»Oh, nein, Mrs Allan, so etwas passiert immer nur mir«, erwiderte Anne verzweifelt. »Dabei sollte die Torte für Sie ganz besonders lecker werden.«
»Das weiß ich doch, Kind. Und ich versichere dir, ich weiß deine Fürsorglichkeit und Gastfreundschaft genauso zu schätzen, als ob der Kuchen bestens gelungen wäre. Und jetzt hör auf zu weinen. Komm mit mir herunter und zeig mir deinen Blumengarten. Miss Cuthbert hat mir erzählt, dass du ein eigenes Beet hast. Das möchte ich gern sehen, ich interessiere mich nämlich sehr für Blumen.«
Dieser Vorschlag war genau das Richtige, um Anne von ihrem Kummer abzulenken und zu trösten. Über die »Rheumatorte« fiel kein weiteres Wort mehr, und als die Gäste fort waren, stellte Anne fest, dass sie - trotz des schrecklichen Zwischenfalls - den Nachmittag sehr genossen hatte. Sie seufzte tief.
»Marilla, ist es nicht tröstlich, dass morgen wieder ein neuer Tag anfängt - ganz frisch und frei von Fehlern?«
»Naja«, antwortete Marilla, »bis jetzt hast du noch keinen möglichen Fehler ausgelassen, Anne.«
»Ja, ich weiß«, gab Anne traurig zu. »Aber ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich nie den gleichen Fehler zweimal mache?«
»Na, ich weiß nicht, ob das so ein großer Trost ist - solange du immer wieder neue machst.«
»Aber verstehst du denn nicht, Marilla? Es muss eine bestimmte Anzahl von Fehlern geben, die ein Mensch im Laufe seines Lebens einfach macht. Und wenn ich meine früh und gehäuft erledige, dann habe ich sie bestimmt auch bald alle hinter mir. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?«
20 - Anne verteidigt ihre Ehre
Die Ferienzeit verging wie im Fluge. Fast ein Monat war seit der Geschichte mit dem »Rheumakuchen« vergangen. Mrs Allan hatte Anne inzwischen ganz allein zu sich zum Tee eingeladen. Die beiden hatten sich miteinander angefreundet und das kleine Missgeschick war längst vergessen. Es war wohl langsam wieder an der Zeit, dass Anne in neue Schwierigkeiten geriet. Die letzten Wochen waren ohne Zwischenfälle verlaufen - von kleineren Missgeschicken wie einer versehentlich in den Wollkorb geschütteten Kanne Magermilch einmal abgesehen. Eine Woche nach Annes Einladung im Pfarrhaus gab Diana Barry eine Party.
»Im kleinsten Kreis«, versicherte Anne Marilla. »Nur für die Mädchen aus unserer Klasse.«
Es war ein lustiger Nachmittag und zunächst geschah auch weiter nichts Ungewöhnliches. Etwas erschöpft von ihren Spielen, ruhten sich die Mädchen nach dem Tee im Garten der Barrys aus. Sie waren genau in der richtigen Laune, um etwas Unseliges auszuhecken -und tatsächlich, sie kamen auf die Idee, »Mutproben« aufzustellen. Mutproben waren zu jener Zeit ein beliebter Zeitvertreib bei den Schulkindern von Avonlea. Eigentlich hatten die Jungen damit angefangen, aber die Mädchen ließen sich schon bald davon anstecken. Wenn man all die albernen Dinge aufzählen wollte, die in jenem Sommer in Avonlea unternommen wurden, um eine Mutprobe zu bestehen, so könnte man damit ein eigenes Buch füllen.
Zuerst bestimmte Carrie Sloane, dass Ruby Gillis in den alten Weidenbaum vor der Hautür klettern sollte - eine Aufgabe, die Ruby im Nu erledigte, obwohl sie große Angst vor den fetten grünen Raupen hatte, von denen es in der Weide nur so wimmelte, und außerdem vor ihrer Mutter, die sie fürchterlich ausschimpfen würde, wenn ihr mit ihrem neuen Musselinkleid etwas passierte.
Dann bestimmte Josie Pye, dass Jane Andrews auf ihrem linken Bein einmal um den Garten hüpfen sollte, ohne ein einziges Mal Pause zu machen oder ihren rechten Fuß auf den Boden zu stellen. Jane gab sich Mühe, musste aber an der dritten Ecke aufgeben und ihre Niederlage eingestehen.
Josie kostete ihren Triumph so weidlich aus, dass Anne sich für Josie eine besonders schwierige Aufgabe ausdachte: Sie sollte auf dem Lattenzaun balancieren, der den Garten von Orchard Slope im Osten begrenzte. Auf einem Zaun zu balancieren erforderte nämlich mehr Geschicklichkeit, als man meinen könnte. Aber wenn es Josie Pye auch an gewissen anderen Qualitäten mangelte, so war sie doch ein Naturtalent im Balancieren. Und so spazierte sie mit einer Unbekümmertheit über den Barry’schen Gartenzaun, die allen Anwesenden zeigen sollte, dass eine so lächerlich leichte Aufgabe eigentlich gar keine richtige Mutprobe war. Die.Mädchen zollten ihr - wenn auch widerwillig - große Bewunderung ob ihrer Heldentat. Sie konnten sich noch gut an ihre eigenen vergeblichen Versuche erinnern, auf einem Zaun zu balancieren. Siegesbewusst kam Josie zu den anderen Mädchen zurück und bedachte Anne mit einem stechenden Blick.
Anne warf ihre roten Zöpfe nach hinten. »Was ist denn schon dabei, ein paar Schrittchen auf einem lächerlichen Lattenzaun zu balancieren«, sagte sie schnippisch. »Ich kannte mal ein Mädchen in Marysville, das konnte auf dem Dachfirst spazieren gehen.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Josie gelangweilt. »Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf einem Dachfirst balancieren kann — und du schon gar nicht!«
»Wieso sollte ich das nicht können?«
»Gut, dann soll das deine Mutprobe sein«, verkündete Josie. »Ich bestimme, dass du dort über den Dachfirst von Mr Barrys Küche balancieren sollst.«
Anne wurde blass, aber sie sah keinen anderen Weg, ihre Ehre zu wahren. Also ging sie zum Haus und stieg mit Hilfe einer Leiter auf das Küchendach.
Die Mädchen unten im Gras hielten den Atem an. »Tu’s nicht, Anne!«, rief Diana laut. »Du wirst herunterfallen und dir das Genick brechen. Mach dir doch nichts aus Josie Pye. Es ist gemein, eine so gefährliche Mutprobe aufzustellen.«
»Ich muss es tun. Es geht um meine Ehre«, erwiderte Anne ernst. »Ich werde über den Dachfirst balancieren, Diana, oder ehrenhaft umkommen. Falls ich sterbe, sollst du meinen Perlenring bekommen.« Mit diesen Worte kletterte sie die Leiter bis zur obersten Sprosse empor, stieg auf den Dachfirst, richtete sich vorsichtig auf und begann, langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie versuchte gar nicht erst nach unten zu schauen und musste bald feststellen, dass das Balancieren auf Dachfirsten eine Sache war, bei dem einem selbst die blühendste Phantasie nichts mehr nützte. Doch immerhin - sie kam einige Schritte vorwärts, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm. Dann fing sie an zu schwanken, verlor das Gleichgewicht, stolperte, rutschte schließlich über das schräge Dach nach unten und stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Tiefe. Das alles geschah so schnell, dass ihre entsetzten Klassenkameradinnen erst jetzt einen Schreckensschrei von sich geben konnten.
Wäre Anne an der Seite des Daches hinuntergefallen, an der sie auch hinaufgeklettert war, wäre Diana mit ziemlicher Sicherheit rechtmäßige Erbin eines Perlenrings geworden. Doch zum Glück war sie zu der Seite gefallen, an der das Dach bis tief über die Veranda reichte, sodass der Sturz nicht ganz so gefährlich war.
Als Diana und die anderen Mädchen um das Haus gelaufen kamen, fanden sie Anne ganz bleich und schlaff am Boden liegend vor. »Anne, bist du tot?«, schrie Diana und warf sich schluchzend neben ihre Freundin auf die Knie. »Oh, Anne, liebe Anne, sag doch was! Sag, dass du lebst, Anne!«
Zur riesengroßen Erleichterung aller Mädchen - ganz besonders Josie Pyes, die sich, obwohl sie nicht gerade mit Phantasie gesegnet war, bereits in den schrecklichsten Farben ausgemalt hatte, wie es sein würde, ein Leben lang als das Mädchen zu gelten, das Anne Shirleys frühen, tragischen Tod herbeigeführt hatte - setzte sich Anne vorsichtig auf und sagte mit schwacher Stimme. »Nein, Diana, ich bin nicht tot. Aber ich glaube, ich habe mich verletzt.«
»Wo?«, schluchzte Carrie Sloane. »Wo denn, Anne?«
Doch bevor Anne antworten konnte, erschien Mrs Barry auf der Bildfläche. Anne versuchte auf die Beine zu kommen, sank jedoch mit einem lauten Schmerzensschrei wieder zurück auf den Boden.
»Was geht hier vor? Hast du dir weh getan?«, wollte Mrs Barry wissen.