Miss Barry blieb einen ganzen Monat lang und noch länger. Sie war ein sehr viel angenehmerer Gast als sonst, denn Anne hielt sie bei guter Laune. Die beiden wurden feste Freunde.
Als Miss Barry wieder abreiste, sagte sie: »Denk dran, kleine Anne: Wenn du einmal in die Stadt kommst, musst du mich unbedingt besuchen. Du wirst als Ehrengast in meinem Gästezimmer schlafen.«
»Miss Barry war am Ende doch eine verwandte Seele«, vertraute Anne Marilla an. »Wer hätte das zuerst gedacht? Man merkt es zwar nicht immer so schnell wie damals bei Matthew und mir, aber nach einer Weile erkennt man es doch. Verwandte Seelen gibt es häufiger, als ich dachte. Ich bin gespannt, wie viele es noch auf der Welt gibt.«
19 - Anne erfindet ein ganz neues Aroma
»O je, ich glaube, das Leben besteht einzig und allein aus Abschieden«, sagte Anne zu Marilla, als sie Ende Juni mit tiefer Leidensmiene in die Küche trat, ihre Tafel und ihre Schulbücher auf den Küchentisch legte und ihre roten Augen mit einem bereits recht feuchten Taschentuch abwischte. »Nur gut, dass ich heute noch ein zweites Taschentuch mit in die Schule genommen habe. Ich hatte so eine Vorahnung, dass ich es brauchen könnte.«
»Ich wusste gar nicht, dass du Mr Philipps so gerne mochtest, dass du sogar zwei Taschentücher brauchst, wenn er die Schule verlässt«, gab Marilla leicht spöttisch zur Antwort.
»Ich glaube, ich habe gar nicht geweint, weil ich ihn besonders gerne mochte«, meinte Anne nachdenklich. »Ich habe nur geweint, weil alle anderen geweint haben. Ruby Gillis hat damit angefangen. Dabei hat sie bis jetzt immer behauptet, sie könnte Mr Philipps nicht ausstehen, aber sowie er mit seiner Abschiedsrede begann, da brach sie schon in Tränen aus. Dann fingen auch die anderen Mädchen zu heulen an, eins nach dem anderen. Ich habe versucht mich zusammenzureißen, Marilla. Ich habe an den Tag gedacht, an dem Mr Philipps mich zur Strafe neben Gil . . . neben einen Jungen gesetzt hat und dass er meinen Namen ohne e an die Tafel geschrieben hat. - Wie oft hat er gesagt, ich sei die größte Niete in Geometrie, die ihm jemals untergekommen wäre. Und dann hat er sich über meine Rechtschreibfehler lustig gemacht. Ich wollte auch an all die anderen Male denken, wo er gemein und hässlich zu mir war. Aber irgendwie hat es nicht funktioniert, ich musste genauso weinen wie die anderen auch. Oh, Marilla, es war herzzerreißend! Mr Philipps hat eine so wunderschöne Rede gehalten! Sie begann mit den Worten: >Unsere Abschiedsstunde hat geschlagene<. Er selbst hatte auch Tränen in den Augen, Marilla. Als ich das sah, bereute ich auf einmal all die vielen Male, die ich während des Unterrichts geträumt oder geschwätzt oder mich über ihn und Prissy lustig gemacht hatte, In dem Moment wäre ich am liebsten eine Musterschülerin gewesen — genau wie Minnie Andrews. Sie hat wenigstens ein reines Gewissen. Noch auf dem Heimweg haben wir alle geheult. Immer wenn die Gefahr bestand, dass wir wieder fröhlich wurden, wiederholte Carrie Sloane die Worte: >Unsere Abschiedsstunde hat geschlagene< und dann sind wir sooft wieder in Tränen ausgebrochen. Ich bin furchtbar traurig, Marilla. Aber mit zwei Monaten Schulferien vor sich kann man nicht wirklich verzweifeln, oder, Marilla?-Außerdem haben wir den neuen Pfarrer und seine Frau getroffen, als sie gerade vom Bahnhof kamen. Seine Frau sieht hübsch aus. Sie trug ein Kleid aus blauem Musselin mit herrlichen Puffärmeln und ihr Hut war mit Rosen besetzt. Mrs Lynde wird sie bei sich aufnehmen, solange das Pfarrhaus noch nicht fertig ist.«
Falls Marilla, als sie noch am gleichen Abend nach Lynde's Hollow hinüberging, noch einen anderen Grund für ihren Besuch hatte als die Absicht, Mrs Lynde einen Stickrahmen zurückzugeben, den sie im letzten Winter bei ihr ausgeborgt hatte, dann war das eine liebenswerte Neugierde, die sie mit den meisten anderen Einwohnern von Avonlea teilte. So mancher Gegenstand, den Mrs Lynde vor langer Zeit verborgt und vielleicht sogar schon abgeschrieben hatte, kehrte an jenem Abend zu seiner Besitzerin zurück. Ein neuer Pfarrer - und außerdem noch eine Pfarrersfrau -, das musste in einer kleinen Landgemeinde wie Avonlea natürlich Aufsehen erregen.
Der alte Mr Bentley - der Pfarrer, dem Anne schon bei ihrem ersten Gottesdienstbesuch einen großen Mangel an Phantasie bescheinigt hatte - hatte achtzehn Jahre in Avonlea verbracht. Er kam als Witwer, und das blieb er auch - trotz der zahlreichen Gerüchte, die ihm jedes Jahr eine neue Braut andichteten. Im vorigen Februar hatte er - sehr zum Bedauern seiner treuen Gemeindemitglieder, die aus Gewohnheit an ihrem alten Pfarrer hingen und ihm seine mangelnde Redekunst und einige andere Fehler gern verziehen - sein Amt niedergelegt.
Nach einer gewissen Übergangszeit war nun die Wahl auf Mr Allan als Nachfolger von Mr Bentley gefallen. Er und seine Frau hatten gerade erst geheiratet und sahen voller Schwung und Tatendrang ihrer neuen Aufgabe entgegen. Die Gemeinde von Avonlea nahm die beiden herzlich auf. Den alten wie den jungen Leuten gefiel die offene, fröhliche Art des jungen Mannes und seiner hübschen Frau. Auch Anne hatte Mrs Allan sofort ins Herz geschlossen. Sie hatte eine neue verwandte Seele entdeckt.
»Mrs Allan ist wunderbar«, verkündete sie eines Morgens. »Sie hat unsere Klasse in der Sonntagsschule übernommen. Bei ihr machen die Stunden richtig Spaß. Gleich als Erstes hat sie gesagt, dass sie es ungerecht findet, wenn nur der Lehrer Fragen stellen kann - genau das, was ich schon die ganze Zeit gedacht habe, Marilla! Sie meinte, wir könnten ihr so viele Fragen stellen, wie wir wollten. Ich habe gleich damit angefangen. Im Fragenstellen bin ich gut, Marilla.«
»Das glaube ich gerne«, sagte Marilla im Brustton der Überzeugung. »Außer mir hat nur noch Ruby Gillis eine Frage gestellt, und zwar wollte sie wissen, ob wir im Sommer wieder ein Picknick machen. Das hatte zwar nichts mit dem Stoff der Stunde zu tun - es ging um Daniel in der Löwengrube -, aber Mrs Allan lächelte und sagte, bestimmt würde es eins geben. Mrs Allan hat ein wunderschönes Lächeln ... sie bekommt dann himmlische Grübchen in den Wangen. Ich wünschte, ich hätte auch Grübchen, Marilla. Vielleicht könnte ich dann ebenfalls andere Menschen zum Guten lenken. Mrs Allan sagt, wir sollten immer versuchen, andere Menschen zum Guten zu lenken. Ach, sie kann so wunderbar über alles reden! Ich habe noch gar nicht gewusst, dass Religion so etwas Fröhliches sein kann, bisher war es immer ein schrecklich trauriges und trockenes Zeug.«
»Ich denke, wir sollten Mr und Mrs Allan bald einmal zum Tee einladen«, sagte Marilla nachdenklich. »Außer auf Green Gables sind sie schon fast überall gewesen. Mal überlegen . . . Nächsten Mittwoch ginge es zum Beispiel. Aber sag Matthew bloß nichts davon. Wenn er es vorher erfährt, erfindet er bestimmt irgendeine Ausrede, um sich rechtzeitig zu verdrücken. An Mr Bentley hatte er sich schon gewöhnt, aber es wird ihm schwer fallen, sich mit einem neuen Pfarrer anzufreunden- von einer neuen jungen Pfarrersfrau gar nicht erst zu reden.«
»Ich werde schweigen wie ein Grab«, versicherte Anne. »Marilla, darf ich bitte einen Kuchen für Mittwoch backen? Ich würde so gerne etwas für Mrs Allan tun und du weißt doch, dass ich inzwischen schon ganz gut backen kann.«
»Gut, du kannst eine Schichttorte machen«, versprach Marilla.
Am Montag und Dienstag wurden auf Green Gables große Vorbereitungen getroffen. Den Pfarrer und seine Frau einzuladen war ein wichtiges und ernstes Unterfangen und Marilla hatte nicht die Absicht, hinter irgendeiner anderen Hausfrau in Avonlea zurückzustehen. Anne war vor Freude ganz aufgeregt. Sie besprach die ganze Angelegenheit ausführlich mit Diana, als sie am Dienstagabend in der Abenddämmerung beim >Nymphenteich< saßen und mit Zweigen, die sie in Tannenharz getaucht hatten, kleine Regenbögen in das Wasser zauberten.