»Ich finde, du solltest Anne gehen lassen«, wiederholte Matthew mit fester Stimme. Das Diskutieren war nicht seine Stärke, aber zäh an einer Meinung festhalten, das konnte er großartig. Marilla seufzte und hüllte sich in Schweigen.
Am nächsten morgen wandte sich Matthew auf dem Weg zur Scheune noch einmal an seine Schwester. »Ich meine, du solltest Anne fahren lassen, Marilla.«
Einen Moment lang zögerte Marilla noch, dann schickte sie sich in das Unausweichliche.
»Also gut, du kannst mitfahren«, sagte sie kurz darauf zu Anne, die gerade in der Küche Geschirr spülte.
Das tropfnasse Tuch noch in der Hand, drehte sich Anne um. »Oh, Marilla, sag das noch einmal.«
»Einmal ist genug, glaube ich. Du weißt ja, dass Matthew dahintersteckt. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Wenn du dir eine Lungenentzündung holst, kannst du dich bei Matthew bedanken. - Anne Shirley, du tropfst mir ja das ganze Abwaschwasser auf den Boden! So was von einem unvorsichtigen Mädchen!«
Anne hörte kaum zu, so glücklich war sie. Später in der Schule wurde ihr immer deutlicher bewusst, dass sie es mit Sicherheit nicht überlebt hätte, wenn sie nicht zum Ball hätte gehen dürfen. An jenem Tag gab es kein anderes Gesprächsthema in Avonlea. Alle Jungen und Mädchen über neun Jahre würden beim Ball dabei sein - außer Carrie Sloane, deren Vater Marillas Ansichten über Veranstaltungen dieser Art zu teilen schien. Die arme Carrie vergoss den ganzen Nachmittag über stille Tränen.
Vor der Abfahrt waren Anne und Diana lange damit beschäftigt, sich für den Abend schön zu machen. Diana frisierte Annes Stirnhaare im modischen Pompadourstil und Anne band Dianas Schleifen mit einem speziellen Kniff, den nur sie beherrschte. Dann probierte sie mindestens ein halbes Dutzend Arten aus, ihre Haare am Hinterkopf zu kämmen. Schließlich wurde sie auch damit fertig und wartete mit roten Backen und glänzenden Augen darauf, dass es nun endlich losgehen sollte.
Es hatte Anne einen kleinen Stich versetzt, ihre einfache, schwarze Wollmütze und ihren schlichten grauen Stoffmantel mit Dianas flotter Pelzmütze und der modischen kurzen Jacke zu vergleichen. Zum Glück fiel ihr jedoch noch rechtzeitig ein, dass sie eine blühende Phantasie besaß, die sie in solchen Fällen einsetzen konnte.
Endlich kamen Dianas Cousinen mit dem großen, schweren Pferdeschlitten, um die beiden Mädchen abzuholen. Anne genoss die Fahrt zum Ball in vollen Zügen. Wie herrlich der Schnee unter den Kufen des Schlittens knirschte! Die Sonne ging in den glühendsten Farben unter und die verschneiten weißen Hügel hoben sich malerisch von dem dunkelblauen Wasser des Golfs von St.Lorenz ab. In der Ferne hörte man Gelächter und das Glockengebimmel vieler anderer Schlitten. In Annes Ohren klangen diese Geräusche wie die Stimmen von Elfen und Feen.
»Oh, Diana«, seufzte Anne und drückte die Hand ihrer Freundin, »ist das alles Traum oder Wirklichkeit? Sehe ich wirklich genauso aus wie sonst? Ich fühle mich so anders - der Welt wunderbar entrückt.«
»Du siehst sehr hübsch aus«, sagte Diana, die gerade ein Kompliment von einer ihrer Cousinen bekommen hatte und die Freude darüber gern weitergeben wollte. »Du hast eine richtig gute Gesichtsfarbe.«
Das Programm des Abends löste zumindest bei einem Mädchen unter den Zuschauern eine ganze Reihe von »freudigen Schauern« aus. Als Prissy Andrews in einem neuen rosa Seidenkleid, mit einer Perlenkette um den schönen weißen Hals und echten Nelken im Haar -es ging das Gerücht um, dass der Schulmeister die Blumen eigens für sie aus der Stadt hatte kommen lassen - auf die Bühne stieg, zitterte Anne voller Anteilnahme. Auch bei den anderen Gedichten, Liedern und kurzen Sketchen, die hier vorgetragen wurden, war sie mit jeder Faser ihres Wesens dabei.
Nur eine einzige Darbietung hatte bei ihr scheinbar kein Interesse wecken können, nämlich der Gedichtvortrag eines gewissen Schülers namens Gilbert Blythe. Gelangweilt blätterte sie in ihrem Programm, bis Gilbert fertig war, und saß dann steif und regungslos auf ihrem Stuhl, während Diana begeistert klatschte, bis ihr die Hände weh taten.
Es war schon elf Uhr, als die beiden Freundinnen nach Hause kamen und sich darauf freuten, gemeinsam noch einmal alle wichtigen Ereignisse des Abends besprechen zu können. Auf Orchard Slope lag alles schon in tiefstem Schlummer, das ganze Haus war still und dunkel. Auf Zehenspitzen schlichen die Mädchen in den Salon, von dem aus man in das Gästezimmer gelangen konnte. Der Raum war angenehm warm, im Kamin glühte noch ein Feuer.
»Lass uns erst mal hier bleiben und uns ausziehen«, schlug Diana vor. »Es ist so schön warm hier.«
»War es nicht ein himmlischer Abend?«, seufzte Anne voller Inbrunst. »Es muss herrlich sein, auf eine Bühne zu steigen und vor so vielen Menschen etwas vorzutragen. Meinst du, wir werden auch einmal mitmachen können, Diana?«
»Ja, natürlich, irgendwann schon. Die älteren Schüler treten dort immer auf. Gilbert Blythe war schon mehrmals dabei und er ist nur zwei Jahre älter als ich. Oh, Anne, wie konntest du nur so tun, als würdest du ihm nicht zuhören? Er hat dich mehrmals direkt angeschaut.«
»Diana«, erwiderte Anne mit feierlicher Stimme, »du bist meine Busenfreundin, aber ich kann selbst dir nicht erlauben, seinen Namen in meiner Gegenwart auszusprechen. - Bist du so weit? Komm, wir laufen. Wer zuerst im Bett ist...«
Die beiden kleinen, weiß gekleideten Gestalten nahmen einen großen Anlauf, sausten quer durch den Salon ins Gästezimmer und landeten mit einem Juchzer auf dem großen Bett. Auf einmal fing etwas unter ihnen an, sich zu bewegen ... Ein Schrei war zu hören. Gleich darauf eine entgeisterte Stimme: »Himmel Herrgott noch mal!«
Anne und Diana wusste hinterher nicht mehr zu sagen, wie sie aus dem Bett und aus dem Zimmer gekommen waren. Jedenfalls fanden sie sich nach wenigen Sekunden zitternd auf der Treppe wieder. »Was... was war das?«, stammelte Anne. Ihre Zähne klapperten vor Kälte und Angst.
»Das war Tante Josephine«, kicherte Diana. »Ich habe zwar keine Ahnung, wie sie in dieses Bett gekommen ist, aber es war ganz bestimmt Tante Josephine. Sie wird fürchterlich böse auf uns sein.«
»Wer um alles in der Welt ist Tante Josephine?«
»Meine Großtante, die Schwester meines Großvaters. Sie lebt in Charlottetown. Sie ist schon uralt - mindestens siebzig - und fürchterlich etepetete. Bestimmt wird sie ein schreckliches Theater veranstalten. Na ja, jetzt müssen wir eben bei Minnie May schlafen - du hast keine Ahnung, wie die im Schlaf herumzappelt!«
Am Morgen erschien Miss Josephine Barry nicht zum Frühstück. Dianas Mutter lächelte die beiden Mädchen an.
»Habt ihr euch gut amüsiert gestern Abend? Ich wollte eigentlich aufbleiben, bis ihr kommt, um euch zu sagen, dass Tante Josephine überraschend zu Besuch gekommen ist und ihr das Gästezimmer nun doch nicht bekommen könnt. Aber ich war so müde, dass ich einfach eingeschlafen bin. Ich hoffe, ihr habt die Tante nicht gestört, Diana?«
Diana hüllte sich in Schweigen, Anne und sie wechselten verstohlene Blicke. Gleich nach dem Frühstück ging Anne nach Hause und blieb auf diese Weise von dem ersten Gewittersturm verschont, der bald über den Barry’schen Haushalt hereinbrach. Erst als sie am späten Nachmittag zu Mrs Lynde hinüberlief, um eine Besorgung für Marilla zu erledigen, erfuhr sie von der ganzen Bescherung.
»Wie ich höre, habt ihr, Diana und du, die arme, alte Miss Barry fast zu Tode erschreckt?«, fragte Mrs Lynde mit ernster Stimme, zwinkerte ihr dabei jedoch vergnügt zu. »Mrs Barry hat vor ein paar Minuten bei mir hereingeschaut und mir alles erzählt. Sie macht sich große Sorgen. Die alte Miss Barry hat sich schrecklich aufgeregt. Sie wollte eigentlich einen ganzen Monat hier bleiben, aber jetzt hat sie erklärt, sie bliebe keinen Tag länger als unbedingt erforderlich und würde morgen schon in die Stadt zurückkehren. Sie hatte versprochen, Dianas Klavierstunden zu bezahlen, aber für so einen ungezogenen Wildfang will sie nun keinen Pfennig mehr ausgeben. - Na, das muss heute Morgen jedenfalls ein fürchterliches Donnerwetter gegeben haben. Den Barrys war das äußerst unangenehm. Die alte Miss Barry ist nämlich reich und sie haben immer versucht, besonders gut mit ihr zu stehen. Das hat mir Mrs Barry natürlich nicht erzählt, aber ich besitze genug Menschenkenntnis, um es mir an den Fingern abzuzählen.«