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»Mein ... Fuß ...«, stammelte Anne. »Bitte, Diana, hol deinen Vater und frag ihn, ob er mich nach Hause bringen kann. Ich fürchte, ich kann keinen einzigen Schritt mehr tun. Und ich glaube auch nicht, dass ich den ganzen Weg auf einem Bein hüpfen kann, wenn Jane es nicht einmal ganz um den Garten herum geschafft hat.«

Marilla war gerade beim Äpfeipflücken im Obstgarten, als sie Mr Barry, seine Frau und eine ganze Prozession von Mädchen über die Holzbrücke kommen sah. Auf dem Arm trug Mr Barry die kleine Anne, deren Kopf schlaff gegen seine Schulter baumelte.

Dieser Moment war wie eine Offenbarung für Marilla. Der plötzliche stechende Schmerz in ihrer Brust zeigte ihr, wie viel Anne ihr mittlerweile bedeutete. Bisher hatte sie immer gesagt, dass sie Anne mochte oder sie sehr gern hatte. Aber als sie jetzt mit großen Schritten den Abhang zur Brücke hinunterlief, wusste sie, dass Anne ihr lieber geworden war als alles andere auf der Welt.

»Mr Barry, ist ihr etwas zugestoßen?«, rief sie aufgeregt. Ihr Gesicht war blasser, als man das bei der stets so beherrschten, vernünftigen Marilla seit Jahren gesehen hatte.

Anne hob mühsam den Kopf. »Keine Angst, Marilla, ich bin nur vom Dachfirst gefallen und habe mir den Fuß verstaucht. Aber ich hätte mir natürlich genauso das Genick brechen können. Lass es uns von dieser Seite betrachten.«

»Ich hätte wissen müssen, dass du wieder irgendeinen Unfug anstellst, wenn ich dich auf die Party gehen lasse«, sagte Marilla streng und doch spürbar erleichtert. »Bringen Sie sie herein, Mr Barry, und legen Sie sie auf das Sofa. Ach, du liebe Güte, das Kind ist in Ohnmacht gefallen!«

Von Schmerz und Aufregung überwältigt, hatte Anne das Bewusstsein verloren - ein alter Traum von ihr war in Erfüllung gegangen. Matthew, der eilig vom Feld herbeigelaufen kam, holte den Doktor, der nach kurzer Untersuchung feststellte, dass die Verletzung ernsthafter war, als man zunächst angenommen hatte: Annes Knöchel war gebrochen.

Als Marilla an jenem Abend in den Ostgiebel hinaufging, begrüßte Anne sie mit einem schwachen Lächeln.

»Tu ich dir nicht sehr Leid, Marilla?«

»Es war deine eigene Schuld«, antwortete Marilla, klappte die Fensterläden zu und zündete eine Lampe an.

»Das ist es ja, warum ich dir Leid tun sollte«, sagte Anne. »Gerade die Tatsache, dass es meine Schuld war, macht es mir so schwer. Wenn ich jemand anderem die Schuld geben könnte, wäre mir viel wohler. Aber was hättest denn du gemacht, wenn jemand dich herausgefordert hätte, auf dem Dachfirst zu balancieren?«

»Ich wäre auf dem festen, sicheren Erdboden geblieben und hätte die anderen balancieren lassen.«

Anne seufzte. »Du hast so viel Willenskraft, Marilla. Ich habe gar keine. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich Josie Pyes Gespött nicht ertragen könnte. Sie hätte mich mein ganzes Leben lang damit aufgezogen. Und ich glaube, ich bin schon genug bestraft worden, du brauchst mir nicht mehr böse zu sein. Es ist nämlich überhaupt nicht schön, in Ohnmacht zu fallen. Und der Doktor hat mir fürchterlich weh getan, als er meinen Knöchel geschient hat. Ich kann sechs oder sieben Wochen lang nicht laufen, ich werde also auch den Schulanfang verpassen - ausgerechnet jetzt, wo wir eine neue Lehrerin bekommen. Mrs Allan hat mir erzählt, sie hieße Miss Muriel Stacy. Ist das nicht ein wunderschöner Name? - Gil... ich meine, die anderen werden mir schon weit voraus sein, wenn ich wieder zur Schule gehen kann. Ach, ich werde vom Unglück verfolgt! Aber ich werde versuchen, alles tapfer zu ertragen, wenn du mir nur nicht böse bist, Manila.«

»Nein, nein, ich bin dir nicht böse«, beruhigte Marilla sie. »Du bist ein rechter Pechvogel, daran gibt es gar keinen Zweifel. Komm, ich habe dir etwas zu essen mitgebracht.«

»Zum Glück habe ich viel Phantasie«, bemerkte Anne nach einer Weile. »Die werde ich jetzt bestimmt gut gebrauchen können. Was machen bloß all die Leute, die keinen Funken Phantasie besitzen, wenn sie sich die Knochen brechen, Marilla?«

Anne hatte in den nun folgenden sieben langen Wochen allen Grund, für ihre Phantasie dankbar zu sein. Aber sie brauchte sich nicht gänzlich auf sie zu beschränken. Sie bekam viel Besuch und es verging kaum ein Tag, an dem nicht eine ihrer Mitschülerinnen vorbeischaute, ihr ein paar Blumen oder Bücher mitbrachte und ihr von den Neuigkeiten in der Schule erzählte.

»Alle sind so gut und lieb zu mir gewesen, Marilla«, seufzte Anne glücklich, als sie zum ersten Mal mit ihrer Hilfe durchs Zimmer humpeln konnte. »Es ist zwar nicht gerade angenehm, krank im Bett zu liegen, aber es hat auch seine guten Seiten: Man merkt auf einmal, wie viele Freunde man hat. Selbst Superintendent Bell hat mich besucht. Er ist wirklich ein ganz netter Mensch - keine verwandte Seele zwar, aber ich mag ihn trotzdem. Er hat mir erzählt, wie er sich als kleiner Junge auch einmal den Knöchel gebrochen hat. Allerdings bin ich da an eine Grenze meiner Phantasie gestoßen. Wenn ich mir Superintendent Bell als kleinen Jungen vorstelle, trägt er immer noch seinen grauen Schnurrbart und seine Brille. Sich Mrs Allan als kleines Mädchen vorzustellen ist da viel einfacher. Mrs Allan hat mich vierzehnmal besucht, war das nicht lieb von ihr, Marilla? Wo eine Pfarrersfrau doch so viele Pflichten hat! Sogar Josie Pye ist mich besuchen gekommen. Ich habe sie so höflich wie möglich empfangen. Ich glaube, es hat ihr ehrlich Leid getan, dass sie mir eine so gefährliche Mutprobe gestellt hatte. Wäre ich dabei umgekommen, hätte die Reue über diese Tat ihr ganzes Leben überschattet.

Diana war eine treue Freundin. Sie ist jeden Tag bei mir gewesen, um mir die Zeit zu vertreiben. Aber ich werde froh sein, wenn ich endlich wieder in die Schule gehen kann. Ich habe so aufregende Sachen von unserer neuen Lehrerin gehört. Die Mädchen schwärmen alle für sie und Diana sagt, sie hat wunderschönes blondes, lockiges Haar und ausdrucksvolle Augen. Sie trägt die besten Kleider und hat die größten Puffärmel von ganz Avonlea. Jeden Freitagnachmittag lässt sie Gedichte und kleine Theaterstücke vortragen. Ach, das muss himmlisch sein! Josie Pye meint, sie könnte es nicht ausstehen, aber das kommt bestimmt nur daher, weil sie so phantasielos ist. Diana, Ruby Gillis und Jane Andrews bereiten gerade ein Stück für nächsten Freitag vor. Miss Stacy ist auch schon mehrmals mit den Schülern nach draußen gegangen und hat mit ihnen die Gräser, Blumen und Vögel untersucht. Jeden Morgen und jeden Nachmittag gibt es Gymnastik. Mrs Lynde sagt, so etwas hätte sie noch nie gehört - das käme davon, wenn man eine Lehrerin einstellt. Aber ich stelle es mir wunderbar vor und ich wette, Miss Stacy ist eine verwandte Seele.«

»Eines ist jedenfalls klar, Anne«, sagte Marilla. »Die Zunge hast du dir nicht verstaucht, als du von Mr Barrys Dachfirst gefallen bist.«

21 - Große Vorbereitungen werden getroffen

Es war Oktober, als Anne endlich wieder in die Schule gehen konnte — und ein herrlicher Oktober dazu. Die Bäume leuchteten in kräftigen roten und goldenen Farben und der Tau ließ die Felder am Morgen wie unter einem silbrigen Tuch glänzen. Mit großem Genuss hörte Anne das welke Laub unter ihren Füßen knistern und rascheln, während sie unter dem gelben Baldachin dahinschritt, den die Zweige der Bäume über dem >Birkenpfad< bildeten. Wie schön war es doch den alten, gewohnten Schulweg wieder zu gehen, neben Diana in der kleinen, braunen Schulbank zu sitzen, Ruby Gillis auf der anderen Seite des Gangs zuzunicken und kleine Zettel von Carrie Sloane zugesteckt zu bekommen. Anne seufzte glücklich, als sie ihre Bleistifte spitzte und ihre Bücher unter die Schreibplatte verstaute. Das Leben war ohne Zweifel eine äußerst interessante Angelegenheit! In ihrer neuen Lehrerin fand Anne bald eine zuverlässige und hilfsbereite Freundin. Miss Stacy war eine heitere, sympathische junge Frau mit der glücklichen Gabe, die Zuneigung der ihr anvertrauten Schüler und Schülerinnen schnell zu gewinnen und das Beste aus ihren Schützlingen herauszuholen. Anne erblühte wie eine Blume unter diesem gesunden Einfluss und erstattete Matthew und Manila begeistert Bericht von ihren Fortschritten in der Schule.