»Oh, Marilla!« Anne klatschte in die Hände. »Wie wunderbar! Du hast inzwischen auch gelernt, dir Dinge vorzustellen! Oder wie konntest du sonst erraten, dass ich mir das schon lange gewünscht habe? Das klingt so herrlich erwachsen: >seine Freundin zum Tee einladend< Mach dir keine Sorgen, das mit dem Abendessen werde ich schon schaffen. - Darf ich das Rosenknospenservice für uns aufdecken?«
»Nein, auf gar keinen Fall! Du weißt doch ganz genau, dass ich es selbst nie benutze - außer wenn der Pfarrer oder die Damen vom Hilfswerk zu Besuch kommen. Du nimmst unser braunes Alltagsgeschirr. Du darfst den kleinen gelben Topf mit dem Kirschkompott aufmachen, das muss sowieso gegessen werden. Und ihr könnt euch auch von dem Obstkuchen und den Keksen nehmen, in der Speisekammer, im zweiten Fach, steht noch eine Flasche Johannisbeersaft. Davon könnt ihr trinken, so viel ihr wollt.«
»Ach, ich kann mir schon vorstellen, wie ich am Kopfende des Tisches sitze und den Tee einschenke«, schwärmte Anne mit geschlossenen Augen. »Ich werde Diana fragen, ob sie ihren Tee mit Zucker nimmt. Natürlich weiß ich schon längst, dass sie keinen nimmt - ich werde nur so tun, als wüsste ich es nicht. Und dann werde ich sie nötigen, noch ein Stück von dem Obstkuchen zu essen und sich noch etwas von dem Kompott aufzufüllen. Darf ich Diana ins Gästezimmer führen, damit sie dort ihren Hut ablegen kann, wenn sie kommt? Und dann mit ihr im Salon sitzen?«
»Nein. Das Wohnzimmer ist gut genug für dich und deinen Gast.
Matthew wird heute ebenfalls später nach Hause kommen, er fährt die Kartoffeln zum Frachtschiff.«
Schnell wie der Wind sauste Anne zu Diana hinüber, um ihr die Einladung zum Tee zu überbringen. Diana war begeistert, in ihrem zweitbesten Kleid kam sie kurz nach Marillas Abfahrt am frühen Nachmittag auf Green Gables an. Wenn sie Anne besuchte, rannte sie normalerweise ohne anzuklopfen gleich in die Küche, doch diesmal klopfte sie höflich an der Vordertür. Anne, ebenfalls in ihrem zweitbesten Kleid, öffnete die Tür und die beiden Mädchen schüttelten sich so förmlich die Hände, als hätten sie sich noch nie zuvor gesehen. Die feierliche Stimmung dauerte auch noch an, als Diana im Gästezimmer ihren Hut abgelegt und im Wohnzimmer Platz genommen hatte. Mit artig übereinander geschlagenen Beinen saßen sich die beiden Freundinnen gegenüber.
»Wie geht es deiner Mutter?«, erkundigte sich Anne, als hätte sie Mrs Barry nicht am Morgen des gleichen Tages in ihrem Obstgarten bei bester Laune und Gesundheit Äpfel pflücken sehen.
»Danke, sie ist wohlauf. Mr Cuthbert bringt heute Nachmittag die Kartoffeln zum Hafen, nehme ich an?«, fragte Diana, die am Morgen auf Matthews Wagen mit zu Mr Harmon Andrews gefahren war.
»Ja, wir haben eine recht gute Kartoffelernte dieses Jahr. Ich hoffe, euch geht es ebenso?«
»Ja, recht gut, danke. Habt ihr auch schon Äpfel gepflückt?«
»Und ob!«, rief Anne. Bei dem Gedanken an die vielen reifen Früchte war auf einmal alle Würde und Steifheit vergessen. »Lass uns in die Plantage gehen und uns ein paar rote Süßlinge holen, Diana. Marilla hat gesagt, wir könnten alle haben, die noch auf dem Baum sind. Marilla ist sehr großzügig. Sie hat uns auch Obstkuchen bereitgestellt. Nur zeugt es nicht gerade von guten Manieren, seinen Gästen anzukündigen, was sie später zu essen bekommen. Deshalb verrate ich dir auch nicht, was es zu trinken gibt. Aber es fängt mit J an und ist rot und süß.«
Der Obstgarten mit seinen schweren, fruchtbeladenen Ästen erwies sich als ein so angenehmer Aufenthaltsort, dass die beiden Mädchen fast den ganzen Nachmittag dort verbrachten. Als sie genug gespielt hatten, suchten sie sich ein sonniges Fleckchen und machten es sich im Gras gemütlich. Diana hatte Anne viel zu erzählen: Seit ihre Freundin nicht mehr zur Schule kam, musst sie nebenjosie Pye sitzen, wozu sie nicht die geringste Lust hatte. Josie ließ immer ihren Griffel über die Tafel quietschen - ein Geräusch, das Diana das Blut in den Adern gefrieren ließ. - Ruby Gillis war alle ihre Warzen losgeworden, nachdem die alte Mary Joe ihr einen Zauberstein geschenkt hatte: Man musste nur die Warzen bei Neumond mit dem Stein bestreichen und ihn dann anschließend über die linke Schulter nach hinten werfen, dann verschwanden die Warzen schon am nächsten Tag. - Mr Philipps hatte Sam Boulter verprügelt, weil er ihm im Unterricht »Widerworte« gegeben hatte, woraufhin Sams Vater in der Schule erschienen war und den Lehrer lautstark davor gewarnt hatte, noch einmal Hand an eines seiner Kinder zu legen. - Mattie Andrews hatte eine neue rote Haube und einen Umhang mit Troddeln bekommen -es war kaum auszuhalten, wie sie überall damit herumprahlte. - Lizzie Wright hatte sich mit Mamie Wilson verfeindet, weil Mamie Wilsons erwachsene Schwester Lizzie Wrights erwachsener Schwester den Verehrer ausgespannt hatte. Und alle vermissten sie Anne und wünschten sich, dass sie bald wieder zur Schule kommt, und Gilbert Blythe ...
Doch über Gilbert Blythe wollte Anne nichts hören. Schnell sprang sie auf und schlug vor, zurück ins Haus zu gehen und Johannisbeersaft zu trinken.
Anne schaute im zweiten Fach in der Speisekammer nach, fand aber die Flasche nicht. Nach einigem Suchen entdeckte sie sie dann endlich im obersten Fach, stellte sie auf ein Tablett und brachte sie mit einem Glas zum Wohnzimmertisch.
»Bitte schön, greif zu, Diana«, sagte sie höflich. »Ich glaube, ich trinke lieber nichts. Mein Bauch ist noch so voll von den vielen Äpfeln.«
Diana goss ihr Glas voll und bewunderte die tiefrote Farbe des Getränks. Dann nahm sie einen kleinen Schluck.
»Der Saft schmeckt köstlich, Anne«, sagte sie. »Ich wusste gar nicht, dass Johannisbeersaft so gut schmecken kann.«
»Es freut mich, dass es dir schmeckt. Nimm dir nur, so viel du willst. Ich schüre inzwischen das Feuer in der Küche. Es gibt so viele Verpflichtungen, man muss an alles denken, wenn man einen Haushalt fuhrt.«
Als Anne von der Küche zurückkam, hatte Diana gerade ihr zweites Glas geleert und erhob auch keine größeren Einwände gegen Annes Aufforderung, ruhig noch ein drittes Glas zu trinken. Der Johannisbeersaft schmeckte ihr offenbar ausgezeichnet.
»Der beste, den ich je getrunken habe«, sagte Diana. »Viel besser als der von Mrs Lynde, dabei bildet sie sich auf ihren Gott weiß was ein.«
»Das überrascht mich gar nicht, dass der Saft von Manila besser ist«, meinte Anne. »Marilla ist nämlich eine phantastische Köchin. Sie versucht gerade, mir das Kochen beizubringen, aber ich sage dir, Diana: Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Beim Kochen kann man seine Phantasie überhaupt nicht entfalten, man muss sich immer genau an die Regeln halten. Das letzte Mal, als ich einen Kuchen backen sollte, habe ich das Mehl vergessen. Ich habe mir gerade eine herzzerreißende Geschichte über uns beide ausgedacht, Diana. Ich habe mir vorgestellt, du hättest eine fürchterliche Krankheit: die Schwarzen Pocken. Alle hatten sie dich aus Angst vor Ansteckung verlassen - nur ich saß an deinem Bett und pflegte dich so lange, bis du wieder ganz gesund warst. Und dann habe ich die Schwarzen Pocken gekriegt und bin daran gestorben. Du hast eine Rose auf meinem Grab gepflanzt und sie mit deinen Tränen begossen. Dein ganzes Leben lang hast du immer an deine Jugendfreundin gedacht, die einst ihr Leben für dich geopfert hat . . . Oh, was für eine herrliche Geschichte, Diana! Während ich den Teig knetete, sind mir die Tränen nur so heruntergelaufen. Dabei habe ich dann das Mehl vergessen und der Kuchen wurde ein voller Misserfolg. Marilla war sehr böse auf mich. Ich kann ihr das nicht mal verübeln. Sie hat kein leichtes Leben mit mir. - Aber Diana, was ist denn mit dir los?«
Diana war kurz aufgestanden, hatte sich aber gleich wieder hingesetzt und hielt nun mit beiden Händen ihren Kopf. »Mir ist... mir ist übel«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Ich ... ich muss ... nach Hause.«