»Ach, was bin ich nur für ein Unglücksrabe«, sagte Anne traurig. »Andauernd handele ich mir Ärger ein und ziehe meine besten Freunde mit in den Schlamassel. Können Sie mir nicht sagen, woran das liegt, Mrs Lynde?«
»Das kommt daher, dass du so hitzköpfig und impulsiv bist, mein Kind - jawohl! Sowie dir etwas einfällt, sagst oder tust du es, ohne auch nur einen Moment lang darüber nachzudenken.«
»Ja, aber das ist doch gerade das Schöne daran!«, erklärte Anne. »Irgendetwas geht einem durch den Kopf und man hat das Gefühl, wenn man es nicht sofort rauslässt, platzt man vor Aufregung. Wenn man erst einmal eine Weile darüber nachgedacht hat, ist es doch nur noch halb so aufregend. Ist es Ihnen denn noch nie so gegangen, Mrs Lynde?«
Mrs Lynde schüttelte weise den Kopf. »Du musst lernen, zuerst nachzudenken, Anne. >Wer's eilig hat, der gehe langsam< - besonders, wenn es sich um Betten in fremden Gästezimmern handelt.«
Mrs Lynde schmunzelte über ihren eigenen Scherz, doch Anne blieb weiterhin nachdenklich. Sie fand die Situation ganz und gar nicht witzig. Als sie sich von Mrs Lynde verabschiedet hatte, lenkte sie ihre Schritte Richtung Orchard Slope. An der Küchentür traf sie Diana. »Deine Tante Josephine ist sehr böse auf uns, nicht wahr?«, flüsterte Anne.
»Ja«, antwortete Diana, »sie hat getobt vor Zorn, Anne. Und wie sie mit mir geschimpft hat! Sie sagte, ich sei das ungezogenste Mädchen, das ihr je begegnet sei, und meine Eltern sollten sich für meine misslungene Erziehung schämen. Keinen Tag länger wolle sie in unserem Haus bleiben. Von mir aus kann sie ruhig gehen, aber Mutter und Vater macht es doch etwas aus.«
»Warum hast du ihr nicht gesagt, dass es alles meine Schuld war?«, wollte Anne wissen.
»Hast du das wirklich von mir erwartet?«, fragte Diana entrüstet. »Ich bin keine Lügnerin, Anne Shirley. Wir waren beide schuld.«
»Nun gut, dann werde ich es ihr eben selbst sagen«, sagte Anne bestimmt.
Diana starrte ihre Freundin ungläubig an. »Anne Shirley, tu das bloß nicht! Sie ... sie wird dich bei lebendigem Leib auffressen.«
»Mach mir nicht noch mehr Angst, als ich sowieso schon habe«, flehte Anne sie an. »Lieber würde ich in das Rohr einer geladenen Kanone kriechen als zu deiner Tante Josephine zu gehen. Aber ich muss es tun, Diana. Zum Glück habe ich inzwischen einige Erfahrungen darin, Geständnisse abzulegen und mich zu entschuldigen.«
»Also gut, sie ist im Wohnzimmer«, sagte Diana. »Ich an deiner Stelle würde aber nicht zu ihr hingehen. Ich glaube nicht, dass du bei ihr irgendetwas erreichen wirst.«
Trotz dieser wenig ermutigenden Worte wandte sich Anne tapfer der Höhle des Löwen zu - oder anders ausgedrückt: Sie ging mit großen Schritten zur Wohnzimmertür und klopfte mehrmals an. Ein scharfes »Herein!« war die Antwort.
Miss Josephine Barry saß in strenger Haltung am Kamin und strickte. Man sah ihr sofort an, dass sie immer noch zornig war, so düster funkelten ihre Augen hinter den goldgefassten Brillengläsern. Erstaunt drehte sie sich auf ihrem Stuhl um. Eigentlich hatte sie Diana erwartet. Doch stattdessen stand nun ein blasses kleines Mädchen vor ihr, in dessen glänzenden Augen eine Mischung aus Angst, Mut und Verzweiflung lag.
»Wer bist du denn?«, fragte Miss Josephine Barry ohne jede Begrüßung.
»Ich bin Anne von Green Gables«, antwortete das Mädchen mit zittriger Stimme. »Und ich bin gekommen, um ein Geständnis abzulegen.«
»Ein Geständnis?«
»Es war allein meine Idee, Miss Barry. Diana würde es nie einfallen, einfach in ein fremdes Bett zu springen. Dazu ist sie viel zu wohlerzogen. Miss Barry, Sie haben gar keinen Grund, auf meine Freundin böse zu sein.«
»So, es gibt also keinen Grund? Ich würde sagen, Diana war bei dem Sprung letzte Nacht maßgeblich beteiligt!«
»Aber wir haben doch nur Spaß gemacht«, fuhr Anne unbeirrt fort. »Ich glaube, Sie sollten uns verzeihen, Miss Barry - jetzt, wo wir uns bei Ihnen entschuldigt haben. Oder verzeihen Sie wenigstens Diana und lassen Sie sie die Klavierstunden nehmen. Ich weiß nämlich genau, wie einem zu Mute ist, wenn man sich auf etwas freut und es dann doch nicht bekommt. Wenn Sie unbedingt mit jemandem böse sein müssen, dann seien Sie mit mir böse. Ich bin seit frühester Kindheit daran gewöhnt, dass Leute mit mir böse sind, ich kann es besser ertragen als Diana.«
Ein Teil des Zorns war bereits aus den Augen der alten Dame gewichen. Dafür war ihr Interesse an diesem Rotschopf erwacht, der so flehentlich für die Freundin bat.
»Als ich ein kleines Mädchen war, haben wir uns solche Späße nicht erlaubt. Kannst du dir eigentlich vorstellen, was es für eine alte Frau bedeutet, nach einer langen, anstrengenden Reise von zwei hüpfenden Mädchen aus ihrem kostbaren Schlaf gerissen zu werden?«
»Ich weiß nicht, wie das ist, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen«, antwortete Anne eifrig. »Es muss ein unangenehmes Gefühl sein. Aber wenn Sie auch nur ein Fünkchen Phantasie besitzen, dann stellen Sie sich jetzt auch einmal vor, Sie wären an unserer Stelle gewesen: Wir wussten ja nicht, dass jemand in dem Bett lag, und wir sind zu Tode erschrocken, als Sie sich plötzlich unter uns bewegt haben! Außerdem konnten wir Ihretwegen nicht im Gästezimmer schlafen, obwohl man es uns versprochen hatte. Sie sind es wahrscheinlich schon gewohnt, in Gästezimmern zu übernachten. Aber stellen Sie sich einmal vor, Sie wären ein Waisenkind und hätten noch nie diese Ehre genossen.«
Inzwischen war auch der letzte Rest Zorn bei Miss Barry verraucht. Sie musste sogar laut lachen - was Diana, die ängstlich draußen in der Küche auf ihre Freundin wartete, einen großen Seufzer der Erleichterung entlockte.
»Ich fürchte, meine Phantasie ist ein bisschen eingerostet - es ist schon eine ganze Weile her, seitdem ich sie zuletzt benutzt habe«, sagte sie. »Doch ich muss zugeben, dein Anspruch auf Mitgefühl ist ebenso begründet wie der meine. Es kommt nur darauf an, von welcher Seite man die ganze Sache betrachtet. Setz dich doch und erzähl mir ein bisschen von dir.«
»Es tut mir Leid, das kann ich nicht«, sagte Anne bestimmt. »Ich würde es zwar sehr gerne tun, weil Sie eine interessante alte Dame und vielleicht sogar eine verwandte Seele sind, obgleich Sie auf den ersten Blick ganz und gar nicht so aussehen. Aber ich muss jetzt nach Hause, Miss Marilla Cuthbert wartet dort auf mich. Sie ist eine nette Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für meine Erziehung zu sorgen. Sie tut ihr Bestes, aber ich glaube, sie hat es manchmal nicht gerade leicht mit mir. Sie dürfen nicht schlecht über Marilla denken, weil ich in Ihr Bett gesprungen bin, Miss Barry. - Bevor ich gehe, möchte ich Sie aber noch bitten, Diana zu verzeihen und so lange in Avonlea zu bleiben, wie Sie es ursprünglich vorhatten.«
»Nun, das könnte ich vielleicht versprechen — wenn du mich ab und zu besuchen kommst und ein wenig mit mir plauderst«, antwortete Miss Barry.
Am Abend des gleichen Tages schenkte Miss Barry Diana einen silbernen Armreifen und eröffnete den erwachsenen Mitgliedern des Haushaltes, dass sie ihre Reisetasche wieder ausgepackt habe.
»Ich habe mich entschlossen hierzubleiben, um die kleine Anne besser kennen zu lernen«, sagte sie offen. »Sie macht mir Spaß und in meinem Alter ist das eine ziemliche Seltenheit.«
Als Marilla von der ganzen Sache erfuhr, sagte sie: »Ich habe ja gleich gewusst, dass dieser Ballabend nur wieder neue Schwierigkeiten mit sich bringen würde.« Allerdings war dieser Kommentar eher für Matthews Ohren bestimmt.