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»Schade! Schade!« murmelte Rochat. »Im Orient würde man so glänzende, aus dem Rahmen fallende Qualitäten wie die Euren nicht ungenützt verkommen lassen .«

Plötzlich beugte er sich vor.

»Wißt Ihr, daß er das Mittelmeer verlassen hat?«

»Wer?«

»Fragt man: Wer?, wenn man sich wie Ihr dort unten herumgetrieben hat? Der Rescator, natürlich!«

Und da sie ihn, ohne zu reagieren, nur anstarrte, fuhr er gereizt fort:

»Der Rescator! Jener maskierte Pirat, der Euch für fünfunddreißigtausend Piaster im Batistan von Kandia kaufte und dem Ihr den übelsten Streich gespielt habt, von dem man jemals in der Geschichte der Sklaverei hörte ... Man möchte meinen, daß Ihr völlig vergessen habt, was Euch geschehen ist!«

Ihr Gesicht bekam wieder Farbe. Es war absurd, sich um eines Namens willen so zu erregen.

»Das Mittelmeer verlassen?« fragte sie. »War er nicht allmächtig dort? Weiß man wenigstens, warum?«

»Man erzählt sich, Euretwegen.«

»Meinetwegen!?«

Sie geriet von neuem in Verwirrung, und ihr Herz schlug unregelmäßig.

»Glaubte er, meine Flucht habe ihn in solchem Maße lächerlich gemacht, daß er sich den Spöttereien seiner Piratenkumpane nicht aussetzen wollte?«

»Nein, das ist es nicht . Obwohl seine marokkanischen Wachen, als er von Eurem Ausbruch erfuhr, einen verdammt schlechten Augenblick durchgemacht haben. Um ein Haar hätte er alle gehängt. Aber das liegt nun mal nicht in seiner Art. Schließlich hat er sich damit zufriedengegeben, sie als unfähige Schurken Moulay Ismaël zurückzuschicken. Ich möchte wetten, daß die armen Teufel es vorgezogen hätten, gehängt zu werden. Ah, Ihr könnt Euch rühmen, der Anlaß zu allerlei Tränen und Blut im Mittelmeer gewesen zu sein, Madame! Um dann in La Rochelle zu landen!«

»Aber warum meinetwegen?« beharrte Angélique.

»Das hat etwas mit Mezzo Morte, seinem schlimmsten Feind, zu tun. Erinnert Ihr Euch wenigstens Mezzo Mortes, des Admirals von Algier?«

»Es fiele mir schwer, ihn zu vergessen, da er mich ebenfalls gefangengehalten hat.«

»Nun, Mezzo Morte rühmte sich, mit Euch das Mittel in der Hand zu halten, mit dem er den Resca-tor für immer aus dem Mittelmeer vertreiben könne. Sobald er Euch in seinem Besitz hatte, schickte er einen Boten nach Kandia ... Aber zuvor muß ich Euch noch von etwas anderem erzählen. Gleich nach Eurer Flucht - zwei oder drei Tage später, glaube ich - ließ mich der Rescator kommen.«

»Euch?«

»Ja, mich. Bin ich etwa eine so jämmerliche Persönlichkeit, daß ich nicht mit den großen Piratenfürsten verkehren könnte? Ob es Euch gefallt oder nicht, ich bin Seiner Herrlichkeit schon früher begegnet ... Er war einer der angenehmsten Menschen, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun haben kann, aber ich muß gestehen, daß seine seelische Verfassung diesmal recht gut mit seinem düsteren Äußeren in Einklang stand. Schon die Maske ist für seinen Gesprächspartner einigermaßen unerfreulich, aber wenn Euch durch ihre beiden schmalen Lederschlitze durchdringende, wütende Blicke treffen, würdet Ihr es vorziehen, woanders zu sein. Er hatte sich in sein Palais auf Mylos zurückgezogen. Was für eine prächtige Behausung, angefüllt mit seltenen Kostbarkeiten! Seine Schebecke war durch den Brand allzu hart mitgenommen worden, als daß er hätte daran denken können, Euch zu verfolgen. Übrigens herrschte auch ein heftiger Sturm, wenn ich mich recht erinnere. Kein einziges Schiff konnte die Reede verlassen ... Der Rescator hatte erfahren, daß ich Euch kannte. Er hat mich lange nach Euch ausgefragt .«

»Nach mir?«

»Kein Wunder! Schließlich ist es nicht zum Lachen, wenn einem eine Sklavin entwischt, für die man fünfunddreißigtausend Piaster geblecht hat. Ich sagte ihm, was ich über Euch wußte. Daß Ihr eine große französische Dame seid und bei König Ludwig XIV, in Gunst steht, dazu unwahrscheinlich reich und Inhaberin des Amtes eines Konsuls von Kandia. Und daß ich Euch in den Händen d’Escrainvilles, meines alten Kumpans aus der Schule der orientalischen Sprachen in Konstantinopel, entdeckte. Ich erzählte ihm sogar, wie ich mich bemühte, die Malteserritter dazu zu bringen, Euch zu kaufen . Ihr seid Zeugin, Madame, daß ich mein Bestes getan habe. Übrigens habe ich wirklich die fünfhundert Livres erhalten, die Ihr mir von Malta aus habt schicken lassen. Auf diese Weise hat man in Kandia erfahren, daß Ihr nicht im Sturm umgekommen seid, wie man allgemein vermutete.«

Rochat genehmigte sich einen Schluck Wein.

»Hm! Ich nehme an, Ihr werdet mir heute nicht mehr allzu böse sein, wenn Ihr erfahrt, daß ich es für richtig hielt, Monseigneur Le Rescator über diesen Punkt ins Bild zu setzen . Schließlich hatte ich ihm gegenüber trotz allem Verpflichtungen. Er ist überaus großzügig, da ihn das Geld nichts kostet. Und überdies war er immerhin Euer Herr, und es ist durchaus normal, daß man einem Besitzer beisteht, seinen Besitz wiederzuerlangen . Warum lächelt Ihr? . Weil Ihr mich orientalischer als die Orientalen findet? Nun ja, ich habe ihn also orientiert. Als er sich jedoch nach Malta einschiffen wollte, erschien der Bote Mezzo Mortes . Warum scheint Ihr plötzlich so niedergeschlagen?«

»Wenn Ihr den Ruf Mezzo Mortes kennt, müßte Euch klar sein, daß sein Name nicht eben angenehme Erinnerungen in mir weckt«, antwortete Angélique, die immer mehr aus der Fassung geriet, ohne es hindern zu können.

»Der Rescator brach also nach Algier auf. Was sich dort tat, erfuhren wir nicht. Wenn ich sage >wir<, spreche ich von allem, was sich dort unten handelnd und räubernd herumtreibt - vom ganzen Mittelmeer sozusagen. Allmählich sickerten jedoch Einzelheiten durch. Es hat den Anschein, als ob Mezzo Morte eine Art von Erpressung spielt: entweder den Rescator niemals erfahren lassen, was aus Euch geworden sei, ihm Euren Aufenthaltsort im Austausch gegen den Schwur verraten, für immer aus dem Mittelmeer zu verschwinden und ihn, den Admiral von Algier, allein über dieses Gewässer regieren zu lassen ... Viele sagten, es sei völlig unsinnig anzunehmen, daß der Rescator seine unermeßliche Macht, sein noch unermeßlicheres Vermögen, seine einzigartige Situation als Geldhändler für eine einfache Sklavin, und sei sie noch so schön, aufs Spiel setzen würde ... Aber man darf überzeugt sein, daß Mezzo Morte wußte, was er tat, denn der Rescator, der stolze, unbesiegbare Rescator, hat diese ungeheuerliche Demütigung auf sich genommen.«

»Er hat eingewilligt?« flüsterte Angélique atemlos.

»Ja!«

Die ein wenig kurzsichtigen Augen des einstigen Kolonialbeamten nahmen einen träumerischen Ausdruck an.

»Eine unverzeihliche Torheit . Kein Mensch ist daraus schlau geworden. Ihr müßt ihm mehr als Verlangen, Ihr müßt ihm Liebe eingeflößt haben. Kann man’s wissen?«

Angélique hatte mit stockendem Atem zugehört.

»Und dann?«

»Dann? . Was soll ich Euch sagen? Zweifellos hat Mezzo Morte ihm gesagt, daß er Euch an den Sultan von Marokko verkauft habe, und vermutlich erfuhr der Rescator, dieser habe Euch umgebracht . Andere erzählten auch, daß es Euch gelungen sei, ihm zu entkommen, daß Ihr aber unterwegs gestorben seid. Ich sehe nun, daß weder die eine noch die andere Version zutrifft, da Ihr Euch recht lebendig im Königreich Frankreich aufhaltet.«

In seinen Augen glitzerte es auf.

»Was für eine hübsche Geschichte kann ich erzählen, wenn ich erst in Kandia bin! Niemand hat mit einer solchen Pointe gerechnet. Eine Frau entflieht dem Harem Moulay Ismaëls . eine Gefangene, die wieder den Boden Frankreichs erreicht! Ich werde der einzige sein, der davon berichten kann . ich habe Euch gesehen!«

»Habt Ihr mir nicht versprochen, unsere Begegnung geheimzuhalten, Monsieur?«

»Allerdings«, murmelte Rochat enttäuscht.

Er verlor sich für einen Moment in mißmutige Überlegungen, während er sein Glas leerte. Er würde schon einen Weg finden, ohne La Rochelle zu nennen noch sonst irgendwelche Details anzugeben.