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»Puffärmel, meinen Sie? Aber natürlich. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich werde es nach der neuesten Mode zuschneiden«, beruhigte ihn Mrs Lynde.

Als Matthew gegangen war, dachte sie: Es wird mir eine Freude sein, das arme Kind einmal in einem hübschen Kleid zu sehen. Manila mag ihre Gründe haben, sie immer nur in diese schrecklichen Dinger zu stecken, aber ich halte das für einen großen Fehler - jawohl! Das Kind muss doch den Unterschied zu den anderen Mädchen in seinem Alter spüren und das kann nicht gut sein. Dass Matthew das bemerkt hat...! Der Mann scheint ja langsam aufzuwachen!

In den letzten zwei Wochen vor Weihnachten ahnte Marilla natürlich, dass Matthew etwas im Schilde führte. Sie wusste aber nicht, was es war. Erst als Mrs Lynde am Heiligen Abend das neue Kleid vorbeibrachte, wurde sie in das Vorhaben eingeweiht.

»Das ist also der Grund, warum Matthew in den letzten zwei Wochen so geheimnisvoll tat«, sagte sie etwas steif, aber nicht unfreundlich. »Ich wusste, dass er irgendetwas Närrisches vorhatte. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass Anne ein neues Kleid braucht und so eins schon gar nicht. Allein in den Ärmeln steckt ja schon so viel Stoff, dass man daraus ein zweites machen könnte. Ihr werdet Annes Eitelkeit schmeicheln und sie ist jetzt schon eitel wie ein Pfau. Aber ich hoffe trotzdem, dass sie sich freut. Sie träumt schon seit langer Zeit von Puffärmeln, obgleich sie seit einer ganzen Weile nichts mehr darüber gesagt hat. - Wenn das mit der Mode so weitergeht, werden die Frauen bald nur noch seitwärts durch die Tür gehen können!«

Mit glänzenden Augen schaute Anne am Weihnachtsmorgen aus ihrem Fenster im Ostgiebel über die wie mit Puderzucker überzogenen Bäume und Felder: in der Nacht war der erste Schnee gefallen. Aufgeregt lief sie die Treppe hinunter und rief mit lauter Stimme: »Frohe Weihnachten, Marilla! Frohe Weihnachten, Matthew! Ist es nicht herrlich, dass wir weiße Weihnachten haben? Grüne Weihnachten mag ich nämlich überhaupt nicht. Meistens ist es dann gar nicht richtig grün, sondern nur grau und braun. Aber... Matthew! Ist das für mich? Oh, Matthew!«

Matthew hatte mit ungeschickten Fingern das neue Kleid aus dem Papier gewickelt und hielt es nun verlegen in die Höhe. Marilla machte sich an der Teekanne zu schaffen, beobachtete jedoch alles aus den Augenwinkeln.

Anne nahm das Kleid und betrachtete es mit ehrfürchtigem Schweigen. Was für ein wunderhübsches Kleid das war! Aus glänzender, weicher Gloriaseide gemacht, hatte es einen Rock mit üppigen Rüschen und ein Oberteil mit feinen Biesen, das nach der neuesten Mode mit einem kleinen Kragen aus kleiner Spitze abschloss. Aber die Krönung des Ganzen waren die Ärmel - die schönsten Puffärmel, die Anne je in ihrem Leben gesehen hatte!

»Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich«, sagte Matthew schüchtern. »Aber . . . aber Anne, gefällt es dir nicht? Was ist denn, Kind?« Annes Augen hatten sich plötzlich mit Tränen gefüllt.

»Ob es mir gefällt? Oh, Matthew!« Anne legte das Kleid über einen Stuhl und klatschte in die Hände. »Matthew, es ist wunder-, wunderschön. Ich weiß gar nicht, wie ich dir jemals danken soll. Schaut euch nur diese Ärmel an! Das muss alles ein schöner Traum sein.«

Nach dem Frühstück kam Diana nach Green Gables hinüber. Aufgeregt lief ihr Anne entgegen.

»Frohe Weihnachten, Diana! Ach, es ist ein überwältigendes Weihnachtsfest. Ich muss dir etwas Herrliches zeigen. Matthew hat mir das schönste Kleid der Welt geschenkt - mit solchen Puffärmeln. Ich könnte mir gar kein schöneres Kleid vorstellen.«

»Und ich habe auch etwas für dich«, sagte Diana. »Hier, schau mal -diese Schachtel. Tante Josephine hat uns ein riesengroßes Paket mit Geschenken geschickt und dies hier ist für dich.«

Anne öffnete die Schachtel und sah hinein. Neben einer Karte mit den Worten »Für die kleine Anne, frohe Weihnachten« lag ein Paar zierlicher weißer Sandaletten. Sie waren aus dem feinsten Satin gemacht und auf jeder Sandalette prangte eine glänzende Schnalle. »Oh, Diana!«, sagte Anne. »Sind die schön! Ich komme mir vor wie im Traum.«

»Die Schuhe kommen wie gerufen«, freute sich Diana. »Jetzt brauchst du nicht mehr Rubys Sandalen zu tragen. Sie wären dir sowieso zwei Nummern zu groß gewesen und es wäre nur peinlich geworden, wenn du als Fee durch den Saal geschlurft wärst. Josie Pye hätte ihre reinste Freude daran gehabt!«

Der Vortragsabend stand vor der Tür und die Schulkinder von Avonlea befanden sich vor Aufregung in einem wahren Taumel. Der Saal musste noch vor der Generalprobe am Nachmittag geschmückt werden.

Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg. Alle Vorführenden gaben ihr Bestes, doch Anne war der besondere Star des Abends, wie selbst Neider wie Josie Pye ehrlich eingestehen mussten.

»War das nicht ein wunderbarer Abend?«, fragte Anne, als alles vorbei war und sie mit Diana Hand in Hand unter dem sternenklaren Nachthimmel nach Hause ging.

»Alles hat prima geklappt«, stimmte Diana ihr zu. »Ich wette, wir haben mindestens zehn Dollar eingenommen. Stell dir vor: Mr Allan will einen Bericht an die Zeitung in Charlottetown schicken.«

»Oh, Diana, wir werden unsere Namen gedruckt sehen! Wenn ich nur daran denke, rieselt mir schon ein freudiger Schauer über den Rücken. Dein Solo war einfach hinreißend, Diana. Ich war mächtig stolz auf dich, als die Zuschauer eine Zugabe verlangten. Ich dachte: Das ist meine liebe Busenfreundin, der diese Ehre zuteil wird.«

»Deine Gedichte haben auch begeisterten Applaus geerntet, Anne. Dieses traurige Gedicht war einfach himmlisch.«

»Ach, ich war ja so nervös, Diana. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt auf die Bühne kam. Ich hatte das Gefühl, als wären eine Million Augen auf mich gerichtet und würden mich mit ihren Blicken förmlich aufspießen. Einen Moment lang dachte ich, ich könnte überhaupt nicht anfangen. Doch dann fielen mir meine herrlichen Puffärmel ein, das hat mir Mut gemacht. Am Anfang schien mir meine eigene Stimme von ganz weit her zu kommen. Ein Glück, dass ich die Gedichte so oft auf dem Dachboden geübt habe, dass ich sie wie im Schlaf konnte, sonst wäre ich stecken geblieben. War der Seufzer gut?«

»Ja, du hast wunderbar geseufzt«, versicherte Diana.

»Auf dem Weg zurück zu meinem Platz habe ich gesehen, dass die alte Mrs Sloane sich ein paar Tränen abwischte. Was für ein schöner Gedanke, dass ich das Herz eines Menschen gerührt habe! Es ist so romantisch, bei einem Vortragsabend aufzutreten, nicht wahr? Es war ein denkwürdiges Ereignis.«

»Die Jungen haben auch sehr gut gespielt«, fuhr Diana fort. »Gilbert Blythe war wunderbar, Anne. Ich finde es ziemlich gemein, wie du ihn behandelst. Warte, lass mich ausreden. Als du nach der Szene mit den Feen von der Bühne gelaufen bist, fiel eine Rose aus deinem Haar. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Gilbert sie aufgehoben und in seine Brusttasche gesteckt hat. Du bist doch sonst so begeistert von romantischen Dingen. Ich finde, du könntest auch davon begeistert sein.«

»Was dieser Mensch tut, ist mir völlig gleichgültig«, sagte Anne, »und wenn es noch so romantisch ist. Ich verschwende keinen einzigen Gedanken an ihn, Diana.«

Nachdem Anne schon längst ins Bett gegangen war, saßen Marilla und Matthew, die zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder auf einer Veranstaltung wie dieser gewesen waren, noch eine ganze Weile zusammen in der Küche.

»Nun, ich glaube, unsere Anne konnte es mit allen anderen bestens aufnehmen«, sagte Matthew stolz.

»Ja, da hast du wohl Recht«, stimmte Marilla zu. »Sie ist ein kluges Kind und sie sah hübsch aus. Ich war zwar am Anfang gegen diese Sache, aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Jedenfalls war ich heute Abend stolz auf Anne. Ich werde mich allerdings hüten, ihr das zu sagen.«

»Ich war stolz auf sie und ich habe es ihr gesagt, bevor sie nach oben ging«, sagte Matthew. »Ich glaube, wir müssen uns bald noch etwas überlegen, Marilla: Die Dorfschule von Avonlea wird auf Dauer für sie nicht ausreichen.«