Anne machte einen Luftsprung. Ihre Augen glänzten. »Oh, Marilla, kann ich bitte gleich gehen . . . noch vor dem Geschirrspülen? Ich spüle, wenn ich zurückkomme, ja? Ich kann mich in einem so erhebenden Moment einfach nicht mit so etwas Unromantischem wie dreckigem Geschirr abgeben.«
»Ja, ja, geh nur«, antwortete Marilla lachend. Im Handumdrehen war Anne aus der Tür. »Anne!«, rief Marilla ihr entsetzt hinterher. »Komm sofort zurück und zieh dir etwas über, du holst dir ja sonst den Tod! Du kannst doch nicht ohne Hut und Mantel in den Schnee hinaus! Dass das nur keine Lungenentzündung gibt!«
Doch es war eine gesunde und fröhliche Anne, die wenige Stunden später durch die Abenddämmerung zurück nach Green Gables kam. »Vor dir steht ein vollkommen glücklicher Mensch, Marilla«, verkündete sie. »Ja, ich bin vollkommen glücklich - trotz meiner roten Haare. Mrs Barry hat mir einen Kuss gegeben. Sie hat geweint und gesagt, es täte ihr so Leid und sie wüsste nicht, wie sie das je wieder gutmachen könnte. Es war mir schrecklich peinlich, Marilla, aber ich antwortete, so höflich ich nur konnte: >Ich hege keinen Groll gegen Sie, Mrs Barry. Aber ich hoffe, dass Sie mir nun ein für allemal glauben, dass ich Diana nicht vergiften wollte. Und nun wollen wir den Schleier des Vergessens über diese Sache breiten.< Wie findest du das, Marilla? Ganz schön feierlich, oder? Und dann haben Diana und ich den ganzen Nachmittag miteinander gespielt. Diana hat mir ein neues Häkelmuster gezeigt, das sie von ihrer Tante in Carmody gelernt hat. Keiner außer uns beiden kennt es hier in Avonlea und wir haben einen feierlichen Eid geschworen, es auch niemandem zu verraten. Morgen wollen wir Mr Philipps fragen, ob wir in der Schule wieder zusammensitzen dürfen, Josie Pye kann sich ja dann neben Minnie Andrews setzen. - Und dann gab es Tee. Mrs Barry hat ihr bestes Porzellan aufgedeckt, Marilla - wie für einen richtigen Gast! Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele freudige Schauer mir das versetzt hat. In meinem ganzen Leben hat noch keiner für mich sein bestes Porzellan aufgedeckt! Es gab Früchtekuchen und Krapfen und zwei Sorten Kompott. Mrs Barry hat mich höflich gefragt, ob sie mir noch mehr Tee einschenken solle, und zu ihrem Mann hat sie gesagt: >Pa, willst du Anne nicht von den Keksen anbieten?< Es muss wunderbar sein, wenn man erwachsen ist, Marilla - es ist schön, wenn die Leute so nett zu einem sind. Beim Abschied hat Mrs Barry noch gemeint, ich sollte sooft zu ihnen herüberkommen, wie ich nur könnte. Diana stand am Fenster und hat mir so lange Küsse zugeworfen, bis ich bei der >Liebeslaube< war und ich sie nicht mehr sehen konnte. Ach, Manila, heute Abend werde ich beten - und ich werde mir zur Feier dieses Tages ein brandneues, extra schönes Gebet ausdenken.«
18 - Eine unvermutete Seelenverwandtschaft
»Marilla, kann ich kurz zu Diana gehen?«, fragte Anne, als sie an einem Abend im Februar atemlos die Treppe zum Ostgiebel heruntergelaufen kam.
»Ich sehe keinen Grund, warum du jetzt noch draußen im Dunkeln herumspazieren solltest«, lehnte Marilla entschieden ab. »Du bist doch vorhin erst mit Diana von der Schule gekommen und ihr habt über eine halbe Stunde lang unten am Zaun gestanden und aufeinander eingeschwätzt.«
»Aber sie will mich dringend sprechen«, beharrte Anne auf ihrer Bitte. »Sie hat mir etwas ganz Wichtiges zu sagen.«
»Und woher willst du das wissen?«
»Weil sie mir gerade das Zeichen gegeben hat. Wir haben Signale ausgemacht, von meinem zu ihrem Fenster. Wir stellen eine Kerze auf die Fensterbank und halten dann mehrere Male ein Stück Pappe vor die Kerze. Soundso viel mal hell und wieder dunkel heißt dann immer etwas. Das war meine Idee, Marilla.«
»Das glaube ich dir aufs Wort«, gab Marilla aus vollstem Fierzen zurück. »Und als Nächstes werdet ihr mir mit diesem Unfug noch die Gardinen anzünden.«
»Ach, wie sind ganz vorsichtig, Marilla. Und es ist interessant. Zweimal helldunkel heißt >Bist du da?<, dreimal heißt >ja< und viermal >nein<. Fünfmal helldunkel heißt »Komm so schnell wie möglich herüber, ich muss dir etwas ganz Wichtiges erzählen/ Und eben gerade hat Diana fünfmal die Kerze aufleuchten lassen. Ich sterbe, wenn ich nicht herausfinde, was es ist.«
»Nun, so weit wollen wir es nun doch nicht kommen lassen«, lenkte Marilla lachend ein. »Du kannst gehen. Aber in genau zehn Minuten bist du wieder zurück, verstanden?«
Anne hatte verstanden und war auf die Minute pünktlich wieder da, obwohl es sie gewaltige Anstrengungen gekostet haben musste, das aufregende Gespräch mit Diana auf zehn Minuten zu beschränken. »Oh, Marilla, stell dir das vor: Diana hat morgen Geburtstag! Ihre Mutter hat gesagt, sie darf mich einladen. Ich kann nach der Schule mit ihr nach Hause kommen und die ganze Nacht dort bleiben. Ihre Cousinen aus Newbridge kommen morgen Abend mit dem Pferdeschlitten nach Orchard Slope und holen Diana und mich zum Ball des Debattierclubs ab ... das heißt, wenn du mich mitfahren lässt. Ach, bitte, Marilla, ich darf doch mit, ja? Ich bin schon so aufgeregt!«
»Schlag dir das nur gleich aus dem Kopf, Anne. Du wirst nicht mitfahren. In deinem Bett bist du besser aufgehoben als auf irgendeinem Ball. Ich halte überhaupt nichts von solchen Veranstaltungen und erst recht nichts davon, kleine Mädchen an ihnen teilnehmen zu lassen.«
»Aber der Debattierclub ist der anständigste Verein der Welt, Marilla, da bin ich ganz sicher«, beteuerte Anne.
»Ich habe auch nicht das Gegenteil behauptet. Aber ich will nicht, dass du an irgendwelchen Bällen teilnimmst und die halbe Nacht außer Haus verbringst. Wir wollen gar nicht erst damit anfangen. Ich kann mich nur wundern, dass eine Frau wie Mrs Barry ihre Tochter mitfahren lässt.«
»Aber es ist ein ganz besonderes Ereignis«, warf Anne ein. Sie war den Tränen nahe. »Diana hat doch nur einmal im Jahr Geburtstag und Geburtstage sind keine gewöhnlichen Tage, Marilla. Prissy Andrews wird ein Gedicht aufsagen - ein Gedicht mit einer Moral drin, so weit ich weiß. Du siehst also, ich kann dort sogar noch etwas lernen. Der Chor wird vier Lieder singen - vier ganz feierliche Lieder, fast wie Kirchenlieder. Selbst der Pfarrer wird da sein und die Begrüßungsrede halten, das ist genauso gut wie eine Predigt. Bitte, lass mich doch mitfahren, Marilla!«
»Du hast doch gehört, was ich gesagt habe, nicht wahr? Zieh jetzt deine Stiefel aus und geh ins Bett. Es ist schon nach acht.«
»Da ist noch etwas anderes, Marilla«, sagte Anne mit der Verzweiflung eines Kartenspielers, der seinen allerletzten Trumpf ausspielt. »Mrs Barry hat gesagt, dass Diana und ich im Gästezimmer von Orchard Slope schlafen können. Stell dir das mal vor: Was für eine Ehre für deine kleine Anne - in einem Gästebett zu schlafen!«
»Du wirst leider auf diese Ehre verzichten müssen. Und jetzt ab ins Bett. Ich möchte kein Wort mehr davon hören.«
Als Anne mit tränenüberströmtem Gesicht die Küche verlassen hatte, öffnete Matthew, der während der ganzen Unterhaltung scheinbar in tiefem Schlummer auf dem Sofa gelegen hatte, plötzlich die Augen und sagte mit fester Stimme: »Marilla, ich finde, du solltest Anne mitfahren lassen.«
»Aber ich finde das nicht«, entgegnete Marilla. »Und wer erzieht dieses Kind, Matthew, du oder ich?«
»Nun ja, du natürlich«, gab Matthew zu.
»Dann misch dich gefälligst nicht ein.«
»Ich mische mich ja gar nicht ein. Es hat nichts mit Einmischen zu tun, wenn man seine eigene Meinung hat. Und meine Meinung ist, dass du Anne zu dem Ball fahren lassen solltest.«
»Na, du würdest die Kleine ja sogar zum Mond fliegen lassen, wenn sie wollte! - Ich habe nichts dagegen, dass sie eine Nacht drüben bei Diana bleibt. Aber mit diesem Ball, das gefällt mir ganz und gar nicht. Sie wird sich auf dem Schlitten eine dicke Erkältung holen und die Aufregung würde sie eine ganze Woche lang aus der Bahn werfen. Ich kenne Anne und weiß besser als du, was gut für sie ist, Matthew.«