Anne und Diana schwärmten noch Jahre später von ihrem Besuch in der Stadt. Von Anfang bis Ende war es ein gelungener Ausflug.
Am Mittwoch verbrachten sie den ganzen Tag mit Miss Barry auf dem Jahrmarkt.
»Es war wunderbar«, erzählte Anne später Marilla. »Ich habe gar nicht geahnt, dass es so etwas Interessantes geben kann. Die Pferde, die Pflanzen und die Handarbeiten haben mir am besten gefallen. Mrs Lynde haben wir auch getroffen, sie hat einen Preis für hausgemachte Butter und ihren Käse gewonnen. Als ich sie als einziges vertrautes Gesicht unter all diesen fremden Leuten entdeckt habe, habe ich erst gemerkt, wie gern ich sie mag. Ich habe noch nie so viele Leute auf einem Fleck gesehen, Marilla. Unter ihnen habe ich mich schrecklich unbedeutend gefühlt. - Miss Barry ist mit uns auch zu der großen Tribüne gegangen, wo sie das Pferderennen sehen konnten. Mrs Lynde ist allerdings nicht mitgekommen. Sie meinte, Pferderennen seien etwas ganz Schädliches und sie als Mitglied der Kirche hätte die Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen und dem Rennen fernzubleiben. Es waren allerdings so viele Leute da, dass Mrs Lyndes Abwesenheit wahrscheinlich niemandem aufgefallen ist. - Dann haben wir noch einen Mann mit einem Ballon fliegen sehen. Ich würde so gerne auch einmal mit einem Ballon fliegen, Marilla! Es muss einfach himmlisch sein. Da war auch noch ein Mann, der die Zukunft Voraussagen konnte. Man musste ihm zehn Cents bezahlen, dann pickte ein kleiner Vogel nach einer Karte, auf der man etwas über seine Zukunft lesen konnte. Auf meiner stand, dass ich einen dunkelhaarigen, sehr reichen Mann heiraten und mit ihm über das Wasser fahren würde, um mit ihm in einem fernen Land zu leben. Ich habe mir danach alle dunkelhaarigen Männer sorgfältig angeschaut, aber keiner von ihnen hat mir besonders gefallen. - Ach, es war ein unvergesslicher Tag, Marilla! Ich war so müde, dass ich nachts nicht einschlafen konnte. Miss Barry hat uns im Gästezimmer einquartiert - genau wie sie es versprochen hatte. Es war ein elegantes Zimmer, Marilla, aber irgendwie ist es doch nicht so schön, in einem Gästezimmer zu schlafen, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Ich glaube, das ist das Schlimmste am Erwachsenwerden: Die Dinge, die man als Kind so gerne haben wollte, sind gar nicht mehr so wunderbar, wenn man sie schließlich bekommt.«
Am Donnerstag hatten sie einen Ausflug in den großen Stadtpark gemacht. Abends hatte Miss Barry sie dann mit in ein Konzert in der Musikakademie genommen, wo eine bekannte Primadonna einen Liedervortrag gab. Das war für Anne ein ganz besonderes Erlebnis. »Ich war so aufgeregt, Marilla, dass ich noch nicht einmal sprechen konnte - und das will schon einiges heißen, wie du weißt. Die Sängerin war wunderschön und zu ihrem Kleid aus weißem Satin trug sie glitzernde Diamanten. Als sie zu singen begann, schien die Welt um mich zu versinken. Es war, als würde ich in die Sterne schauen. Tränen traten mir in die Augen. Ach, es ging viel zu schnell vorbei. Ich wusste gar nicht, wie ich jemals wieder ins normale Leben zurückfinden sollte, und Miss Barry meinte, vielleicht würde mir ein großer Eisbecher im Restaurant gegenüber dabei helfen. Sie hatte Recht: Das Eis schmeckte köstlich, Marilla! - Diana sagte, sie wäre für das Stadtleben geboren. Miss Barry fragte mich nach meiner Meinung, aber ich sagte ihr, ich müsse mir die Antwort erst gut überlegen. Also dachte ich vor dem Einschlafen darüber nach — ich finde, das ist sowieso die beste Zeit zum Nachdenken - und kam zu dem Schluss, dass ich nicht für das Stadtleben geboren bin. Ab und zu mag es sehr schön sein, abends um elf nach einem Konzert noch einen Eisbecher zu verzehren, aber im Allgemeinen möchte ich um diese Zeit doch lieber in meinem Zimmer im Ostgiebel liegen und wissen, dass die Sterne vor meinem Fenster leuchten und der Wind draußen in den Tannen rauscht. Das habe ich Miss Barry am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt. Sie hat gelacht. Miss Barry lacht sowieso über fast alles, was ich sage — selbst über die ernsthaftesten Dinge. Ehrlich gesagt gefällt mir das nicht besonders an ihr. Aber sie ist eine sehr gastfreundliche alte Dame und hat uns ganz wunderbar bewirtet.«
Am Freitag fuhr dann Mr Barry in die Stadt, um die beiden Mädchen abzuholen.
»Nun, ich hoffe, es hat euch gefallen«, sagte Miss Barry zum Abschied. »Und wie es uns gefallen hat!«, antwortete Diana.
»Dir auch, kleine Anne?«
»Ich habe jede einzelne Minute genossen«, rief Anne, schlag ihre Arme um den Hals der alten Frau und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Miss Barry stand auf der Veranda und winkte den beiden kleinen Mädchen noch lange nach. Dann ging sie seufzend in ihr großes Haus zurück. Sie fühlte sich plötzlich sehr einsam.
>Ich habe Marilla Cuthbert für eine Närrin gehalten, als ich hörte, dass sie ein Waisenkind adoptiert hat<, dachte sie. >Aber jetzt glaube ich, sie hat genau das Richtige getan. Wenn ich ein Kind wie Anne im Haus hätte, wäre auch ich eine glücklichere Frau.<
Für Anne und Diana war die Heimfahrt genauso angenehm wie die Hinfahrt - ja, sogar noch angenehmer, denn am Ende der Reise wartete ihr Zuhause auf sie. Die Sonne ging gerade unter, als sie bei White Sands auf die Küstenstraße stießen. Vor ihnen hoben sich die Hügel von Avonlea schwarz gegen den roten Himmel ab. Die mächtigen Wellen brachen sich laut an den Felsen unter ihnen und die Luft roch nach frischem Seetang.
Als Anne wenig später zu Fuß über die alte Holzbrücke kam, winkte ihr das Küchenlicht von Green Gables ein freundliches Willkommen. Durch die offene Tür drang die Wärme des Herdfeuers hinaus in den kühlen Septemberabend. Fröhlich rannte Anne den Hügel hinauf und trat in die Küche, wo schon eine Schüssel heiße Suppe auf sie wartete. »Du bist zurück?« Marilla faltete ihr Strickzeug zusammen.
»Ja, und ... ach, Marilla, es ist so schön, wieder zu Hause zu sein!«, sagte Anne freudig. »Ich könnte alles umarmen und küssen - sogar die alte Standuhr dort drüben! Aber Marilla, ist das etwa ein gegrilltes Hähnchen? Das hast du doch wohl nicht extra meinetwegen gemacht?«
»Doch, das habe ich«, sagte Marilla. »Ich dachte mir, du würdest nach der langen Fahrt bestimmt sehr hungrig sein und etwas besonders Leckeres brauchen. Beeil dich und zieh deine Sachen aus. Sobald Matthew hereinkommt, wollen wir essen. Ich bin froh, dass du wieder da bist! Ohne dich war es schrecklich einsam hier. Noch nie sind mir vier Tage so lang erschienen.«
Nach dem Abendessen setzten sie sich ans Feuer und Anne gab Matthew und Marilla einen ausführlichen Bericht über ihre Erlebnisse in der Stadt.
»Es war eine wunderbare Zeit - ein Meilenstein in meinem Leben«, schloss sie glücklich. »Aber das Schönste von allem war, wieder nach Hause zu kommen.«
26 - Miss Stacy macht einen Vorschlag
Marilla legte ihr Strickzeug in den Schoß und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Ihre Augen schmerzten. Das nächste Mal, wenn sie in der Stadt war, müsste sie ihre Brille erneuern lassen, ihre Augen wurden in letzter Zeit schnell müde.
Es war November und abends schon sehr früh dunkel. Das einzige Licht in der Küche kam von dem rot glühenden Ahornholz im Ofen. Mit verschränkten Beinen hockte Anne auf dem Boden und starrte unverwandt in die tanzenden Flammen. Sie hatte gelesen, doch ihr Buch war auf den Boden geglitten. In ihren Träumen bestand sie in fernen Ländern wunderbare Abenteuer, die mit den Missgeschicken ihres täglichen Lebens wenig zu tun hatten.
Marilla betrachtete das Mädchen mit einer Zärtlichkeit, die sie in einem helleren Licht als dieser sanften Mischung aus Feuerschein und Schatten nie zu zeigen gewagt hätte. Offen über ihre Zuneigung zu sprechen und sie in Worten und Blicken auszudrücken - das war etwas, was Marilla Cuthbert in ihrem Leben wohl nie mehr lernen würde. Aber sie hatte gelernt, dieses Mädchen zu lieben, und gerade weil sie dieses Gefühl in sich verbarg, spürte sie es manchmal umso stärker. Sie hatte Angst, vor lauter Liebe zu nachsichtig mit Anne zu werden. Es kam ihr sündhaft vor, ihr Herz so sehr an einen anderen Menschen zu hängen. Vielleicht legte sie sich selbst, ohne es zu wissen, dafür eine Art Strafe auf, indem sie nach außen hin strenger und härter war, als es eigentlich ihren Gefühlen entsprach. Anne wusste nicht, wie sehr Marilla sie liebte. Manchmal dachte sie traurig, dass es sehr schwer war, Marilla zufriedenzustellen, und dass es der alten Frau an Mitgefühl und Verständnis fehlte. Doch dann fiel ihr immer wieder ein, wie viel sie Marilla verdankte.