»Nun, ich hoffe, du lässt es dir eine Lehre sein«, sagte Marilla ernst. »Jetzt siehst du, wohin dich deine Eitelkeit gebracht hat. Am besten versuchen wir erst einmal, deine Haare gründlich zu waschen. Vielleicht geht die Farbe dann wieder raus.«
Doch in einem Punkt wenigstens hatte der Hausierer die Wahrheit gesagt: So gründlich Anne auch die Haare mit Seife und Wasser bearbeitete, die grüne Farbe ließ sich einfach nicht herauswaschen.
»Oh, Marilla, was soll ich nur tun?«, schluchzte Anne verzweifelt. »Ich bin das unglücklichste Mädchen von ganz Prince Edward Island!«
Es folgte eine traurige Woche, in der Anne das Haus nicht verließ und täglich ihre Haare wusch. Diana war die Einzige, die von ihrem traurigen Unglück erfahren durfte. Sie musste aber hoch und heilig versprechen, niemandem davon zu erzählen, und da sie eine treue Freundin war, hielt sie ihr Wort.
Am Ende der Woche sagte Marilla: »Es hat keinen Zweck, Anne. Wenn es jemals ein haltbares Färbemittel gegeben hat, dann das, was du diesem Hausierer abgekauft hast. Wir müssen deine Haare abschneiden, ich sehe keinen anderen Ausweg. So kannst du dich jedenfalls nirgends zeigen.«
Annes Lippen zitterten, aber sie wusste, dass Marilla die Wahrheit gesagt hatte. Mit einem schmerzlichen Seufzer ging sie die Schere holen. »Bitte, Marilla, schneid schnell alles auf einmal ab. - Mein armes Herz ist gebrochen! Und dabei ist es ein so unromantisches Leid. Im Roman verlieren manche Mädchen ihre Haare durch eine schwere Krankheit oder sie verkaufen sie für einen guten Zweck. Es hätte mir nur halb so viel ausgemacht, meine Haare auf diese Weise zu verlieren. Aber dass sie einem abgeschnitten werden müssen, weil man sie gefärbt hat, ist einfach ernüchternd. Ich glaube, ich werde die ganze Zeit über weinen, während du schneidest. Ich hoffe, es stört dich nicht. Ach, was für ein tragischer Augenblick!«
Dicke Tränen rollten über Annes Gesicht. Als sie später in ihr Zimmer ging, drehte sie stumm den Spiegel zur Wand.
Am folgenden Montag waren Annes kurze Haare natürlich die Sensation in der Schule. Sehr zu Annes Erleichterung schien niemand den wahren Grund für ihre ungewöhnliche Frisur erraten zu haben -noch nicht einmal Josie Pye, die es sich nicht nehmen ließ, Anne daraufhinzuweisen, dass sie wie eine Vogelscheuche aussähe.
»Ich habe gar nichts darauf gesagt«, vertraute Anne am Abend Marilla an, die Kopfschmerzen hatte und erschöpft auf dem Sofa lag. »Vielleicht ist ihr Spott ein Teil meiner gerechten Strafe. Es ist nicht leicht zu ertragen, wenn jemand zu einem sagt, man sähe aus wie eine Vogelscheuche. Aber ich habe ihr nur einen zornigen Blick zugeworfen - und dann habe ich ihr verziehen. Man fühlt sich so edel, wenn man jemandem verzeiht, findest du nicht auch? Ich will jetzt meine ganze Kraft darauf richten, Gutes zu tun, und ich will nie mehr versuchen schöner zu sein, als ich bin. Natürlich ist es viel besser, gut zu sein als schön, das weiß ich ganz genau. Manchmal ist es bloß so schwer, etwas zu glauben, selbst wenn man es ganz genau weiß. Ich will wirklich gut sein - so wie du und Mrs Allan und Miss Stacy. - Rede ich dir auch nicht zu viel, Marilla? Tut dein Kopf noch sehr weh?«
»Es ist schon ein bisschen besser. Am Nachmittag waren die Schmerzen wirklich furchtbar. Irgendwie wird es immer schlimmer mit diesen Kopfschmerzen. Ich muss wohl mal zum Doktor gehen. Und was dein Geplauder angeht - daran habe ich mich schon längst gewöhnt.«
Das war Marillas Art zu sagen, dass sie es gern hatte.
24 - Anne, die Lilienmaid
»Natürlich musst du die Elaine spielen, Anne«, sagte Diana. »Ich hätte nie den Mut dazu, mich auf dem Wasser treiben zu lassen.«
»Und ich erst recht nicht«, meinte Ruby Gillis zitternd. »Ich habe nichts dagegen, wenn wir zu zweit oder zu dritt im Boot sitzen und uns treiben lassen, dann macht es Spaß. Aber daliegen und so zu tun, als wäre ich tot - das könnte ich einfach nicht über mich bringen. Ich würde vor Angst tatsächlich sterben.«
»Natürlich wäre es sehr romantisch«, räumte Jane Andrews ein, »aber ich könnte es auch nicht. Ich würde mich immerzu aufsetzen und schauen, ob ich auch nicht zu weit forttreibe - und das würde alles kaputtmachen, nicht wahr, Anne?«
»Aber eine Elaine mit roten Haaren, das sieht doch lächerlich aus!«, murrte Anne. »Ich habe keine Angst und würde von Herzen gerne die Elaine spielen, die Lilienmaid, sie hat helle Haut und herrlich lange blonde Haare. Erinnert euch doch: >Elaines gold glänzendes Haar fiel üppig auf ihre Schultern< Ein rothaariges Mädchen kann unmöglich die Lilienmaid sein.«
»Dein Teint ist fast so hell wie der von Ruby«, erwiderte Diana. »Außerdem wirkt dein Haar so viel dunkler, seitdem du es abgeschnitten hast.«
»Oh, findest du wirklich?«, rief Anne und wurde vor Freude ganz rot. »Ich habe das selbst auch schon manchmal gedacht, aber ich habe mich nie getraut, jemanden danach zu fragen. Meinst du, man könnte es jetzt kastanienbraun nennen, Diana?«
»Ja, es ist jetzt wirklich schön«, sagte Diana und bewunderte die kurzen, seidigen Locken, die Annes Gesicht umrahmten.
Es war Annes Idee gewesen, ein Gedicht von Tennyson in Szene zu setzen. Sie hatten es im vorigen Winter in der Schule gelesen und so ausführlich besprochen, dass ihnen Lancelot, Guinevere und König Artus mit der Zeit richtig vertraut waren. Wie oft hatte Anne seitdem heimlich bedauert, nicht auf Camelot geboren worden zu sein. Damals war das Leben bestimmt viel romantischer.
Annes Idee war von den anderen Mädchen mit Begeisterung aufgenommen worden. Die Mädchen hatten herausgefunden, dass ein Kahn, den man bei der Landestelle von Orchard Slope ins Wasser ließ, auf den See hinaustrieb, unter der Holzbrücke hindurchschwamm und an einer bestimmten Stelle hinter der nächsten Biegung des Sees wieder an Land stieß. Diese Strecke schien für Elaine, die Lilienmaid, wie geschaffen zu sein.
»Gut, ich werde Elaine spielen«, willigte Anne schließlich ein. »Ruby, du bist König Artus, Jane ist Guinevere und Diana ist Lancelot. Zuerst müsst ihr allerdings noch die Brüder und Väter spielen. Auf den stummen alten Diener, der die Leiche begleitet, müssen wir verzichten, im Boot ist einfach kein Platz mehr. Wir brauchen allerdings noch ein Leichentuch aus schwarzer Seide für die Barke. Das könnte der alte Schal deiner Mutter sein, Diana.«
Eilig wurde der Schal herbeigeholt, Anne legte ihn auf den Boden des Kahns, streckte sich dann darauf aus, schloss die Augen und faltete die Hände über der Brust.
»Oh, Gott! Sie sieht wirklich aus wie tot«, flüsterte Ruby Gillis. »Ich habe Angst! Meint ihr wirklich, dass das richtig ist, was wir machen? Mrs Lynde sagt, Theaterspielen sei eine Sünde.«
»Sei still, Ruby, und fang jetzt nicht mit Mrs Lynde an«, schimpfte Anne. »Du verdirbst die ganze Wirkung! Außerdem liegt das Hunderte von Jahren zurück, da war Mrs Lynde noch gar nicht geboren. Jane, sorg du für alles Weitere. Es geht doch nicht an, dass Elaine noch sprechen muss, obgleich sie schon längst tot ist.«
Jane folgte Annes Weisung, in Ermangelung eines goldenen Tuches wurde Anne mit einer alten Klavierdecke zugedeckt; eine große blaue Iris in Annes gefalteten Händen ersetzte die weiße Lilie.