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»Während du in Selbstmitleid und Kummer versunken bist, habe ich versucht, das Rätsel zu lösen! Ich habe sie gesucht, Mogens - und ich habe sie gefunden.« Er gestikulierte - plötzlich wütend - in Richtung des Friedhofs und fuhr noch lauter fort: »Sie sind nicht nur hier, Mogens. Es gibt sie überall! Nicht nur hier und in Harvard, sondern überall auf der Welt. Überall, wo Menschen beerdigt werden, da sind auch sie. Sie leben von den Toten, Mogens. Unsere Friedhöfe sind ihre Futtertröge! Ich weiß noch nicht genau, was sie sind, oder woher sie kommen, aber ich glaube, dass sie existieren, so lange es Menschen gibt. Sie sind unsere Aasgeier, Mogens.«

»Du bist ja verrückt«, sagte Mogens. Aber sein Protest klang nicht einmal in seinen eigenen Ohren echt.

Graves ignorierte ihn auch einfach. »Die Menschen wissen von ihnen«, fuhr er fort. »Sie haben es immer gewusst. Sie leben in ihren Legenden, Mogens. Die Werwölfe. Die Widergänger und Ghoule und Untoten.« Er schüttelte grimmig den Kopf. »Du hast es immer gewusst. Du wolltest es nur nicht wissen. Du verleugnest dieses Wissen, weil du den Gedanken nicht erträgst.«

»Das... das ist absurd«, stammelte Mogens. Er wusste selbst nicht mehr wirklich, warum er das sagte, aber Graves beantwortete diese Frage für ihn.

»Du willst es nicht wahrhaben, weil es Janices Tod kleiner machen würde«, sagte er hart. »Weil es bedeuten würde, dass nichts Besonderes daran war.«

»Hör auf!«, sagte Mogens. Seine Stimme zitterte.

Aber Graves hörte nicht auf. Seine Stimme wurde schneidend, und ein bewusst verletzender Unterton mischte sich hinein. »Ich kann dir versichern, es war nichts Außergewöhnliches daran«, fuhr er fort. »Ich jage diese Ungeheuer seit neun Jahren, seit dem Tag, an dem ich Harvard verlassen habe! Du hast dich wie ein verletztes Tier in ein Loch verkrochen, um deine Wunden zu lecken, aber ich habe sie gesucht, Mogens! Und ich habe sie gefunden, überall auf der Welt! Hier! In Europa! In den Wüsten Asiens und den Dschungeln Südamerikas, auf den eisigen Hängen des Himalaja und in den Savannen Afrikas! Sie sind überall, Mogens, und ich kann dir eins versichern: Was dir widerfahren ist, ist rein gar nichts Außergewöhnliches. Du glaubst, es wäre der Teufel persönlich, der aus der Hölle heraufgestiegen ist, um dich zu bestrafen?« Er lachte böse. »Du täuschst dich, Mogens. So wichtig bist du nicht. Es war nichts Besonderes. Es ist vorher passiert, und es wird weiterhin passieren. Einfach...«, er schnippte mit den Fingern; ein Laut, der durch das schwarze Leder seiner Handschuhe zu einem sonderbar weichen, flüssigen Geräusch gemacht wurde, »... so.«

»Hör auf, Jonathan!«, wimmerte Mogens. »Du weißt ja nicht, was du da redest! Was weißt du von Verlust?«

»Oh, du glaubst, ich hätte nicht dafür bezahlt?«, schnappte Graves. Wütend hob er die Hände und streckte Mogens die gespreizten Finger entgegen. Etwas Dunkles, Wogendes erschien in seinen Augen, wie ein schwarzes Aufblitzen, das Mogens instinktiv einen halben Schritt vor ihm zurückweichen ließ. »Du täuschst dich! Ich habe bezahlt, mehr, als du dir auch nur vorstellen kannst, Mogens! Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch jemals sehen sollte. Und ich habe mehr dafür bezahlt, als irgendein Mensch je bezahlen sollte.« Er nahm die Hände herunter und schüttelte trotzig den Kopf. »Aber habe ich aufgegeben? Nein! Ich verkrieche mich nicht beleidigt in einer Ecke und hadere mit dem Schicksal, Mogens. Und du solltest endlich auch damit aufhören!«

»Warum tust du mir das an, Jonathan?«, wimmerte Mogens. Er zitterte am ganzen Leib. Graves' Gestalt begann vor ihm zu verschwimmen, als heiße Tränen in seine Augen schossen. Er versuchte nicht einmal mehr, sie zurückzuhalten. »Warum tust du mir das an?«

»Damit du aufhörst, dich selbst zu zerfleischen, Mogens.« Graves' Stimme wurde sanft. »Deine Trauer um Janice in Ehren, aber neun Jahre sind genug. Du tust Janice keinen Gefallen damit, Mogens. Wenn du etwas für sie tun willst, dann hilf mir, das Geheimnis dieser Ungeheuer zu lüften. Wenn die Welt erst einmal weiß, dass sie existieren, dann können wir sie auch bekämpfen.«

»Sagtest du nicht gerade selbst, dass die Menschen es gar nicht wissen wollen?«, fragte Mogens bitter.

»Dann hilf mir, sie dazu zu zwingen!«, antwortete Graves. »Wenn wir der Welt beweisen, dass es sie gibt, wird sie die Augen nicht länger vor der Wahrheit verschließen können!«

Mogens schwieg lange. Endlos lange. Er wusste nicht, was er in dieser Zeit dachte, was in ihm vorging. Etwas zerbrach in diesen Momenten in ihm, lautlos und seltsam undramatisch, aber auch endgültig. Graves hatte Recht, mit jedem einzelnen Wort, das er gesagt hatte. Genau wie ein verletztes Tier sich an einen dunklen, stillen Ort zurückzieht, um zu sterben, hatte er sich in den letzten neun Jahren seines Lebens in einem staubigen Kellerloch in Thompson verkrochen, um seinen Schmerz zu pflegen. Das Selbstmitleid, das Graves ihm - zu Recht - vorgeworfen hatte, war zugleich auch alles gewesen, was ihm überhaupt noch die Kraft gegeben hatte, am Leben zu bleiben. Graves hatte ihm auch das jetzt noch genommen. Nun hatte er nichts mehr. Er fühlte sich leer.

»Und was erwartest du jetzt von mir?« Selbst diese wenigen Worte hervorzubringen kostete ihn fast mehr Kraft, als er noch hatte. Auch in ganz handfestem Sinne: Das Gefühl des Ausgelaugtseins beschränkte sich nicht nur auf seine Seele. Er musste die Hand ausstrecken und sich an Graves' Wagen festhalten, um überhaupt noch auf den Beinen zu bleiben.

»Dass du dich entscheidest, Mogens«, antwortete Graves. »Jetzt. Ich weiß, es ist unfair. Es kommt zu schnell, und ich lasse dir nicht wirklich eine Wahl. Aber auch mir bleibt keine Wahl. Und keine Zeit. Sag nein, und ich lasse dich noch heute von Tom zum Bahnhof bringen. Mach dir keine Sorgen wegen Sheriff Wilson - ich bringe das in Ordnung. Ich gebe dir eine Fahrkarte zurück nach Thompson, oder wohin auch immer du willst, und das Gehalt für ein Jahr. Oder du kommst mit mir nach unten, und wir erlösen den armen Tom endlich aus der Gesellschaft deiner entzückenden Zimmerwirtin.«

Noch einmal vergingen endlose Sekunden quälenden Schweigens, aber dann drehte sich Mogens demonstrativ zu dem großen Zelt in der Mitte des Lagerplatzes herum und holte hörbar Luft. »Gehen wir Tom retten«, sagte er. Und vielleicht den Rest der Welt.

23.

Eines wurde Mogens recht schnell klar: Zumindest im Augenblick hatte es Tom eindeutig nötiger als die Welt, gerettet zu werden. Obwohl der Generator lief und mit seinem gleichmäßigen Tuckern jedes andere Geräusch zu übertönen versuchte, hörten sie Miss Preusslers Stimme schon, als sie die Leiter hinabstiegen und in die unterirdische Anlage eindrangen. Graves sagte nichts, aber Mogens entging weder sein unwilliges Stirnrunzeln noch die Tatsache, dass er schneller ausschritt, je mehr sie sich der Tempelkammer näherten.

»Davon war nicht die Rede, verdammt«, knurrte er. »Er sollte ihr lediglich den Gang zeigen!«

»Jetzt bist du zu hart mit Tom.« Mogens hatte Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. »Ich habe dir schon mal gesagt: Wenn sich Miss Preussler einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann erreicht sie es im Allgemeinen auch.«

Graves' Stirnrunzeln wurde noch tiefer, aber er sagte nichts mehr, sondern schritt nur noch schneller aus, sodass sie kaum eine Minute später in die große, von elektrischen Glühbirnen fast taghell erleuchtete Tempelkammer traten. Miss Preussler war im ersten Moment zwar nicht zu sehen, aber ganz und gar unüberhörbar. Ihre Stimme drang hinter der schwarzen Totenbarke hervor, und nun erschien auch auf Mogens' Gesicht ein besorgter Ausdruck. »Die Geheimtür ist doch hoffentlich...«