Graves ignorierte den zweiten Teil seiner Frage. »Gestern Abend«, sagte er. »Miss Preussler hat uns das Abendessen zubereitet - ein ganz vorzügliches Abendessen, nebenbei bemerkt -, und danach haben wir uns zurückgezogen. Wir gehen hier früh schlafen, müssen Sie wissen. Wir arbeiten vierzehn Stunden am Tag, manchmal auch mehr.«
Wilson zog es vor, die Spitze zu überhören. »Und heute?«, fragte er.
»Wir haben seit Sonnenaufgang gearbeitet«, antwortete Graves. »Das Frühstück bereiten wir uns im Allgemeinen selbst. Miss Preussler ist nicht unsere Köchin. Sie ist nur hergekommen, um Professor VanAndt zu besuchen. Deshalb ist ihr Fehlen auch bisher niemandem aufgefallen. Ich glaube, wir alle sollten uns in Miss Preusslers Namen bei Ihnen bedanken, Wer weiß, wie es ihr ergangen wäre, wären Sie nicht zufällig im richtigen Moment vorbeigekommen.«
»Das war kein Zufall«, antwortete Wilson.
Graves lächelte knapp, kramte eine Zigarette aus seiner Westentasche und schnippte fast in der gleichen Bewegung ein Streichholz an. Lag es wirklich nur an der winzigen, grell flackernden Flamme, dass Mogens den Eindruck hatte, irgendetwas versuche mit aller Kraft, aus dem Gefängnis seiner schwarzen Handschuhe zu entkommen?
»Sondern?«, fragte Graves, nachdem er einen ersten, tiefen Zug genommen und eine graue Rauchwolke zielsicher in Wilsons Gesicht gesabbert hatte.
»Ich war ohnehin auf dem Weg zu Ihnen, Doktor Graves«, antwortete Wilson ungerührt.
»Und warum?«
»Ich fürchte, dass ich in einer etwas unangenehmen Angelegenheit zu Ihnen komme«, antwortete Wilson, wobei er sich nicht die geringste Mühe gab, zu verhehlen, wie sehr er diese Worte genoss. »Ich habe Ihnen ein Schreiben des Gerichts zu übergeben.«
»Welchen Inhalts?«, fragte Graves ungerührt.
Auf dem Bett ließ Miss Preussler einen sonderbaren Laut hören; eine Mischung aus einem Stöhnen und etwas, das vielleicht ein Wort werden sollte, aber nur zu einem verschwommenen Murmeln wurde. Dennoch warf Wilson einen fast schuldbewussten Blick in ihre Richtung und deutete dann zur Tür. »Vielleicht besprechen wir das lieber draußen«, schlug er vor.
Graves deutete ein Schulterzucken an und wandte sich ohne ein weiteres Wort zur Tür; wenn auch nicht, ohne Mogens einen warnenden Blick zuzuwerfen, ihm bloß nicht zu folgen.
Mogens hatte nichts dergleichen vorgehabt. Wenn Graves Probleme mit der Justiz hatte, so interessierte ihn das allerhöchstens insofern, dass sie gar nicht groß genug sein konnten. Er wartete gerade lange genug ab, bis Graves und der Sheriff das Haus verlassen hatten, dann ließ er sich behutsam auf die Bettkante sinken und griff nach Miss Preusslers Hand.
Ihre Haut fühlte sich warm an, auf eine unangenehme Art warm: fiebrig. Sie reagierte auf die Berührung, wenn auch erst nach einer geraumen Weile - sie drehte mühsam den Kopf und sah ihn an, und nachdem weitere, schier endlose Sekunden verstrichen waren, erschien die Andeutung eines Lächelns auf ihren Zügen.
»Professor«, sagte sie.
»Mogens«, antwortete Mogens. »Meine Freunde nennen mich Mogens.« Er machte eine rasche, abwehrende Bewegung, als Miss Preussler antworten wollte, denn er konnte ihr ansehen, wie sehr sie das Sprechen anstrengte. »Nicht reden«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung. Sie sind jetzt bei uns. Hier kann Ihnen niemand etwas tun.«
Tom sah ihn an, als hege er gewisse Zweifel an dieser Behauptung, und auch Miss Preussler sah nicht wirklich überzeugt aus, oder gar beruhigt.
»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte er. Miss Preussler fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, fast als müsse sie erst prüfen, ob sie tatsächlich durstig war. Mogens wollte sich mit einer entsprechenden Bitte an Tom wenden, doch der Junge war bereits aufgestanden und eilte zum Tisch. Als er zurückkam, trug er jedoch kein Glas oder Becher in der Hand, sondern eine flache Emailleschüssel und einen Schwamm, mit dem er behutsam Miss Preusslers Lippen betupfte. Er wartete geduldig, bis sie die Tropfen mehrmals hintereinander abgeleckt hatte, dann tauchte er den Schwamm tiefer in seine Schüssel, drückte ihn aus und begann anschließend sehr behutsam, ihr Gesicht und ihren Hals zu säubern.
Die Zärtlichkeit, mit der Tom zu Werke ging, rührte Mogens. Trotz der ohnehin nicht wirklich ernst gemeinten kleinen Zänkereien zwischen ihnen hatten sich Tom und Miss Preussler vom ersten Moment an gut vertragen, nun aber fragte er sich, ob Tom nicht möglicherweise mehr in ihr sah; vielleicht die Mutter, die ihm viel zu früh weggenommen worden war.
»Fühlen Sie sich jetzt besser?«, fragte er, nachdem er fertig war und die Schüssel neben sich auf den Boden gestellt hatte. Die Hände wischte er sich kurzerhand an der Jacke ab, und Mogens war sicher, in Miss Preusslers Augen trotz ihres bejammernswerten Zustandes ein missbilligendes Funkeln zu erkennen.
»Viel besser«, sagte sie. »Danke, Thomas. Du bist ein guter Junge.«
Tom war das unübersehbar peinlich. Er stand hastig auf, trug die Schüssel zurück zum Tisch und beschäftigte sich einige Augenblicke lang damit, vermutlich vollkommen sinnlos herumzuklappern.
Gerade, als er zurückkam, drang von draußen Graves' Stimme herein. Mogens konnte die Worte nicht verstehen, aber sie klangen sehr laut und überaus wütend. Nur einen Augenblick später hörten sie das Zuschlagen einer Autotür, und ein Automobil fuhr weg.
»Das klingt nach Ärger«, sagte Tom.
Wahrscheinlich war es gut, dass Mogens nicht dazu kam, darauf zu antworten, denn Tom hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als die Tür aufflog und ein äußerst übellauniger Graves hereinstampfte.
»Dummköpfe!«, schimpfte er. »Verdammtes Ignorantenpack! Und so was nennt sich Wissenschaftler!«
»Was ist passiert?«, fragte Mogens.
Graves wedelte ärgerlich mit einem schmal zusammengefalteten Blatt Papier, auf dem ein amtlich aussehendes Siegel prangte. »Unsere geschätzten Kollegen von nebenan«, ereiferte er sich.
»Die Geologen?«, fragte Tom.
»Maulwürfe!«, stieß Graves fast hasserfüllt hervor. »Verdammte Dreckwühler! Sie sind einfach nicht in der Lage, über den Rand der Löcher hinauszublicken, die sie selbst gebuddelt haben! Aber das lasse ich nicht auf mir sitzen. Diese so genannten Wissenschaftler werden sich noch wundern!«
Dann, ganz plötzlich, verschwand der wütende Ausdruck wie weggeblasen von seinem Gesicht und machte einem breiten Grinsen Platz. »War ich überzeugend?«, fragte er.
Mogens blinzelte, und auch Tom sah ihn mit einem Ausdruck vollkommener Verwirrung an.
»Doktor Graves?«
Graves' Grinsen wurde noch breiter, während er das Schriftstück mit einer nachlässigen Bewegung in der Innentasche seines Jacketts verschwinden ließ. »Ich hoffe doch, ich war überzeugend. Schließlich wollte ich unseren geschätzten Ordnungshüter nicht enttäuschen.«
»Was war das für ein Schreiben, das er dir übergeben hat?«, fragte Mogens.
Graves machte eine wegwerfende Handbewegung »Ein Gerichtsbeschluss, den unsere geschätzten Kollegen erwirkt haben«, antwortete er. »Er verbietet mir und jedem Mitglied meiner Gruppe, die Höhle noch einmal zu betreten, bevor sich nicht eine Kommission von Sachverständigen davon überzeugt hat, dass von unserer Arbeit keine Gefahr ausgeht. Ich kann mir schon vorstellen«, fügte er in verächtlichem Ton hinzu, »wie sich diese Kommission zusammensetzt!«
»Wir dürfen unsere Arbeitsstelle nicht mehr betreten?«, fragte Tom ungläubig.
»Bei Androhung einer Strafe von tausend Dollar«, bestätigte Graves fröhlich. »Für jedes Mal, wenn wir gegen diesen Beschluss verstoßen.«
»Aber das können sie doch nicht!«, protestierte Tom.
»Ich fürchte, sie können es doch«, antwortete Graves und schlug mit der flachen Hand dorthin, wo er das Blatt unter seinem Jackett trug.