu machen ... Ich habe durch Ungerechtigkeit, auch durch Unwissenheit gesündigt. Ich verstehe mich besser darauf, die Qualität eines guten Branntweins oder eines kanadischen Pelzes festzustellen, als herauszufinden, was einem Kind nutzen kann. Was mich verwundert, ist lediglich, warum Ihr Eurem eigenen Kind gegenüber so wenig von dieser Zärtlichkeit Gebrauch macht ... Ihr sorgt für sein Wohl, gewiß, aber ich habe nie gesehen, daß Ihr es geküßt, ihm zugelächelt oder daß Ihr es auch nur an Euch gedrückt hättet.«
»Ich? ... Ich sollte das niemals getan haben?« rief Angélique, während sie bis zu den Haarwurzeln errötete.
Und sie betrachtete betroffen Honorine, die vor ihrem Teller Milchbrei saß.
Man hatte sie allein am Tisch zurückgelassen, weil sie sich nicht beeilte. Seit einiger Zeit brauchte sie Stunden zum Essen, den Löffel in der kleinen Faust, den Blick ins Leere gerichtet. Angélique hatte den Verlust ihres kräftigen Appetits dem Eingeschlossensein in den vier Wänden des Hauses zugeschrieben; das Kind war es bisher gewohnt gewesen, im Freien zu leben. Konnte es sein, daß Honorine unter der Vernachlässigung durch ihre eigene Mutter litt? Was für Vergleiche stellte sie hinter ihren kleinen wachen und glänzenden Augen an? Zuweilen hatte sie Zornausbrüche, die Angélique reizten. Diesen winzigen Willen zu entdecken und seine Hartnäckigkeit zu spüren, erstaunte und entrüstete sie. Sie verlor die Geduld. »Geh weg!« rief Honorine ihr zürnend zu. Angélique brachte sie dann zu Bett oder vertraute sie Rebecca an, für die die Kleine eine Schwäche hatte. Angélique hatte sich über Laurier geneigt. In ihm fand sie ihre kleinen Jungen, ihre wahren Kinder wieder. Honorine war noch nicht wirklich ihr Kind.
»Maître Gabriel hat recht«, sagte sie sich. »Meine Tochter . ich habe sie in mein Leben aufgenommen, aber noch nicht in meine Liebe . Er kann es nicht wissen! . Es wäre unmöglich für mich. Wenn er wüßte, würde er verstehen .«
»Ihr habt Euch meinem Sohn angeschlossen«, sagte Maître Gabriel mit der Andeutung eines Lächelns, »und ich habe mich Eurer Tochter angeschlossen. Ich werde niemals das kleine, verlassene Ding vergessen, das am Fuße des Baumes schlief und mir die Hände entgegenstreckte und seine ganze, traurige Geschichte vorplapperte, als ich es weckte.«
Angéliques Züge erstarrten. Ihr Ausdruck war so fassungslos, daß Maître Gabriel sich verwünschte, überhaupt davon gesprochen zu haben. Mit der Schamhaftigkeit der Männer, die Gefühlsäußerungen in Verlegenheit bringen, räusperte er sich, schien sich plötzlich einer dringlichen Angelegenheit zu erinnern und ging davon. Laurier folgte ihm. Maître Gabriel hatte ihm erlaubt, jeden Abend noch ein wenig zwischen den Waren des Magazins herumzustrolchen.
Angélique blieb mit Honorine allein. Sie durchlebte einen seltsamen Augenblick von höchster Bedeutung, und die Angst erstickte sie, als ob das, was sie nun tun oder nicht tun würde, über ihr künftiges Leben entschiede. Es war merkwürdig, daß die Ursache ihrer Bedrängnis dieses »kleine Ding« war, wie Maître Gabriel gesagt hatte, das mit einem Ausdruck hochmütiger Träumerei vor ihr saß. Sie glaubte, ihre Schwester Hortense vor sich zu sehen. Obwohl häßlich und boshaft, hatte sie sich immer die Haltung einer Prinzessin gegeben. Kerzengrade aufgerichtet auf ihrem hohen Stühlchen, ganz und gar nicht geneigt, sich zu beklagen, ließ Honorine das entschwundene Bild wieder vor ihr erstehen. Dieselbe Haltung des Halses, dieselbe stolze Art, ihren Kopf zu tragen. Selbst als Kind war Hortense mager gewesen. Honorine dagegen war rund, kräftig gebaut, gut in Schuß. Aber in ihren Bewegungen, im Blick der gleichen schwarzen, weit auseinanderstehenden, forschenden Augen war die Verwandtschaft deutlich zu erkennen. Statt unangenehm betroffen darüber zu sein, fühlte sie sich erleichtert. Sie streckte die Arme nach Honorine aus.
»Komm!«
Aus ihren Träumen erwacht, betrachtete Honorine sie mit nachdenklicher Miene, dann verzog ein Lächeln ihren Mund.
»Nein«, sagte sie, während sie von ihrem Stuhl glitt und sich unter dem Tisch versteckte.
»Komm. So komm doch!«
»Nein!«
Angélique mußte sie holen, mußte sie aus ihrem Versteck hervorziehen.
»Du bist schwer wie Blei.«
Mit fast schmerzlicher Intensität sah sie ihrer Tochter ins Gesicht.